Paulskirche, Frankfurt am Main (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Simsalabimbam)
Paulskirche, Frankfurt am Main (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Simsalabimbam)
Eine Expertenkommission empfiehlt ein neuartiges Haus der Demokratie in Frankfurt, in Halle an der Saale soll ein Zukunftszentrum die ostdeutsche Perspektive im demokratischen Miteinander stärken. In Potsdam wird um ein Haus der Demokratie gerungen. Jedes dieser Projekte hat seine Relevanz – wenn man eines über all den Prestigeprojekten nicht vergisst.
Mai 2023, Frankfurt feiert. Dieses Jahr nicht den Gewinn eines Fußballwettbewerbs, sondern das Paulskirchenjubiläum. 175 Jahre ist es her, dass hier zum ersten Mal, am 18. Mai 1948, die Deutsche Nationalversammlung zusammentrat. Es sei die Geburtsstunde der deutschen Demokratie gewesen, heißt es auf den Seiten der Stadt. Allerdings lebte die Demokratie vorübergehend nur kurz, ein Jahr später war sie schon wieder Geschichte. Die Rede von der Geburt „der“ Deutschen Demokratie impliziert aber, dass damit eine Entwicklung angestoßen worden sei, die zur Demokratie der Bundesrepublik von heute geführt habe. Und die Paulskirche deswegen ein Bauwerk sei, das heutige Werte repräsentiere. Offensichtlich tat sie das nicht mehr ausreichend, weswegen man auf die Idee kam, sie geeigneter ins Licht zu rücken. Der Bund versprach knapp 20 Millionen Euro für die Sanierung, eine Expertenkommission wurde eingesetzt. Sie hat ein Haus der Demokratie als Ergänzung der Paulskirche vorgeschlagen, in dem in Vortrags-, Seminar- und Ausstellungsräumen der Wert der Demokratie vermittelt und veranschaulicht werden soll. Dieses Haus der Demokratie soll, so empfiehlt es die Expertenkommission, auf dem Paulsplatz in östlicher Nachbarschaft zur Paulskirche entstehen und mit ihr verbunden sein. 1Allerlei Häuser der Demokratie
Die Umgebung der Paulskirche in Frankfurt am Main, 1861. Der heutioge Paulsplatz war damals großenteils bebaut. (Bild: Wikimedia Commons, Public Domain)
Die Umgebung der Paulskirche in Frankfurt am Main, 1861. Der heutioge Paulsplatz war damals großenteils bebaut. (Bild: Wikimedia Commons, Public Domain)
Dass außerdem in Halle an der Saale ein „Zukunftszentrum Deutsche Einheit“ entstehen soll, ein „Ort für die Menschen in ganz Deutschland“, „ein Projekt zur Festigung der Einheit Deutschlands in den kommenden Jahren“2 ist nur denjenigen ein Makel, die die Erzählung der Geschichte zentrieren und vereinheitlichen wollen, als ob es – genau – einen Ort gegeben hätte, an denen „die“ deutsche Demokratie geboren wurde.3 Das widerspricht sowohl der Geschichte als auch der Idee von Demokratie. Auch das Hambacher Schloss, zuletzt deutlich aufgewertet, ist etwa einer von vielen Ort demokratischer Geschichte, ohne dass es die Rivalität zu Frankfurt geben muss. Eines der Erfolgsrezepte der Bonner Republik war es, darauf zu verzichten, den einen Ort gegenüber anderen herauszuheben, die Institutionen und Repräsentanzen des Staates und damit der Demokratie über die Länder zu verteilen und sie sich so in die Fläche verbreiten und in den Alltag hineinragen zu lassen.
Rechenzentrum und rekonstruierter Turm der Garnisonskirche im Bau (Bild: Elias Franke)
Rechenzentrum und rekonstruierter Turm der Garnisonskirche im Bau (Bild: Elias Franke)
Lackmustest Alltag
Wieviel Demokratie kommt im Alltag an? (Bild: Christian Holl)
Wieviel Demokratie kommt im Alltag an? (Bild: Christian Holl)
Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen, heute ein haus für Kulturveranstaltungen. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Heilig-Kreuz-Kirche in Gelsenkirchen, heute ein haus für Kulturveranstaltungen. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Die Häuser sind schon da
Dass sich die beiden Häuser ihre Berechtigung aus ihrer je ganz unterschiedlichen Zielsetzung beziehen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten, scheint Möller nicht wichtig zu sein.
Siehe auch die Sammlung "Invisibilis" auf moderne-regional.de >>>
Das ist es mir wert
- 1Der Bericht der Expertenkommission ist online verfügbar >>>
- 2siehe >>>
- 3»Beide Projekte, die so auffällig getrennt voneinander entstanden sind, verraten mehr über das Land, als man meint. Denn es ist offenkundig schon gar nicht mehr möglich, sich auf einen gemeinsamen Ort zu verständigen, an dem man historisches Erbe und gemeinsame Zukunft zusammen bedenkt.« Johann Michael Möller am 3. Mai 2023 in der Zeitschrift Politik und Kultur, online unter >>>
- 4Der Appell kann noch unterzeichnet werden >>>
- 5siehe beispielsweise >>>
- 6Das Bundesverfassungsgericht etwa 2021 zu seinem Urteil, in dem sie den Beschwerden gegen das Klimaschutzgesetz stattgeggeben hat: »Das verfassungsrechtliche Klimaschutzziel des Art. 20a GG ist dahingehend konkretisiert, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur dem sogenannten „Paris-Ziel“ entsprechend auf deutlich unter 2 °C und möglichst auf 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um das zu erreichen, müssen die nach 2030 noch erforderlichen Minderungen dann immer dringender und kurzfristiger erbracht werden. Von diesen künftigen Emissionsminderungspflichten ist praktisch jegliche Freiheit potenziell betroffen, weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind.« (siehe >>>) Doch wahrscheinlich wird der Temperaturanstieg schon bald über 1,5 Grad liegen (siehe >>>) Dass soziale Aus- und ökologische Entgrenzung zusammenhängen, hatte Stephan Lessnich 2020 dargestellt >>>
- 7Stephan Lessenich: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem. Ditzingen 2020, S. 87
- 8Vgl. Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Berlin 2018
- 9Ebd., S. 289
- 10Hierzu Karin Berkemann: Abriss ist auch keine Lösung, 8. November 2022 >>>