Wir müssen reden. Über Politik. Schon 2017 sprach Olaf Scholz – damals Erster Bürgermeister Hamburgs – von einer »Zeitenwende« und wies mit ihr auf eine rosige Zukunft. So funktionieren Politik und auch Wissenschaft leider allzuoft: Mit werbetauglichen Begriffen und Narrativen inszenieren und historisieren sich Personen, die selbst- und machtbewusst sind. Denn was Kanzler Scholz jetzt als »Zeitenwende« bezeichnet, soll eine 100 und mehr Milliarden Euro teure Aufrüstung der Bundesrepublik und einen politischen Kurswechsel rechtfertigen. Aber zum einen lässt sich kaum von einer Zeitenwende sprechen, zum andern fehlen die 100 Milliarden an anderen, für eine friedliche Zukunft wichtigeren Stellen.
Lobbys folgen, Wähler pampern – versäumte »Wenden«
Dagegen dürfte jedoch nichts unversucht bleiben, Kriege mit vernünftigen Instrumenten, Verfahren, Strategien statt mit Waffen so schnell es eben geht ein Ende zu bereiten. Zum Beispiel mit einem Verzicht auf russische Energielieferungen und jetzt radikal anzugehenden »Wenden«, die seit Jahrzehnten versprochen werden, aber an Lobbyisten und am Blick auf den Wählerwohlstand gescheitert und politische Lachnummern geworden sind: Energie- und Verkehrswenden, die eklatant wichtig für unsere Infrastruktur, Städte, Architektur und Landschaften sind. Und jetzt hilfreich im Widerstand gegen Putins Aggressionen wären.
So finanzieren wir Russlands Krieg, aber keinem Autofahrer darf der Verzicht auf seine Vergnügungsfahrten oder die Benutzung von ÖPNV oder die Fahrt mit dem Fahrrad zugemutet werden. Lindner schlägt allen Ernstes Tankrabatte vor, die auch jedem Porsche- und SUV-Fahrer zugute kämen. Keiner Wählerin darf man offenbar androhen, dass sie ihre Wohnung ein bis zwei Grad kühler halten solle. Kein Unternehmen darf offenbar leiden, obwohl mit Kurzarbeit und eben Teilen der 100 Milliarden gegengesteuert werden könnte. Stattdessen geht ausgerechnet Robert Habeck bei den Saudis betteln.
Die Panik, mit der sich Bundespolitiker derzeit bewegen, rührt auch daher, dass der Krieg »in Europa« geführt wird. Grausame Zerstörungskriege gibt es aber weltweit kontinuierlich – Krim, Tschetschenien, Jemen, Afghanistan, Syrien und so weiter liegen aber nicht vor der Haustür. Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Krieg eine »Zeitenwende« bewirken soll, bloß weil er näher als andere Kriege geführt wird. Aufgeschreckt ist auch die Nato, obwohl alle, die sich mit Sicherheitspolitik befassen, Putins aggressive Kriegsführung und seine Großmachtgelüste kennen.4 Und wissen, dass man ihn mit Waffen nicht gewinnen kann.5
Diplomatie, Hilfe, Verzicht
100.000.000.000,00 Euro
Wohnraum für Flüchtende? (Bild: Ursula Baus)
Wohnraum für Flüchtende? (Bild: Ursula Baus)
Die Liste dessen, was einer Energiewende seit Jahrzehnten entgegengesetzt wird, ist unüberschaubar lang. Wenn es jetzt nicht geboten ist, dem ein Ende zu setzen, wann dann? Auch von der Industrie kann erwartet werden, dass sie massiv in neue Energiekonzepte investiert und Konsequenzen für ihre weltweiten Billigstproduktionsketten zieht.
Das Gleiche gilt für den Verkehrssektor. Autofreie Sonntage, Tempolimits, Straßen entlasten, bezahlbare ÖPNV- und Zug-Tickets – dergleichen bedingt, dass in effiziente Verkehrsstrukturen investiert wird. Das könnte schnell gehen, und viele der 100 Bundeswehrmilliarden währen dabei besser investiert.
Zeitenwende
Das ist es mir wert
- 1https://www.youtube.com/watch?v=1T8VtNxBWWA 2021 betrug der Bundeshalt inklusive Nachtragshaushalt etwa 550 Mrd. Euro.
- 2Peter Dausend, Robert Pausch, Mark Schieritz, Holger Stark: What a day. Eine Rekonstruktion. In: DIE ZEIT, 10. März 2022, Seite 6-7
- 3»Vizekanzler Robert Habeck und Außenministerin Annalena Baerbock von den Grünen wollen es so nicht gewusst haben. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich auch nicht. Der Kanzler setzt auf die Überwältigung des Moments, und darauf, dass sich der Rest findet. Es ist ein Rendezvous mit der Geschichte.« Daniel Brössler: Stille Macht. In: Süddeutsche Zeitung, 18. März 2022, Seite 3
- 4»Putin sagt sehr wohl, was er denkt. Er sagt es seit Jahren, nur wollte man im Westen nicht so genau hinhören.« Catherine Merridale im Gespräch mit Christian Mayer, Süddeutsche Zeitung, 5./6. März 2022, Seite 54
- 5»Der Krieg wird so lange andauern, bis entweder Putin tot ist oder bis die Ukraine in eine unfassbare Katastrophe stürzt: Wenn also alle Menschen hier getötet worden sind und es keine Menschen und keine Armee mehr im Land gibt.« Andrej Kurkow im Gespräch. In: Süddeutsche Zeitung, 26./27. März 2022
- 6Charlotte Wiedemann: Das Große Sprechen. Der neue Sound der Wehrhaftigkeit. In: taz, 2. März 2022
- 7Es gibt zahlreiche Initiativen, die sich gegen die abrupte Aufrüstung richten, unter anderem https://derappell.de/
- 8Andreas Reckwitz: Der Optimismus verbrennt. In: DIE ZEIT, 17. März 2022, Seite 47
- 9Sebastian Balzter, Ralph Bollmann: Das 100-Milliarden-Manöver. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 6. März 2022, Seite 17
- 10Studie des Mercator Resaerch Institute on Global Commons and Climate Change, zit. nach Süddeutsche Zeitung, 24. März 2022, Seite 15