Herzog & de Meuron sind Sieger des Wettbewerbs zum neuen Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts in Berlin. Ein jahrelanger Disput geht damit zu Ende, in dem es um die Wertschätzung der Architektur und das Stadtverständnis genau jener Zeit ging, für deren Kunst jetzt das Museum gebaut wird. Es wäre kein guter Wettbewerb, wenn das Ergebnis allzu einhellig begrüßt würde – das bestätigt der Blick auf die Ergebnisse. Die so gut sind, dass der Disput darüber, ob der Standort der richtige ist, endlich eine gute Grundlage hätte.
Ganz oben: Herzog & de Meuron überbauen fast das gesamte Grundstück. Übrig bleiben kleine Plätze und enge Räume zur Matthäikirche; Nationalgalerie und Scharoun-Ensemble verzwergen. Oben: Im Hintergrund die Nationalgalerie von Mies van der Rohe. An der Potsdamer Straße wird das neue Museum mit seiner Ziegelfassade den öffentlichen Raum dominieren (Bilder: © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin)
Ganz oben: Herzog & de Meuron überbauen fast das gesamte Grundstück. Übrig bleiben kleine Plätze und enge Räume zur Matthäikirche; Nationalgalerie und Scharoun-Ensemble verzwergen. Oben: Im Hintergrund die Nationalgalerie von Mies van der Rohe. An der Potsdamer Straße wird das neue Museum mit seiner Ziegelfassade den öffentlichen Raum dominieren (Bilder: © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin)
Grundstück und bebaubares Feld (© lindner-fotograf.de / Bildbearbeitung SPK)
Grundstück und bebaubares Feld (© lindner-fotograf.de / Bildbearbeitung SPK)
Modell des Entwurfs von Herzog & de Meuron
(© Winfried Mateyka)
Modell des Entwurfs von Herzog & de Meuron
(© Winfried Mateyka)
Vorgeschichte und Ablauf des Wettbewerbs, der nach der Subventionszusage des Bundestages Fahrt aufnahm. Auf einmal ging alles sehr schnell. (Bild: www.nationalgalerie20.de)
Vorgeschichte und Ablauf des Wettbewerbs, der nach der Subventionszusage des Bundestages Fahrt aufnahm. Auf einmal ging alles sehr schnell. (Bild: www.nationalgalerie20.de)
Querschnitt; Die Firsthöhe des neuen Museums liegt bei 16 Metern, die Traufe bei 8,70 Metern. (Presseabbildung; Copyright: Herzog & de Meuron)
Querschnitt; Die Firsthöhe des neuen Museums liegt bei 16 Metern, die Traufe bei 8,70 Metern. (Presseabbildung; Copyright: Herzog & de Meuron)
Das Haus
Diesen Panoramablick aus der Nationalgalerie, der je nach Jahreszeit ins Grüne und zum benachbarten Scharoun-Ensemble reichte, wird es nicht mehr geben. Hier wird man auf die Giebelwand des neuen Museums schauen. (Bild: Ursula Baus)
Diesen Panoramablick aus der Nationalgalerie, der je nach Jahreszeit ins Grüne und zum benachbarten Scharoun-Ensemble reichte, wird es nicht mehr geben. Hier wird man auf die Giebelwand des neuen Museums schauen. (Bild: Ursula Baus)
Von links: Hermann Parzinger (Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz), Monika Grütters Staatsministerin für Kultur und Medien), Jacques Herzog (Architekt), Arno Lederer (Juryvorsitzender) und Regula Lüscher (Senatsbaudirektorin); dahinter: Michael Eissenhauer (Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin). (Bild: Ursula Baus)
Von links: Hermann Parzinger (Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz), Monika Grütters Staatsministerin für Kultur und Medien), Jacques Herzog (Architekt), Arno Lederer (Juryvorsitzender) und Regula Lüscher (Senatsbaudirektorin); dahinter: Michael Eissenhauer (Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin). (Bild: Ursula Baus)
Politik im Größenwahn
Zurück zum Kulturforum: Scheune, Bahnhof, Hütte, Schuppen, Tempel, Zelt – die Assoziationen zum Bauwerk schießen ins Kraut, was ja nicht schadet. Die Baseler Architekten hatten erst kürzlich in Weil am Rhein mit einem fast identischen Konzept schon mal geübt. Zwischen Zaha Hadids legendärem Feuerwehrhaus-Solitär von 1993 und dem Werksgelände setzten sie ein einfaches Ziegelhaus mit Schaulager-Charakter.**
* zum Audio-Stream >>>
** siehe Kw 24/2016 >>>
„Haus“ mit Ziegelfassaden und Satteldach: Schaulager auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein; links Zaha Hadids Feuerwehrhaus von 1993. (Bild: Ursula Baus)
„Haus“ mit Ziegelfassaden und Satteldach: Schaulager auf dem Vitra-Campus in Weil am Rhein; links Zaha Hadids Feuerwehrhaus von 1993. (Bild: Ursula Baus)
Neue, offene Bezüge zwischen Drinnen und Draußen, auf die es Mies van der Rohe ankam, wird es so nicht mehr geben. (Bild: Ursula Baus)
Neue, offene Bezüge zwischen Drinnen und Draußen, auf die es Mies van der Rohe ankam, wird es so nicht mehr geben. (Bild: Ursula Baus)
Ort und Funktion
Denn nicht zuletzt, um einem Irrtum zu begegnen: Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), die selten außerhalb von Berlin gesichtet wird, verkündete nach der Jurysitzung, der Ideenwettbewerb zum Berliner Kulturforum (Anm.: 2014) habe gezeigt, dass hier – und nur hier – das neue Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts gebaut werden könne. Da irrt sie, denn es entzündete sich auch an diesem Wettbewerb, an dem etwa 400 Büros teilgenommen hatten, gerade deswegen heftige Kritik.* Zu viele nutzbare Quadratmeter auf einem zu kleinen Grundstück, Monofunktionalität eines Kunstquartiers: Wissen wir nicht längst besser, dass ein Museum an einer Einkaufsmeile Passanten für anderes als das Einkaufen begeistern kann? Dass kein Museum ohne Shopping-Ambiente auskommt? Wäre ein offenes Ausstellungshaus für die Kunst des 20. Jahrhunderts nicht zwischen Kanzleramt und Abgeordnetenhäusern oder einem anderen, zu belebendem Ort ein Coup?
* wir kommentierten, siehe Kw 38/2015 >>>
So soll der Innenraum des neuen Museums von Herzog und de Meuron aussehen. © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin
So soll der Innenraum des neuen Museums von Herzog und de Meuron aussehen. © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin
Außen- und Innenwelten
Am Kulturforum hatte sich ein offenes, eigentlich stimmiges Stadtkonzept gefügt, das aber leider nie als solches gepflegt wurde. Wenn das gesamte Gebiet von Landschaftsarchitekten entrümpelt und als Ausleger des Tiergartens mit dezidiertem, urbanen Aufenthaltscharakter ausgearbeitet worden wäre, könnte man nicht von einer „zugigen Brache“ reden. Schnee von gestern, jetzt wird das Kulturforum zugebaut und hübsch verplatzelt, den Musikstudenten und vielen anderen wird auch das gefallen. Doch im zunehmend uniform zugebauten Berlin wird Mancher die Weite vermissen, die Mies van der Rohes Nationalgalerie und Hans Scharouns Philharmonie bis heute eindrucksvoll verorten. Meisterwerke sind es, weil sie damals wirklich
neue Bezüge zwischen Drinnen und Draußen sowie neue konstruktive, formale, stadträumliche Experimente vergegenwärtigen. Diese Einzigartigkeiten werden primär nach innen rücken, weil die außenräumliche Weite fehlen wird.
Es mag sein, dass Herzog & de Meuron deswegen im Innenraum mit Raffinesse ihre Gestaltungsfreiheit erobert haben, mit der sie so souverän umzugehen wissen.
Lob der Vielfalt
So zeugt schließlich der Wettbewerb als Ganzes auch von ambitionierten Architekten. Nur Einer kann gewinnen, wenn gebaut werden soll. Herzog & de Meuron sei alles Gute gewünscht, um in Berlin, der Vorhölle des Bauens als Grauen, ein gutes Museum zustande zu bringen. Einem der eindrucksvollsten, stadträumlichen Ensembles im Nachkriegs-Berlin wurde allerdings von politischer Seite keine Chance gegeben.
* Alle Entwürfe des Realisierungswettbewerbes werden vom 18. November 2016 bis 8. Januar 2017 im Kulturforum zu sehen sein.
2. Preis: © Lundgaard & Tranberg Arkitekter A/S, Kopenhagen, Dänemark mit SCHØNHERR A/S, Kopenhagen, Dänemark
2. Preis: © Lundgaard & Tranberg Arkitekter A/S, Kopenhagen, Dänemark mit SCHØNHERR A/S, Kopenhagen, Dänemark
3. Preis: © Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin, Deutschland mit capatti staubach Landschaftsarchitekten, Berlin, Deutschland, Bild: Winfried Mateyka
3. Preis: © Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin, Deutschland mit capatti staubach Landschaftsarchitekten, Berlin, Deutschland, Bild: Winfried Mateyka
Anerkennung: © Office for Metropolitan Architecture (OMA); Rotterdam, Niederlande mit Inside Outside, Amsterdam, Niederlande
Anerkennung: © Office for Metropolitan Architecture (OMA); Rotterdam, Niederlande mit Inside Outside, Amsterdam, Niederlande
Anerkennung: © Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa/S A N A A, Tokyo, Japan mit Bureau Bas Smets, Brüssel, Belgien
Anerkennung: © Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa/S A N A A, Tokyo, Japan mit Bureau Bas Smets, Brüssel, Belgien