Monika Grütters (Bild: PR Bundesregierung, Elke Jung-Wolff)
Monika Grütters (Bild: PR Bundesregierung, Elke Jung-Wolff)
Panik
Im Haushaltsausschuss des Bundes wird entschieden, wie und wo die Steuergelder ausgegeben werden. 2019 lag der Kulturetat beispielsweise bei 1,9 Mrd Euro. Berichterstatter des von CDU/CSU dominierten Haushaltsausschusses im Bereich Kultur sind lt. telefonischer Auskunft beim Bundestag Otto Fricke (FDP), Patricia Lips (CDU), Johannes Kahrs (SPD), Marcus Bühl (AfD), Gesine Lötzsch (Linke) und Anja Hajduk (Grüne).
Für den Denkmalschutz im gesamten Bundesgebiet sind im Kulturetat schüttere 40 Mio Euro vorgesehen. 63 Mio Euro stehen dieses Jahr allein für das Berliner Humboldt-Forum im Etat.1, 2
Pathos
Vor dem 14. November hatten sich Niklas Maak in der FAZ/ FAS, Hanno Rauterberg in der Zeit, Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung deutlich gegen die aberwitzige Eile beim Museum der Moderne ausgesprochen und neben den Kosten Argumente bezüglich Architektur, Sammlerintentionen und Stadtplanung vorgebracht.4) Jörg Häntzschel hatte in der Süddeutschen Zeitung klar gegen die Notwendigkeit des Museums argumentiert, woraufhin sich die Stiftung Preussischer Kulturbesitz gleich glaubte wehren zu müssen.5)
Meldet sich auch ungefragt, aber mit gutem Recht zu Wort: Stephan Braunfels schlägt das Museum an anderem Standort (links im Bild) vor, zeigt aber vor allem, dass Mies van der Rohes Nationalgalerie (wird derzeit aufwändig saniert) und Scharouns Philharmonie als Solitäre Platz brauchen. Von dem könnten alle profitieren, die sich draußen aufhalten wollen, ohne in den Tiergarten zu eilen. (Bild: braunfels-architekten.de)
Meldet sich auch ungefragt, aber mit gutem Recht zu Wort: Stephan Braunfels schlägt das Museum an anderem Standort (links im Bild) vor, zeigt aber vor allem, dass Mies van der Rohes Nationalgalerie (wird derzeit aufwändig saniert) und Scharouns Philharmonie als Solitäre Platz brauchen. Von dem könnten alle profitieren, die sich draußen aufhalten wollen, ohne in den Tiergarten zu eilen. (Bild: braunfels-architekten.de)
Kein Cent für Frankfurt, München, Karlsruhe
In Frankfurt hatte Heinrich Klotz 1984 das Deutsche Architekturmuseum (DAM) gegründet. Der 1996 verstorbene Heinrich Klotz ist der international im 20. Jahrhundert bedeutendste und einflußreichste deutsche Architekturhistoriker, Kurator und Sammler im Bereich Architektur gewesen. Vom DAM gingen und gehen weitreichende Impulse zu jeweiligen auch internationalen Architekturdiskursen aus.
Mit Ausstellungen und Diskursen weit über die Grenzen hinaus wirkt auch das Architekturmuseum in der Münchener Pinakothek der Moderne, dessen Profil von Winfried Nerdinger geprägt worden ist. Und das Karlsruher saai schickt sich an, mit seiner exzellenten Sammlung auch zur Architektur und Stadtplanung des 20. und 21. Jahrhunderts national ohnehin, aber auch international zu wirken. Hintergrund bilden Universitäten mit wissenschaftlichem Anspruch.
All diese Einrichtungen repräsentieren die Republik als föderal gewachsene und deswegen starke, vielfältige Kulturnation. Vom Bund bekommen sie, von ganz wenigen Einzelprojekten abgesehen, keinen einzigen Cent!
Föderale Kultur
Denn Zentralisierung von Macht (zum Beispiel Haushalts-Verteilung Richtung "Hauptstadt"), Großmannssucht und nationalistische Überheblichkeit (zum Beispiel Staatsministerin Grütters) – all das scheint einzutreten. In der offiziellen Termin-Auswahl auf der Website der Staatsministerin 7) sind zwischen dem 8. und 24. November 2019 beispielsweise 11 Termine aufgeführt, davon einer in Marienborn, einer in Brüssel, aber neun in Berlin, wo Monika Grütters, die auch mal für den Vorsitz der Berliner CDU im Gespräch war, ihren Wahlkreis hat (Mahrzahn-Hellersdorf).
Parteipolitik und persönliche Eitelkeiten in hohen Ämtern bescheren uns im Bereich Baukultur gerade Entscheidungen, die der kulturgeschichtlichen, föderalen Entwicklung des Landes und seinen internationalen Aufgaben nicht gerecht werden. Auch Teile der Kulturpresse verschließen sich fachlichen Argumenten, was der öffentlichen Debatte schadet.
Was derweil den politisch brisanten Architektur- und Planungsdiskurs erkenntnisträchtiger in Aufruhr versetzt, wird in politischen Kreisen weitgehend ignoriert. Die durch die KollegInnen von Archplus initiierte "Rechte Räume"-Debatte zeitigt gerade eine gewisse Versachlichung, weil die in der Archplus Nr. 235 (wurde gerade neu aufgelegt) angegriffenen Historiker und Architekten aus Köln, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe und andere zu Wort kommen.3 Dazu demnächst mehr.
Kulturelle Praxis
3) Birgit Rieger: Wenn schon teuer, dann wenigstens gut. Auf einmal mögen alle das Museum der Moderne. In: Der Tagesspiegel, 19.11.2019 (https://www.tagesspiegel.de/kultur/wenn-schon-teuer-dann-wenigstens-gut-auf-einmal-moegen-alle-das-museum-der-moderne/25242272.html)
4) Hanno Rauterberg: Halbgute Garnichtlösung. Scheitert das teuerste deutsche Museumsprojekt? In: Die Zeit, 5. Juni 2019 (https://www.zeit.de/2019/24/nationalgalerie-berlin-museumsprojekt-neubau-finanzierung)
- ders.: Und noch ein paar Milliönchen mehr. Das Museum der Moderne wird zum Finanzloch. In: Die Zeit, 19.9.2019
siehe auch Anmerkungen > hier
5) Jörg Häntzschel, https://www.sueddeutsche.de/kultur/museum-der-moderne-berlin-kosten-groesse-1.4661203 und https://www.sueddeutsche.de/kultur/museum-der-moderne-berlin-1.4681230
> Die Stiftung Preussischer Kulturbesitz dazu: https://www.preussischer-kulturbesitz.de/meldung/article/2019/10/30/zur-aktuellen-debatte-um-das-museum-des-20-jahrhunderts-am-kulturforum/
6) Swantje Karich: Wir bauen billiger als das New Yorker MoMA. In: Die Welt, 10.11.2019 (https://www.welt.de/kultur/architektur/plus203332956/Museumsstreit-Jacques-Herzog-und-Udo-Kittelmann-stellen-sich-Kritik.html)
7) https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/aktuelles/termine (aufgerufen am 22.11.2019)
Das ist es mir wert
- 1https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/staatsministerin-und-ihr-amt/kulturhaushalt
- 2https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/staatsministerin-und-ihr-amt/kulturhaushalt
- 3https://www.archplus.net/home/archiv/ausgabe/46,231,1,0.html