Zum Heft: das Arch+-feature in der > Berliner Volksbühne am 25.5.2019
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Bedeutung, Aneignung, Umdeutung
Die politische Weltlage polarisiert derzeit ohnehin: arm und reich, links und rechts und so weiter. In einer geistesgeschichtlich dermaßen fruchtlosen Zeit nun auch Architektur wieder in Lagerbildungen hineinzuziehen, musste nicht sein und ist sogar kontraproduktiv.5 Sicher ist es richtig und wichtig, Architektur in Ausdrucks- und Wirkungsweisen zu analysieren, Intentionen des Bauens zu untersuchen, städtebauliche Entwicklungen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu setzen. Begriffe wie "rechte Räume" eignen sich dafür kaum. Was wären dagegen "linke Räume"? Jene, die von "Linken" als Radauplatz oder Kulisse oder Zuhause genutzt werden?
Das Hambacher Schloß, eine Collage aus bauhistorischen Versatzstücken, wurde zwischen 2005 und 2018 vom Büro Max Dudler zeitgenössischen Ansprüchen einer öffentlichen Nutzung angepasst. (Bild: Courtesy Max Dudler, Stefan Müller)
Das Hambacher Schloß, eine Collage aus bauhistorischen Versatzstücken, wurde zwischen 2005 und 2018 vom Büro Max Dudler zeitgenössischen Ansprüchen einer öffentlichen Nutzung angepasst. (Bild: Courtesy Max Dudler, Stefan Müller)
Beispielhaft ließe sich auch das Auswärtige Amt am Werderschen Markt in Berlin erwähnen: 1934-40 als Reichsbank-Erweiterung gebaut, dann mal als DDR-Finanzministerium, mal als Zentralkomitee der SED – und nun eben als Auswärtiges Amt der Bundesrepublik genutzt: ein monumentaler, architektonisch ziemlich schauriger Kasten, den man so gewiss nicht für ein Auswärtiges Amt eines demokratischen Landes gebaut hätte.
Doch genau hier geraten lineare Architekturdeutungen in eine Grauzone: Schaut man sich beispielsweise den Neubau des Bundesnachrichtendienstes an, so wähnt man sich beim ersten Blick in drangsalierenden Verhältnissen. Auch die Neubauten des Bundesinnenministeriums oder des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung lassen sich kaum als Charmeoffensiven der bauenden Republik deuten, sondern offenbaren eine erhebliche Unsicherheit im architektonischen Ausdruck, die mit bloßer Funktionalität ästhetisch überspielt wird. Denn was u. a. die eingangs erwähnten Architektur- und Kunsthistoriker noch vor wenigen Jahrzehnten, aber doch nach der Postmoderne als Wissen über ikonographische Bedeutung von Architektur voraussetzen konnten, fand keine Kontinuität in unsere Gegenwart und hat Verbindlichkeit weitgehend verloren.
Begehbares Rendering: Die Neue Altstadt. Stadt ist etwas anderes. (Bild: Wikimedia Commons, Simsalabim, CC BY-SA 4.0 >>>)
Begehbares Rendering: Die Neue Altstadt. Stadt ist etwas anderes. (Bild: Wikimedia Commons, Simsalabim, CC BY-SA 4.0 >>>)
Bedeutung und Geschmack
Und würden nun die Grünen beispielsweise in der "neuen" Frankfurter Altstadt wie andernorts auch ein Programm mit urban gardening oder bienentauglichen Balkonpflanzen lancieren – niemand würde sich daran stören, dass sie die Hinterlassenschaften politisch rechtsextremer Initiatoren dafür nutzen. Was derweil allenthalben als "identitätsstiftend" oder als "Identität" selbst ausgemacht wird, ist selten haltbar, siehe dazu die Beiträge in der Seitenspalte.
Eine Architekturdebatte?
Und wir wissen es doch: Ein famoser, kompetenter Lehrer macht aus einer bedrückenden Schulstube einen Tempel der Erkenntnis, eine gelangweilte, pädagogische Fachkraft degradiert das liebevoll gestaltete und mit einem BDA-Preis ausgezeichnete Schulgebäude zur Hölle eines Kinderdaseins. Wirkung von Architektur muss zum Zeitpunkt ihres Entstehens wohl bedacht und dem Zweck entsprechend erreicht werden. Dadurch lässt sich aber keinerlei Gewähr für eine genau so bleibende Wirkung ableiten.
Dass eine Gesellschaft rechte und linke und wer weiß welche Extremisten gewähren lässt, liegt nicht an der jeweiligen Architektur, die hierzulande ohnehin zum allergrößten Teil bereits existiert.7 Es stimmt, was Niklas Maak ansprach: Der Rat eines Antisemitismusbeauftragten an Juden, lieber keine Kippa im öffentlichen Raum mehr zu tragen, ist weit dramatischer, weil er auf die hauptsächlich Mitverantwortlichen weist, die nicht in einem Berufsstand auszumachen sind. Wie immer öffentlicher Raum und Architektur aussehen: Schneller als mit jedem Bauen lässt sich im Alltag jenen begegnen, die Stephan Trüby und seine Mitstreiter zu Recht als Angreifer einer freiheitlichen Gesellschaft kritisieren.
Wohin mit 45 Milliarden Euro?
Das ist es mir wert
- 1Arch+-feature in der Berliner Volksbühne am 25.5.2019: >>> Bereits im Arch+-feature 59 war am 12.4.2017 bei der IBA Thüringen das Thema differenziert aufgegriffen worden >>>
- 2- Enrico Santifaller: Die Frankfurter Altstadt hat viele Mütter und Väter. In: db deutsche bauzeitung, 1.6.2018 >>> - Dietrich Heißenbüttel: Rechte Räume. In: Kontext, 17. Oktober 2018 >>> - Arnold Bartetztky: Bloß nicht die steile These erschüttern! In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.7.2019 >>> - Niklas Maak: Antisemitische Flaschenpost. In: Frankfurter Allgemein Zeitung, 29.5.2019, Seite 9 >>> - Hans Kollhoff dazu im Deutschlandfunk am 2.7.2019 im Gespräch mit Karin Fischer >>> - Peter von Becker: Spiel mit der Provokation. In: Der Tagesspiegel, 4.6.2019 >>> - Thomas Steinfeld: Herz aus Glas, Haus aus Stein. In: Süddeutsche Zeitung, 6.6.2019 >>> - Nikolaus Bernau: Säulen in der Architektur. Warum die Rechte Räume-Debatte dünnbödig ist. In: Berliner Zeitung, 11.6.2019 >>> - Kaye Geipel, Bauwelt 14.2019, Seite 13 >>> - Andreas Denk, der architekt 16.8.2019 (http://derarchitektbda.de/editorial-19-4) - Dankwart Guratzsch: Wo bitte geht's zum Faschismus? In: Die Welt, 23.7.2019 >>> - Peter Nowak, derFreitag, Community >>>
- 3Siehe dazu vor allem die Forschungen Werner Durth zur Tätigkeit von Architekten und Stadtplanern, die unter den Nationalsozialisten und im Nachkriegsdeutschland ihre Arbeit fanden. Winfried Nerdinger ist es mit beeindruckender Konsequenz gelungen, die Architektur der Nationalsozialisten aus Verdrängungs-Szenarien in der deutschen Architekturgeschichte verankert zu haben. Auch auf Publikationen von Dieter Bartetzko, Anna Teut u. v. a. ist hinzuweisen.
- 4u. a. Hermann Hipp und Ernst Seidl (Hrsg.): Architektur als politische Kultur. Berlin 1996; Heide Berndt, Alfred Lorenzer, Klaus Horn (Hrsg.): Architektur als Ideologie. Frankfurt 1968
- 5siehe dazu auch: Andreas Denk: Editorial. In: der architekt, 16.8.2019, >>>
- 6siehe Anm. 1
- 7Dem Bedeutungswandel historischer Bauten ist eine Veranstaltung an der BTU Cottbus unter dem Titel "Wertewandel" vom 25. bis 27. September 2019 gewidmet, siehe >>> Eine Stellungnahme zur Debatte im Sinne sachlicher Annäherung hat auch die SRL veröffentlicht. https://srl.de/dateien/dokumente/de/Stellungnahme_zur_ARCH235_20190821.pdf