Berlin, Reichstag, 1992 (Bild: Wilfried Dechau)
Berlin, Reichstag, 1992 (Bild: Wilfried Dechau)
"Ich glaube", "selbstverständlich"
"Ich glaube, in den 40 Jahren, in denen wir geteilt waren, hätten die allermeisten von uns auf die Frage, wo denn Parlament und Regierung sitzen werden, wenn wir die Wiedervereinigung haben, die Frage nicht verstanden und gesagt: selbstverständlich in Berlin."
Schäuble "glaubte", redete von einem "wir", das es so nicht gab, und was ihn bewog, anzunehmen, dass "die allermeisten", ohne die Frage zu verstehen, "selbstverständlich in Berlin" antworten würden, lässt sich nicht nachvollziehen, sondern nur als rhetorische Volte begreifen.2Schäubles Rede ist voll von Allgemeinplätzen und Politgeschwafel – sei's drum, sie bilden politiktypisch die Garnitur der gewieften Gedankenführung, mit der die Zuhörerschaft überzeugt werden soll, und sie gehören zum Politikgeschäft, das rhetorisch immer an Propaganda grenzt. Aber Schäubles politisch-rhetorische Raffinesse funktionierte anders.
Berlin, Reichstag und Abgeordnetenhäuser (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Berlin, Reichstag und Abgeordnetenhäuser (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Die "Zukunft Deutschlands"
"Für mich ist es – bei allem Respekt – nicht ein Wettkampf zwischen zwei Städten, zwischen Bonn und Berlin. Es geht auch nicht um Arbeitsplätze, Umzugs- oder Reisekosten, um Regionalpolitik oder Strukturpolitik. Das alles ist zwar wichtig, aber in Wahrheit geht es um die Zukunft Deutschlands. Das ist die entscheidende Frage."
Hier leuchtet ein damals wie heute befremdliches Pathos auf, das in der Rhetorik als emotionale Überzeugungsweise gilt – bar jeder Vernunft, denn was ahnte, geschweige wusste Schäuble von "Wahrheit" und der "Zukunft Deutschlands"? Um wessen Zukunft sollte es gehen?
Nicht einmal ein politisch, sondern populär genutztes Bauwerk mitten in der DDR-Hauptstadt: links der inzwischen abgerissene Palast der Republik (Bild: Wilfried Dechau, 1992)
Nicht einmal ein politisch, sondern populär genutztes Bauwerk mitten in der DDR-Hauptstadt: links der inzwischen abgerissene Palast der Republik (Bild: Wilfried Dechau, 1992)
"Vollendung"
Die Vollendung als Notwendigkeit für ein finales Gelingen der "Volkseinheit" ist ein fast peinliches pathetisches Motiv, denn eine Einheit zu vollenden hieße, genauso wie die Floskel "es wächst zusammen, was zusammen gehört" (die Schäuble nicht verwendete), eine Angleichung der DDR an die BRD zu bewerkstelligen. Hinterfragt wurde das Pathos nicht, es wurde: akzeptiert. Diskutieren wollte Schäuble nicht mehr, er wollte entscheiden. Das war nunmal seine Aufgabe als Politiker. Doch gilt es in Erinnerung zu halten, auf welchen Grundlagen nicht nur mit Schäubles Rede entschieden wurde: auf Pathos, Glauben und politisch sieghaften Vorstellungen.
"Deutschland krempelt die Ärmel hoch". Die von Frank Stella gebaute Rückseite des rekonstruierten Schlosses beziehungsweise Humboldt-Forums (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
"Deutschland krempelt die Ärmel hoch". Die von Frank Stella gebaute Rückseite des rekonstruierten Schlosses beziehungsweise Humboldt-Forums (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
"Symbol"
Wie Wolfgang Schäuble darauf kam, in Berlin die hier artikulierte Symbolik zu erkennen, entbehrt jeder Logik und geschichtlicher Realität, die Jahrhunderte weiter zurück reicht als bis 1953 – auch wenn Schäuble nur die Zeit der Landesteilung im Sinn hatte, ist eine Hauptstadtentscheidung vor ganz anderem Zeithorizont zu treffen. Und die rhetorisch wieder geschickt, aber völlig hypothetisch gestellte Frage, ob "wir" wiedervereinigt wären ohne Berlin, konnte Schäuble auch nur mit einem Glaubensbekenntnis beantworten: "Ich glaube es nicht."
"Deutschland, die Deutschen, wir haben unsere Einheit gewonnen, weil Europa seine Teilung überwinden wollte. Deshalb ist die Entscheidung für Berlin auch eine Entscheidung für die Überwindung der Teilung Europas."
Hier klingen die alten Feindbilder des Kalten Krieges an, die europäisch kontextualisiert und edelmütig verbrämt sind. Was Berlin mit der Teilung Europas zu tun hat? Das sagte Wolfgang Schäuble nicht.
Berlin, Kanzleramt | Architekten: Axel Schultes und Charlotte Frank (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Berlin, Kanzleramt | Architekten: Axel Schultes und Charlotte Frank (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Mehr Pathos geht nicht
Hier wird nun alles aufgefahren, was politpathetisch, ja, theatralisch wirksam serviert werden kann. Schäuble sagte es selbst: Es ging nicht um Bonn oder Berlin. Dabei ging es genau darum. Es ging ihm darum, die Dominanz eines westlich-kapitalistisch geprägten Gesellschaftssystems gen Osten zu manifestieren und zu verstetigen. Berlin war die Hauptstadt der DDR. Und wäre ein Identifikationsort für den "linken" Flügel deutscher Politik geblieben. Deswegen sollte Berlin die westlich geprägte Gesamthauptstadt werden, deswegen sollte in den folgenden Jahren alles abgerissen werden, was auch nur irgendwie nach DDR aussah oder roch.
Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert. München, Beck 2023
Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert. München, Beck 2023
Systemkonkurrenz: Weg da, jetzt kommen wir
Und damit sind wir bei den weitreichenden Folgen für Planungs- und Architekturentwicklungen in Deutschland, die mit der damals von Wolfgang Schäuble maßgeblich beeinflussten Entscheidung pro Berlin bestimmt worden sind. Wolfgang Schäuble hatte schließlich auch die "Deutsche Einheit" mit Günther Krause als Leiter der "DDR-Delegation" verhandelt.6 Peter Conradi (1932-2016, SPD), seinerzeit der Architekt im Parlament, meinte damals spontan zu mir, er habe sich durch Schäubles Rede in der Berlin-Frage umstimmen lassen. Aber Jahre später, als er, Peter Conradi, seinen Geburtstag im bereits halb abgerissenen Palast der Republik in Berlin feierte, hörte er sich ganz anders an.
Faktisch wäre, wenn die Regierung in Bonn geblieben wäre, Berlin als Identifikationsort für Menschen der ehemaligen DDR erhalten und damit mit deren eigener Identität und Lebensweise akzeptiert worden. Der Palast der Republik, das Außenministerium, das Ahornblatt, der Baumgartensche Reichstagsumbau – all das und mehr gäbe es noch. Der Furor, mit dem Hans Stimmann seinerzeit gegen all dies wetterte und agierte, weil es "sozialistisch" war, hätte bundespolitisch kaum Rückendeckung gefunden, wäre die Regierung in Bonn geblieben. Heinrich Klotz, Gründungsdirektor des DAM in Frankfurt, warf seinerzeit den in Berlin wirkenden Personen »Machtallüren«, Einschränkung der Bauvielfalt und die Rückkehr zum Klassizismus der Nazis vor.7
Humboldtforum und ehemaliges Staatratsgebäude, 1962-64 von Roland Kern und Hans Erich Bogatzky gebaut, heute private Universität "Hertie-School". (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Humboldtforum und ehemaliges Staatratsgebäude, 1962-64 von Roland Kern und Hans Erich Bogatzky gebaut, heute private Universität "Hertie-School". (Bild: Wilfried Dechau, 2021)
Neonationalismus
Es geht nicht darum, zu bestreiten, dass die DDR ein "Unrechtsstaat" gewesen ist. Es geht darum, menschliches Dasein und seine Entwicklung höher zu bewerten als politsystemische Prioritäten. Erspart geblieben wäre der gesamtdeutschen Bundesrepublik vielleicht, dass Bewohner der ehemaligen DDR sich übergangen, überrannt, geringgeschätzt fühlten – was sie nun mal wurden.
Der Regierungsumzug kostete abgesehen davon und anders als Wolfgang Schäuble es glauben machen wollte, doch sehr, sehr viel Geld. Gerade Schäuble, dem in den Nachrufen gerade die "schwarze Null" finanzpolitisch als kurzsichtig und engstirnig vorgehalten wird, hätte dies benennen können.8
Die nun in die Jahre gekommene Regierungsarchitektur in Berlin in einem Revisit zu kommentieren, steht dringend an. Die These sei erlaubt, dass sie dort, wo sie im Bestand entwickelt worden ist, deutlich besser wegkommt als in den Neubauten, in denen sich vor allem semiotische Banalität und ikonographische Ratlosigkeit niedergeschlagen haben – etwa im Kanzleramt, in den Abgeordnetenhäusern. Um wenigstens etwas zu reflektieren, was passierte, hatte Volker Hassemer das Stadtforum gegründet, eine ambitionierte, aber leider weitgehend folgenlose Veranstaltungsreihe.9 Auch der "Berliner Architekturstreit" verlief im Sande, zumal er sich ab ovo im Formalen erschöpfte hat.10
Die Berliner Republik
Dieser kurze Blick auf die Entscheidung, Berlin als Hauptstadt zu wählen, und darauf, wie sie entstanden ist, ruft die Verbindung von Politik, Macht und Planung ins Gedächtnis, die damals von völlig unangebrachtem Pathos dominiert war.12
Welches "Volk" herrscht jetzt?
Der Historiker Heinrich August Winkler meinte kürzlich, als er auch zur Krise der Demokratie befragt wurde: "Deutschland hat sich nach 1945 nicht nur in zwei Staaten gespalten, es sind auch zwei politische Kulturen entstanden. Unter der Decke eines verordneten Antifaschismus konnten sich im Osten alte Vorbehalte gegenüber der westlichen Demokratie in stärkerem Maße behaupten als im Westen – Reflexe gegenüber den Vereinigten Staaten, apologetische Lesarten der deutschen Geschichte und traditionelle Formen von deutschem Nationalismus. [...] In den westlichen Demokratien haben fast überall Kräfte an Boden gewonnen, die sagen: Die sogenannten Herrschenden regieren über unsere Köpfe der sogenannten einfachen Leute hinweg. Das ist seit dem späten 19. Jahrhundert das Motto aller Populisten. [...] Nach dem Untergang des Sowjetkommunismus [...] ging die Notwendigkeit verloren, sich der eigenen Werte bewusst zu bleiben."13
Wahlen im Jahr 2024 bescheren eventuell eine Hauptstadt, die umgeben ist von AfD-regierten Bundesländern. Wen wundert das?
Das ist es mir wert
- 1online bei youtube: https://www.youtube.com/watch?v=kQquMGINTr8; in schriftlicher Form: https://www.tagesschau.de/inland/regional/berlin/rbb-stimmen-sie-mit-mir-fuer-berlin-schaeubles-historische-rede-zur-hauptstadtfrage-100.html
- 2Alle Zitate aus Wolfgang Schäubles Rede sind der auf tagesschau.de publizierten Fassung entnommen.
- 3Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert. Geschichte, Gesellschaft, Funktionen. München, C. H. Beck 2023, Seite 437-624
- 4Nerdinger, a.a.O., Seite 626
- 5Nerdinger, Seite 625
- 6https://deutsche-einheit-1990.de/deutsche-einheit/der-einigungsvertrag/
- 7Spiegel, 42/1994; siehe Kähler, 1995
- 8Heribert Prantl: Der Diener des Staates. In: Süddeutsche Zeitung, 28.12.2023; Livia Gerster: Irgendwie immer da. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2023
- 9Volker Hassemer im Gespräch. In. taz, 4/2021: https://taz.de/Ex-Senator-zum-Berliner-Stadtforum/!5760694/
- 10Berliner Architekturstreit: > Gert Kähler (Hrsg.): Einfach schwierig. Eine deutsche Architekturdebatte. Ausgewählte Beiträge 1993–1995 (Bauwelt-Fundamente 104). Berlin 1995 (Rezension von Wolfgang Kil: https://taz.de/Eine-kurze-Verschnaufpause-im-Gefecht/!1493116/) > Florian Hertweck: Der Berliner Architekturstreit. Architektur, Stadtbau, Geschichte und Identität der Berliner Republik 1989-1999. Berlin 2010 > Uwe Rada: Welches Berlin hätten Sie denn gern? http://www.uwe-rada.de/themen/stadt_welches.html > Bruno Klein, Paul Sigel (Hrsg.): Konstruktion urbaner Identität. Zitat und Rekonstruktion in Architektur und Städtebau der Gegenwart. Berlin 2006
- 11siehe auch den Beitrag von Christian Holl in dieser Ausgabe
- 12Martin Gessmann: Pathos/pathetisch. In: Karlheinz Barck, Martin Fontius u.a. (Hrsg.): Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 4, Stuttgart 2002, Seite 724-739 Norbert Bolz (Hrsg.): Das Pathos der Deutschen. München 1997; Cornelia Zumbusch (Hrsg.): Pathos. Zur Geschichte einer problematischen Kategorie. Berlin 2010
- 13Der Westen ist von innen mehr bedroht als von außen. Heinrich August Winkler im Gespräch mit Ralph Bollmann. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2023