Stilkritik (30): Wir sind viele, aber wer sind "wir"? In der Diskussion um die kollektive Selbstvergewisserung spielen die Architektur und Symbole eine wichtige Rolle. Keine einfache Diskussion, denn beliebig kann man Symbolen kollektive Bedeutungen nicht zuweisen. Die Debatte sollte deswegen entsprechend sensibel geführt werden. Davon kann leider keine Rede sein.
Leider keine Leitbauten: Die FH von Potsdam im Stadtzentrum. Die Gebäude sollen abgerissen werden. (Bilder: Christian Holl)
Leider keine Leitbauten: Die FH von Potsdam im Stadtzentrum. Die Gebäude sollen abgerissen werden. (Bilder: Christian Holl)
Um wessen Identität geht es?
In Berlin hat am vergangenen Freitag der Stiftungsrat des Humboldt Forums verlauten lassen, dass es dabei bleibe, dass die Kuppel des Berliner Schlosses mit Kreuz errichtet werde (und nicht ohne, wie es manche forderten). Denn, anschnallen, „alles andere wäre Geschichtsklitterung und Verfälschung.“ 6 Man fragt sich manchmal, für wie dumm man eigentlich noch verkauft werden soll. An diesem so genannten Berliner Schloss ist so ziemlich alles entweder Geschichtsklitterung oder Verfälschung, wenn nicht beides. Denn jede Rekonstruktion ist Geschichtsklitterung und Verfälschung, der Natur der Sache entsprechend: Sie trachtet danach, einen geschichtlichen Akt ungeschehen zu machen, der das Gebäude zum Verschwinden gebracht hat, das rekonstruiert wird oder werden soll. Das muss nicht verwerflich sein. Aber man sollte wissen und sagen, was man tut. Mit bewundernswerter Unverdrossenheit schreibt der wackere Nikolaus Bernau Artikel um Artikel, um mit der Ambivalenz des Schlosses, das kein Schloss ist, umzugehen, und das Gebäude als ein „Museums- und Kulturzentrum, das in Grundrissen, Räumen und Nutzungen nichts mit dem 1950 auf Befehl der SED gesprengten Schloss zu tun hat“ zu verstehen. 7
„Palast des Zweifels“, Lars Ø Ramberg, 2005. Bild: / Andreas Praefcke
„Palast des Zweifels“, Lars Ø Ramberg, 2005. Bild: / Andreas Praefcke
Und um wessen Geschichte geht es?
Diese Aushandlung ist freilich keine Kaffeekränzchen-Plauderei, sondern mitunter auch knallharte Machtdemonstration im Sinne der Mehrheit oder des Stärkeren. Mal brachial, mal subtil, mal perfide. Worunter das fällt, womit Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich für das Kuppel-Kreuz stark machte, mögen Sie selbst entscheiden: "Das Angebot eines offenen Hauses, wie es das Humboldt Forum sein will, ist nur glaubwürdig, wenn wir uns unserer eigenen Wurzeln bewusst sind und sie auch zeigen. Nur wer sich seiner Identität sicher ist, kann dem anderen Raum geben, ohne sich bedroht zu fühlen.“ 8 Womit wir wieder bei de Maizière sind. Anscheinende gibt es auch für Frau Grütters ein „wir“, das darüber entscheidet, was „unsere“ Wurzeln sind: Wer „wir“ zu sein haben. Und wer nicht zu "uns" gehört.
Um in diesem Spiel nicht in Sippenhaft genommen zu werden, haben sich die Gründungsdirektoren des Forums, Hermann Parzinger, Neil McGregor und Horst Bredekamp, dafür ausgesprochen, den Schriftzug „Zweifel“ des norwegischen Künstler Lars Ø Ramberg an der Ostseite des Humboldt Forums anzubringen. Ramberg hatte ihn für den Palast der Republik entworfen, er war kurz vor dessen Abriss angebracht worden. 9 Eine schlaue Idee der Herren Gründungsdirektoren, die den Zweifel als Prinzip der Wissenschaft manifestiert hätte, deren Geist man sich damit verpflichtet zeigen würde. "Zweifel" könnte aber auch frei auf alle anderen Diskussionen um den Bau des Humboldt Forums angewendet werden . Der Architekt, Franco Stella, sieht darin denn auch eine Verunstaltung seiner Architektur. Schade. Stella ist wohl doch so humorvoll, wie es der Ostflügel des Schlosses befürchten lässt, also überhaupt nicht. Allerdings ist auch Lars Ø Ramberg noch nicht einmal angefragt worden. Er zweifelt zudem an der Idee von Parziner, McGregor und Bredekamp, unter anderem, weil er noch nicht sicher sein kann, dass seine Arbeit nicht einfach instrumentalisiert und der Konflikt verharmlost würde: „Wenn man den Zweifel auf das Dach stellt, darf man nicht denken: Ach, jetzt ist alles wieder gut.“ 10
Kuppel des Humboldt Forum im Bau, Juni 2016. Bild: /Ernstol
Kuppel des Humboldt Forum im Bau, Juni 2016. Bild: /Ernstol
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