Stilkritik (85) | Eine Lifestylezeitschrift zeigt, wie das Haus 2020 aussieht. Das „HOME 2020“ sei ein Haus für die Zukunft, versprechen die Architekten von Graft, die es entworfen haben. Dabei steckt in diesem Entwurf hauptsächlich Vergangenheit. Und auch der Versuch, Vergangenheit als Zukunft zu idealisieren, ist alles andere als neu. Da wäre mehr drin gewesen.
Die Zeitschrift H.O.M.E. gehört nicht zu den Zeitschriften, mit denen wir – die Redaktion von Marlowes – uns regelmäßig beschäftigen. Das sagt nicht viel, weil wir uns, beschränkt, wie unsere Möglichkeiten nun mal sind, nur mit einem kleinen Teil der Dinge, mit denen man sich befassen könnte, beschäftigen können. H.O.M.E. nennt sich „das Designmagazin zum Wohlfühlen“, und auch wenn wir uns sicher gerne wohlfühlen, so ist das meist ein anderes Feld, das diese Zeitschrift bespielt. Sie liefert Lifestyleanleitungen und Leitfäden für die feinen und vielleicht auch oft nicht ganz so feinen Unterschiede – ein Geschäftsmodell, das darauf basiert, Menschen nahezulegen, welche Dinge sie sich zulegen könnten. Das macht die Home – implizit und explizit. Direkt und undirekt. Offensichtlich und nicht ganz und gar offensichtlich.Vom schönen, privilegierten Leben
So nah an der Natur, dass es nur mit dem Auto zu erreichen ist? Das Haus 2020. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
So nah an der Natur, dass es nur mit dem Auto zu erreichen ist? Das Haus 2020. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Zum Themenspekrtum der Home gehört dann auch die Einrichtung und die Hülle für die Einrichtung, vulgo das Haus. Das sind in der Regel Häuser, die versprechen, dass das Leben ein einziger Urlaub ist, weil der Urlaub das wahre Leben ist. Es sind auch nicht Häuser, sondern "Tophäuser". Mit Blick auf die Weinberge, wo „die Grenzen zwischen Architektur und Natur verschwimmen“, mit „Sonne, Sand und Meer“, es geht da um „Architektur mit Seeblick“, um „Wohnen in der Wildnis“ oder „Das Haus am See“; in der Stadt kommt viel Kunst dazu, um den Verlust von Natur und Wildnis zu kompensieren.
Und irgendwann ist dann eben doch der Punkt erreicht, an dem wir uns mit der Home beschäftigen. Denn hier wird etwas gemacht, was nicht die Grenzen zwischen Natur und Architektur verschwimmen lässt, sondern die zwischen Abbilden und Konstruieren. Wünsche und Sehnsüchte können nicht nur erfüllt und gestillt werden, sondern auch geweckt werden. Es ist wie Werbung. Es ist Werbung. Werbung für eine Vorstellung von guter Architektur, die vieles ignoriert, was zu guter Architektur gehört. Denn irgendwann geht es um etwas, das nicht nur die angeht, die sich "Architektur mit Seeblick" leisten können.
Wessen Zukunft?
Haus der Erde. Für ganz wenige. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Haus der Erde. Für ganz wenige. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Das Büro Graft, das unter anderem 2018 den deutschen Pavillon auf der Biennale kuratierte, dessen Partner Willemeit, Krückeberg und Putz BDA-Mitglieder sind, lässt nun ein eigenes Projekt in der Home zeigen, das nicht nur einfach irgend ein "Tophaus" ist, das man sich leisten können muss, um sich selbst permanent damit belügen zu können, dass Architektur und Natur miteinander verschmelzen dürfen, wenn man nur genug ausblendet. Es sei ein „Haus für die Zukunft“. Es ist ein Haus, das für einen Bauherrn in Südengland geplant wurde. Das auf 750 Quadratmetern Wohnfläche gerade mal zwei Kinderzimmer und zwei Gästezimmer unterbringt. Das, wie man lesen darf, die Enfilade barocker Schlösser in die Gegenwart übersetzt.
Einrichtungsvariante als Trendcollage. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Einrichtungsvariante als Trendcollage. Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Der platte Unterschied
Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Seitenansicht Home 1/2020. (Foto: Christian Holl)
Vor allem aber bleibt der fade Beigeschmack, dass hier ein Büro, das sich an anderen Maßstäben messen lassen will, genau das unterminiert, wofür es zu stehen behauptet. Man lese das Mission Statement auf der Website des Büros. Man denke an die Häuser für die Opfer von Hurrican Katrina. An das Reisestipendium Climate Change, den Solarkiosk. Und man halte sich vor Augen, dass Graft zu den Gründungsunterzeichnern der Resolution „German Architects Declare Climate & Biodiversity Emergency“ gehört. Auch die Home-Redaktion muss sich fragen lassen, ob ihr zum zwanzigjährigen Jubiläum nichts besseres eingefallen ist, als diese Präsentation vom Business as Usual, von anderen sozial blinden und deswegen ökologisch fragwürdigen Wohlfühlatmosphären nur durch den Anstrich von „Zukunft“ zu unterscheiden. Dieser Unterschied ist nicht einmal fein. Er ist platt.
Wir waren schon weiter
Als die Zeitschrift Home noch frisch auf dem Markt war, hat das Magazin der SZ darüber nachgedacht, wie wir wohnen werden. (Foto: Christian Holl)
Als die Zeitschrift Home noch frisch auf dem Markt war, hat das Magazin der SZ darüber nachgedacht, wie wir wohnen werden. (Foto: Christian Holl)
Poitiers Vorschlag war ein transformierbares Modell, das in ein Einfamilien-, ein Reihenhaus, eine Aufstockung und einen Anbau hätte münden können. Es war ein Modell, das vieles denkbar werden ließ, das als Typ auch nicht darauf hätte beschränkt werden müssen, in genau der Form verwirklicht zu werden, die zum Wettbewerb eingereicht wurde.
Überraschend aktuell: ein variables Strukturkonzept als Antwort auf verschiedene Anforderungen. Das Siegerkonzept von André Poitiers im Wettbewerb des SZ-Magazins von 2001. (Bild: André Poitiers Architekt, Hamburg)
Überraschend aktuell: ein variables Strukturkonzept als Antwort auf verschiedene Anforderungen. Das Siegerkonzept von André Poitiers im Wettbewerb des SZ-Magazins von 2001. (Bild: André Poitiers Architekt, Hamburg)