Fragen zur Architektur (31) | Wie politisch Architektur ist, hat eine Diskussion, die ihren vorläufigen Höhepunkt im letzten Jahr hatte, auf die Frage von links oder rechts zugespitzt. Sie unterstellte meist eine bewusste und gezielte politische Absicht in Entwürfen und Diskursen. Aber auch ohne eine solche Absicht werden Zusammenhänge konstruiert, die politische Konsequenzen haben. Gerade weil diese vielleicht überhaupt nicht gezielt angestrebt werden und entsprechende Vorwürfe ins Leere zielen, steckt darin eine nicht unerhebliche Sprengkraft.
Im November hatte die arch+ nochmal nachgelegt. In der Ausgabe zu Nikolaus Kuhnerts 80. Geburtstag wurden ausgewählte Reaktionen auf das Heft „Rechte Räume“ in einem Feature zusammengefasst. Wie sehr das Feature auf eine Bestätigung dessen, was ein halbes Jahr vorher veröffentlicht wurde, aus ist, darf jeder Leser selbst entscheiden, dass damit eine Diskussion am Leben gehalten werden soll, der sich unter anderem Ursula Baus eine Nebenrolle wünschte, ist nicht ganz ausgeschlossen – aber gleichwohl ein legitimes Interesse. Es ist nicht nur legitim, weil es im Eigeninteresse der Redaktion liegt. Es ist auch legitim, weil die Debatte noch lange nicht zu Ende gebracht ist.
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Dem stimme ich gerne zu. Es mag naiv sein, wenn Architekten die Architektur und deren Autonomie „als einzige Referenz in ihrem Schaffen“ ansehen, wie es Kurath sagt. Die Architektur, die dabei entsteht, ist eben nicht notwendigerweise ohne Verbindung zur Welt. Der Glaube und das Bestehen auf der Autonomie hat Verbindungen in die Welt, weil sie eine Vorstellung von ihr konstruieren: Die Verbindungen in die Welt werden also genau dadurch geknüpft, dass sie hergestellt, produziert werden. Sie hat nicht Verbindungen in die Welt, obwohl die Architektur autonom verstanden wird, sondern weil von ihr behautptet wird, sie sei autonom. Das mag unbeabsichtigt – und darin naiv – sein. Nebensächlich wird es dadurch nicht. Im Gegenteil.
Lernen vom Veneto
Aus Wahrheit und Lüge ein Drittes gebildet: Villa Barbarao von Andrea Palladio. (Bild: wikimedia commons, Hans A. Rosbach, CC BY-SA 3.0)
Aus Wahrheit und Lüge ein Drittes gebildet: Villa Barbarao von Andrea Palladio. (Bild: wikimedia commons, Hans A. Rosbach, CC BY-SA 3.0)
Von links nach rechts
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Es ist demnach die Behauptung einer „Nation“ als zeitlose Größe, die Stärkung des Selbstwertgefühls einer Gruppe in der Abgrenzung zu anderen als eines Zustands, dessen Veränderung nicht zur Diskussion gestellt wird: der also auch erst einmal als unveränderlich wahrgenommen wird, weil diese Unveränderlichkeit die Abgrenzung zu anderen so sichtbar macht und die entsprechenden Distinktions- und Repräsentationszeichen lesbar bleiben. Nikolaus Kuhnert hat dies in der genannten arch+ – und kaum zufällig in der Reflexion der kulturpolitischen Wende, die er an Frankfurt und am Ende auch an deren neuen Altstadt festmacht – deutlich ausgesprochen: „Die sozialen Gefälle werden nun nicht mehr überspielt durch Kompensationsleistungen des Wohlfahrststaates. Es geht nun zur Sache und Sache ist: Wer bin ich und wie stelle ich mich dar, von wem grenze ich mich wodurch ab?“
Dialog und Aufklärung
Bild: Christian Holl
Bild: Christian Holl
Dieses implizit Rechte zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht notwendigerweise als "rechts" empfunden wird. Es fragt sich, ob es anstatt um Anklagen vielmehr um Aufklärung gehen müsste. Wie sie etwa François Jullien leistet. In seinem Essay „Es gibt keine kulturelle Identität“ betont er: „Außerdem sollten wir nicht von 'Identität' sprechen, da Kultur sich dadurch auszeichnet, dass sie mutiert, dass sie sich permanent verändert.“ Er fordert, man müsse sich „von der bequemen, aber zugleich hoffnungslos mythologischen Vorstellung lösen, es habe irgendwann einmal eine kulturelle Einheitsidentität gegeben, die sich dann wie durch einen Fluch (Babel) oder zumindest durch Komplikationen (...) diversifizierte.“ Es gelte Widerstand zu leisten gegen „die Abkapselung kulturell oder auf andere Weise definierter Gemeinschaften.“ Solche gegeneinander abgekapselte Gemeinschaften führen keinen Dialog mehr, sie bestehen auf der Eigenheit, die sie verteidigen. Doch der Dialog, will man ihn führen, um Kultur sich weiter entwickeln und verändern zu lassen, darf kein Deckmäntelchen sein, "das lediglich dazu dient, einen clash zu vermeinden. Wir müssen ihn vielmehr im Sinne jener Spannung denken, die, ausgehend vom Abstand und vom Gegenüber, das Gemeinsame hervorbringt."
Um aufzuklären, gilt es, diesen Dialog führen. Und um seinetwillen darf man gerade nicht darauf verzichten, zu zeigen, wie eine implizite Rechte den Boden bereiten könnte für das, was dann nicht mehr nur implizit rechts ist, was zu Ausschlussaggressionen führt und dies auf die architektonischen Repräsentationen des vermeintlich Zeitlosen, Richtigen, Deutschen, Schönen rückbeziehen könnte, ohne dass die, die es entworfen oder errichtet haben, dies gewollt haben müssen. Es ist nicht ausgemacht, dass wir uns dem Schicksal zu ergeben haben, dass die Diskussionen heute auf dem Feld des explizit Rechten geführt werden. Nicht zuletzt die Architektur zeigt, dass das gerade nicht der Fall sein sollte: Der Umbau, der unter ökologischen Gesichtspunkten wichtiger denn je wird, weil die im Bestand gespeicherte Energie nicht mehr so sorglos vernichtet werden sollte, macht das Gegenteil der zeitlos gültigen Unveränderlichkeit zu einem Programm, das auch ästhetisch umgesetzt wird und weiter werden sollte: der ständigen Anpassung, der Neuerfindung, der Wiederaneignung, der Neuinterpretation auf der Basis des Bestehenden. Damit einher geht, dass der großes Diskursbegriff der Nachhaltigkeit einer ist, der nicht abschließend definiert oder bestimmt werden kann, der sich verändert und entwickelt, und immer wieder neu auf das überprüft werden muss, wie sein Anspruch eingelöst werden kann. Aber das ist eine andere Geschichte.
Alle Hervorhebungen in den Zitaten sind aus den Quellen übernommen.
Das ist es mir wert
- 1Stefan Kurath: Kein Architekt, keine Architektin handelt alleine. In: arch+ Features, Nr. 96, Rechte Räume – Reaktionen, eingeheftet in arch+ Nr. 237, Berlin 2019, S. 23 (2) Reinhard Bentmann und Michael Müller: Die Villa als Herrschaftsarchitektur. Versuch einer kunst- und sozialgeschichtlichen Analyse. Frankfurt am Main 1992 (Neuausgabe; Erstveröffentlichung 1970). S. 32 (3) ebd. S. 132 (4) ebd. S. 173. (5) ebd. S. 174 (6) Armin Nassehi: Gab es 1968? Eine Spurensuche. Hamburg 2018, S. 92 (7) ebd. S. 136 (8) ebd. S. 211 (9) ebd. S. 214 (10)Nikolaus Kuhnert: Frankfurt. Die kultur-politische Wende der Bundesrepublik. In: arch+ Nr. 237, Berlin 2019, S. 84–91, hier S. 90 (11) François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Berlin 2017. S. 7 (12) ebd., S. 46 (13) ebd., S. 54 (14) ebd., S. 81