Fragen zur Architektur (23): Wie der Begriff der Heimat aktuell benutzt wird, ist beklemmend und beunruhigend. Eingeschränkt und zurecht gestutzt, wird er zu einem Instrument des Ausschlusses – das lässt sich auch in der Architektur ablesen. Dabei könnte Heimat auch anders verstanden werden.
Im Februar erschien im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung ein aufschlussreicher Beitrag. „Nähe ist ein ferner Ort“ von Lothar Müller diagnostizierte, dass die sozialutopische Dimension des Heimatbegriffs verwaist sei, was den Ausgang im 18. Jahrhundert mit dem Zerfall der alten Ordnung nahm: „Mit der Verlagerung in die Innenwelt wurde die Heimat zu einem Ort der fortwährenden emotionalen Bewirtschaftung“, heißt es da. Müller zeigt, wie der symbolische Ort für die sozialutopische Dimension des Heimatbegriffs für Christen – das Himmelreich – weder vom Nationalstaat noch später im Sozialismus von der DDR überzeugend adäquat besetzt werden konnte. Der Nationalstaat arbeitete mit zu vielen Ausschlüssen und Feinderklärungen: Heimat im Nahbereich sei ebenso außen vor geblieben wie er Kommunisten, Sozialdemokraten und deutsche Katholiken ausgeschlossen habe; die DDR verzichtete auf eine Rückbindung an kollektive, mit dem Territorium verknüpften Erinnerungen – so wurden in der Verwaltungsreform von 1952 die alten Ländernamen getilgt. Unter den Folgen dieser Versäumnisse leiden wir bis heute. Wir leiden bis heute darunter, dass es nicht gelungen ist, im Heimatbegriff eine integrative Komplexität abzubilden, die ohne Diffamierungen und Exklusionen auskommt. Ob dies überhaupt möglich ist oder nicht, sei dahingestellt – konstatiert werden muss vorerst, dass der Versuch dazu gar nicht erst gemacht wurde – und eben auch in der Gegenwart nicht gemacht wird. Einige armselige Leitkulturdebatten und zaghafte Versuche später („Der Isalm gehört zu Deutschland“), mit neu eingerichteten Heimatressorts in Bundes- und Länderregierungen vor der Brust und einem auf dem Rücken von Asylanten ausgetragenem Streit um Wählerstimmen im Kreuz ist die Hoffnung auf ein Bemühen um einen integrierenden Heimatbegriff im Nirwana des Aussichtslosen verschwunden.
Idyllenpflege schön und gut. Heimat darf sich darin nicht erschöpfen. (Bild: Maren Harnack)
Idyllenpflege schön und gut. Heimat darf sich darin nicht erschöpfen. (Bild: Maren Harnack)
Architektur braucht den offenen Diskurs
Begehbares Rendering: Die Neue Altstadt. Stadt ist etwas anderes. (Bild: Wikimedia Commons, Simsalabim, CC BY-SA 4.0 >>>)
Begehbares Rendering: Die Neue Altstadt. Stadt ist etwas anderes. (Bild: Wikimedia Commons, Simsalabim, CC BY-SA 4.0 >>>)
Die zweite Seite der Medaille
Der konsumorientierte suburbane Lebensstil wurde so lange gefördert, bis er zum Problem wurde. (Bild: Christian Holl)
Der konsumorientierte suburbane Lebensstil wurde so lange gefördert, bis er zum Problem wurde. (Bild: Christian Holl)
Heimat als dauerhaft belastbare Kategorie zumindest als Angebot an die gesamte Gesellschaft ist damit um so weniger zu haben, je heftiger behauptet wird, das solche Idyllen Heimat seien – damit wird nur um so entschiedener der Ausschluss und die Blindheit gegenüber dem aktiviert, was gestaltbar ist und es werden muss.
"Das" Land gibt es nicht
Die ländlichen Regionen taugen zu einem wesentlichen Teil nicht zum Manufaktum-Land. (Bild:Christian Holl)
Die ländlichen Regionen taugen zu einem wesentlichen Teil nicht zum Manufaktum-Land. (Bild:Christian Holl)
Worum es gehen müsste, wäre eine landesweiter Diskurs und Austausch über konkrete Projekte, die einerseits nach zeitgemäßen Formen des Zusammenlebens, nach Gemeinwohlorientierung und Integration suchen und sie konkret im Einzelnen verwirklichen. Andererseits gilt es, die spezifischen Kulturen zu respektieren und zu stärken – die Feste, die Bräuche, aber auch die Art zu produzieren, das Handwerk. Hier sind Schutzmechanismen möglicherweise bald genauso wichtig, wenn sie auch anders gestaltet werden müssen, wie in den unter Preis- und Verwertungsdruck stehenden Städten. Hierfür kann Architektur ihr Potenzial einbringen. Ohne eine gestaltende Politik wird sie aber wirkungslos bleiben und im schlimmsten Fall für das diskreditiert werden, was sie leistet – die Integration derer, die nicht schon immer dazu gehört haben oder deren gesellschaftliche Teilhabe gefährdet ist. Sie setzt voraus, was sie hervorzubringen helfen könnte: einen Heimatbegriff von integrativer Komplexität, der ohne Diffamierungen und Exklusionen auskommt, der Menschen weder wegen ihrer Herkunft, noch wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Neigung oder ihrer Religion ausschließt 3.
Dass dies alles keine leichte Übung ist, versteht sich von selbst: Genau das zu behaupten macht es unmöglich, die Herausforderung zu bewältigen. Wer nun behauptet, das sei doch eine Sozialutopie, der hat gerade nicht verstanden, dass es das Fehlen der sozialutopischen Dimension ist, das verhindert, dass Heimat eine integrierende Vorstellung des Zusammenlebens noch vermitteln könnte.
Lesenswert in diesem Zusammenhang unverändert: Didier Eribon: Die Rückkehr nach Reims, Berlin, Suhrkamp 2016
Zu empfehlen ist außerdem die aktuelle Stadtbauwelt, die sich der Zukunft der Kleinstädte widmet >>>
Das ist es mir wert
- 1Siehe den Beitrag von Daniela Zupan: Auf tönernen Füßen >>>
- 2siehe hierzu Andreas Reckwitz im Interview "Wir Einzigartigen", Die Zeit vom 4. Oktober 2017 >>> Ausführlicher dargestellt in: Andreas Reckwitz: Die Gesellschaftz der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin, Suhrkamp, 2017
- 3Beispiele für ein anderes Bemühen um Heimat bietet die aktuelle db: >>>