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Ausgerechnet im nachgebauten Berliner Schloss soll neun Monate lang an den Palast der Republik erinnert werden. „Zynisch“ nennen das die Autoren eines Offenen Briefes1, die einst mit Energie und Phantasie für eine Nachnutzung der imposanten Stahlstruktur gekämpft hatten. Zur jetzigen Ausstellung wurden Zeitzeugen befragt, darunter die Künstlerin Getraude Pohl – Autorin dieses Beitrags –, die schon am Aufbau des Palastes beteiligt war. Ihre Reflexion offenbart eine Sichtweise, die in den Debatten um die Schlossreplik viel zu selten öffentlich wahrgenommen wurde.
Das falsche Schloss
Das neue, falsche Schloss präsentiert nicht nur sich selbst in kaiserlich preussischer Kulisse, sondern sogleich auch die Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus kolonialer Zeit unter dem Stichwort „Dialog der Kulturen der Welt“. Natürlich kollidierte das Konzept mit der internationalen Kritik am Umgang mit dem verdrängten deutschen Kolonialerbe und erforderte vielfaches Umsteuern der Ausstellungsinhalte und letztlich auch des politischen Handelns. Das Unerwartete: Je mehr Energie man am neuen Schlossplatz in die Auslöschung und die Umdeutung der jüngsten wie der älteren Geschichte investierte, desto präsenter wurde sie. In Worten der Dichterin Ingeborg Bachmann: „... doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand“.2
Gertraude Pohl: Wahnsinn – Kreuzworte in den Proportionen eines Palastes. Installation aus 36 Tafeln, verschiedene Kunststoffe, 125 x 445 cm. 2010. (Bild: Anna-Maria Pohl)
Gertraude Pohl: Wahnsinn – Kreuzworte in den Proportionen eines Palastes. Installation aus 36 Tafeln, verschiedene Kunststoffe, 125 x 445 cm. 2010. (Bild: Anna-Maria Pohl)
Das neue Schloss: kulissenhaft im Stadtraum. "Architektur und Demokratie. Bauen für die Politik von der amerikanischen Revolution bis zur Gegenwart" – Ingeborg Flagge und Wolfgang Jean Stock hatten 1992 Themen in einer Breite aufgegriffen, die in der "Berliner Republik" mehr und mehr eingeschränkt worden ist. Im westlich selbstgefälligen "Wir sind wieder wer" wurden viele damals angesprochene Aspekte deutscher Geschichte schlichtweg ignoriert oder entsorgt. (Bild: Wilfried Dechau)
Das neue Schloss: kulissenhaft im Stadtraum. "Architektur und Demokratie. Bauen für die Politik von der amerikanischen Revolution bis zur Gegenwart" – Ingeborg Flagge und Wolfgang Jean Stock hatten 1992 Themen in einer Breite aufgegriffen, die in der "Berliner Republik" mehr und mehr eingeschränkt worden ist. Im westlich selbstgefälligen "Wir sind wieder wer" wurden viele damals angesprochene Aspekte deutscher Geschichte schlichtweg ignoriert oder entsorgt. (Bild: Wilfried Dechau)
Gertraude Pohl: Palast der Republik, Bodenintarsie im Hauptfoyer, Naturstein, 1975/76 (Foto: Gisela Stappenbeck)
Gertraude Pohl: Palast der Republik, Bodenintarsie im Hauptfoyer, Naturstein, 1975/76 (Foto: Gisela Stappenbeck)
Deutsch-deutsche Geschichte
Denkmale bei Nacht. Palast der Republik Berlin Mitte, Demontage 2005 (Foto: Anna-Maria Pohl)
Denkmale bei Nacht. Palast der Republik Berlin Mitte, Demontage 2005 (Foto: Anna-Maria Pohl)
Wieviel klüger wäre es gewesen, nach der Staatenwende soziale Wunden und Entwurzelung zu heilen im Sinne gleichberechtigter Wiedervereinigung, statt neue gesellschaftliche Brüche zu erzeugen, wiederum aus der Position von erklärten Siegern der Geschichte. Mit Sorge sehen wir seither und bis heute Entwicklungen der politischen Entfremdung und der staatsbürgerlichen Radikalisierung von Menschen in unserem Umfeld, den Unzufriedenen, den Nicht-Teilhabenden, den Querdenkern und den geistig Heimatlosen. Ist das der Preis, den eine Gesellschaft bezahlt für die Auslöschung von Erinnerung und Identität?
Das ist es mir wert
- 1Der Offene Brief im Wortlaut: http://schlossdebatte.de/zur-ausstellung-hin-und-weg-der-palast-ist-gegenwart-im-humboldt-forum/ Ingeborg Bachmann: Was wahr ist. Letzte Strophe: "Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand."
- 2Der Offene Brief im Wortlaut: http://schlossdebatte.de/zur-ausstellung-hin-und-weg-der-palast-ist-gegenwart-im-humboldt-forum/ Ingeborg Bachmann: Was wahr ist. Letzte Strophe: "Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand."