Stilkritik (74) | Nach den Architekten fangen nun auch die Designer an, über Schönheit zu reden und sie einzufordern. Manche machen es sich dabei so einfach, dass man ihnen im besten Fall unterstellt, sie können es so ernst nicht gemeint haben. Andere sind ambitionierter. Beispiel: Paola Antonelli. Die bekommt dann aber doch Angst vor der eigenen Courage. Die brauchen wir aber dringend, die Courage.
Ausstellungsansicht "Sagmeister & Walsh: Beauty". Foto: Wolfang Günzel; © Museum Angewandte Kunst
Ausstellungsansicht "Sagmeister & Walsh: Beauty". Foto: Wolfang Günzel; © Museum Angewandte Kunst
Was macht ihr da eigentlich?
Wiederverwenden statt wegschmeißen. Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi) bauen Möbel aus unverkäuflichen Lagerbeständen und Elektroschrott. Ore Streams, Cubicle 2. 2017. Foto: IKON. Courtesy Nicoletta Fiorucci, London and Giustini/Stagetti, Rome with support by StimuleringFonds and National Gallery of Victoria.
Wiederverwenden statt wegschmeißen. Formafantasma (Simone Farresin, Andrea Trimarchi) bauen Möbel aus unverkäuflichen Lagerbeständen und Elektroschrott. Ore Streams, Cubicle 2. 2017. Foto: IKON. Courtesy Nicoletta Fiorucci, London and Giustini/Stagetti, Rome with support by StimuleringFonds and National Gallery of Victoria.
Es geht um Menschen
Design, das Wechselwirkungen gestaltet: Die schmelzenden Gletscher bedrohen die Landwirtschaft in der Wüste von Ladakh im indischen Himalaya. Künstliche Kleingletscher aus Gletscherwasser sollen Wasser speichern und es auch nach der Schneeschmelze verfügbar halten. Weitere Information >>> (Foto: Lobzang Dadul. Courtesy SECMOL)
Design, das Wechselwirkungen gestaltet: Die schmelzenden Gletscher bedrohen die Landwirtschaft in der Wüste von Ladakh im indischen Himalaya. Künstliche Kleingletscher aus Gletscherwasser sollen Wasser speichern und es auch nach der Schneeschmelze verfügbar halten. Weitere Information >>> (Foto: Lobzang Dadul. Courtesy SECMOL)
Schönheit für die Nachwelt
Ein Stiefel für das Leben auf dem Mars, oder: welche Geschichten muss ich erfinden, um einen ökologischen Schuh zu promoten. Liz Ciokajlo, OurOwnsKIN und Maurizio Montalti, mit Officina Corpuscoli. Foto: George Ellsworth. Courtesy the designers.
Ein Stiefel für das Leben auf dem Mars, oder: welche Geschichten muss ich erfinden, um einen ökologischen Schuh zu promoten. Liz Ciokajlo, OurOwnsKIN und Maurizio Montalti, mit Officina Corpuscoli. Foto: George Ellsworth. Courtesy the designers.
Dann aber stößt man auf ein Zitat von ihr im Zusammenhang der Triennale, die diese wohlwollende Annahme wieder in sich zusammenstürzen lassen. Denn Antonelli meint, dass wir, wenn wir schon und vielleicht doch von der Erde verschwinden müssen, dann sollten wir es wenigstens mit Eleganz machen, damit spätere Wesen nicht ganz so schlecht über uns denken. So war es in der Zeitschrift Monopol zu lesen: „Aber selbst für diejenigen, die davon ausgehen, dass sich die Menschheit über kurz oder lang selbst ausrotten wird, hält die Welt des Designs Trost bereit. Denn, so formuliert es Kuratorin Paola Antonelli mit bemerkenswertem Galgenhumor, ,es kann sicherstellen, dass sich die nächste dominierende Spezies mit einem Minimum an Respekt an uns erinnert: als würdevolle und sich sorgende, wenn nicht intelligente Wesen.‘ Wenn der Mensch schon selbst verschuldet ausstirbt, dann wenigstens in Eleganz und Schönheit.“ Ach Mensch. Das kann doch kein Trost sein! Welche Wesen und welche Spezies das auch immer sein müssten, Antonelli unterstellt ihnen, so wie sie, wie Menschen zu denken. Letztlich versteckt sich hier ein Glaube an Objektivität, der erwarten lässt, dass sich die Welt irgendwann wieder so einstellt, wie wir sie bewohnt und gedeutet haben, in der dann dereinst menschengleiche Wesen menschengleich denken und menschengleich auf die Reste dessen schauen, was von uns übrig geblieben ist. Die Welt von heute wäre demnach kein Ergebnis von Geschichte, keine gestaltete Welt, die anders gestaltet, auch wieder völlig anders aussehen könnte, sondern eine der stabilen, objektiven Rahmenbedingungen, die dafür sorgen, dass sich auch nach einer Katastrophe die Welt wieder so entsteht, wie sie war, als die Menschen sich selbst ausgerottet haben. 3 Schönheit ist dann auch etwas Objektives, weil es diese anderen Wesen wieder als schön anerkennen würden. Schönheit wäre dann allerdings auch Teil der Welt mit den Gesetzen, unter denen Menschen es geschafft haben, sich zu zerstören. Das kann man eigentlich nicht wollen, denn damit wäre die erneute Katastrophe vorprogrammiert.
Damit ist genau das, was Antonelli in Frage zu stellen vorgibt, wieder zementiert. Es gibt "die Natur" und die Welt da draußen mit den Dingen, die der Mensch gestaltet hat, die dann auch irgendwie in dieser Welt herumliegen. Und auf der anderen Seite ist der Mensch, der zeitlos unveränderliche, der dann irgendetwas mit den Dingen und mit der Natur macht oder auch nicht. Mit dem Wunsch, etwas Schönes zu gestalten, das uns überleben und ein mildes Licht auf unsere irrwitzige und maßlos dumme Selbstzerstörung werfen könnte, ist der schöne Gedanke, Design sollte besser darin bestehen, Beziehungen in den Blick zu nehmen und Systeme zu gestalten, aufgegeben. Seufz.
(2) Etwas ausführlicher zur Frage, wie der Begriff von Natur und handlungsleitende Motive zusammenfinden könnten in den Beiträgen auf frei04 publizistik: Natürlich Kunst com 30. September 2015 sowie Draußen treffen wir nur wieder auf uns selbst vom 7. Juli 2014.
Das ist es mir wert
- 1Siegfried Kracauer: Das Mittelgebirge. In: S.K.: Straßen in Berlin und anderswo, Frankfurt am Main 1964, S. 122-123, hier S. 123. Der Text "Das Mittelgebirge" erschien zuerst 1926.
- 2Und also auch nicht damit, dass sie unter spezifischen Bedingungen arbeiten, die nicht immer schon so waren, wie sie es heute sind. So führt Eva Illouz aus, dass es im 18. Jahrhundert keinen Begriff für Authentizität gab, "weil es keine Ontologi des Selbst gab – keine Vorstellung von einem Selbst, das tiege, angeborene, nichtsoziale und individuelle Eigenschaften hat, die nach Techniken des Authentifizierens verlangten, nach Techniken, um diese verborgene innere Wahrheit entdecken und zum VOrschein zu bringen." Eva Illouz: Fazit : auf dem Weg zu einer postnormativen Kritik der emotionalen Authentizität. In: dies. (Hg:): Wa(h)re Gefühle. Authentizität im Konsumkapitalismus, Berlin 2018, S. 268–291; hier S. 273
- 3"Das Bild einer gemeinsamen menschlichen Natur die auf Übereinstimmugn mit der Wirklichkeit in ihrem Ansichsein ausgerichtet ist, tröstet uns durch den Gedanken, dass unser Geschlecht durch das Schicksal dazu bestimmt ist, die Tugenden, Erkenntnisse und Leistungen, die der Gemeinschaft Ruhm eingetragen haben, wiederzugewinnen, selbst wenn unsere Zivilisaation vernichtet wird." Richard Rorty: Solidarität oder Objektivität?, in: ders.: Solidarität oder Objektivität? – Drei philosophische Essays. Stuttgart 1988. S. 11 - 37, hier S. 28.