Es ist kaum zu fassen, wie bedenken- und skrupellos in Deutschland immer und immer wieder abgerissen wird, sogar, wenn es um architekturgeschichtlich bedeutsame und aus ökologischen Gründen ohnehin erhaltenswerte Bauten geht. In Karlsruhe zeigen zwei Beispiele, dass neue rechtliche Möglichkeiten für den Bestandsschutz gefunden werden müssen.
Bereits leer und geschlossen: Peek&Cloppenburg in Karlsruhe (Bild: Wilfried Dechau)
Bereits leer und geschlossen: Peek&Cloppenburg in Karlsruhe (Bild: Wilfried Dechau)
Was ist hier mit »Potenziale« gemeint? Und was ist ein »Raum für Zukunft«? (Bild: Wilfried Dechau)
Was ist hier mit »Potenziale« gemeint? Und was ist ein »Raum für Zukunft«? (Bild: Wilfried Dechau)
Stolz auf Architekten
Ich gebe zu: Solche und andere Werbephrasen ärgern mich immer noch, obwohl man sie seit Jahrzehnten kennt. Aber die selbstgefällige Ignoranz in Sachen Architektur topt einiges. Drei der fünf hier genannten Architekten sind übrigens schon tot.
Gebogenes Glas ander Ecke Kaiser-/ Lammstraße. Abrissreif? (Bild: Wilfried Dechau)
Gebogenes Glas ander Ecke Kaiser-/ Lammstraße. Abrissreif? (Bild: Wilfried Dechau)
Abriss ist nicht nachhaltig!
Ein Blick auf Abrissgenehmigungen: Bauten, die kleiner als 300 qm sind, können ohne Genehmigung abgerissen werden. Dann gibt es die denkmalgeschützten Häuser: Die Abrissgenehmigung ist hier eine Abwägungsangelegenheit zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlicher Zumutbarkeit, und dass diese zulasten der Bausubstanz tendiert, wissen wir.
Schlechter steht es um eine Abrissgenehmigung allerdings, wenn »geschützte Arten« entdeckt und Rücksprache mit der Unteren Naturschutzbehörde genommen werden muss.
All das trifft bei Peek & Cloppenburg in Karlsruhe nicht zu.
Architekten machen alles mit
Aber hier sind auch die Architekten in der Pflicht: Wenn sie neu bauen können, ist ihnen der Abriss auch recht, auf jeden Fall aber egal. LRO bauten nach dem Abriss des Stuttgarter EVS-Gebäudes von Kammerer & Belz (ergänzt von LRO) ebenda ein Motel One – da wird nicht lang gezögert, jeder Bauauftrag scheint einem Zeichen der Abrissablehnung vorgezogen zu werden. Und Kleihues & Kleihues bauen, so ist zu lesen, in Karlsruhe auch den Neubau. Auf meine Anfrage, was es denn nun werde, erhielt ich bislang keine Antwort.
Zuletzt Landratsamt: Der Bau aus den frühen 1960er Jahren gehört(e) zu den denkmalgeschützten Bauten der Nachkriegsmoderne in Karlsruhe (Bild: Wilfried Dechau)
Zuletzt Landratsamt: Der Bau aus den frühen 1960er Jahren gehört(e) zu den denkmalgeschützten Bauten der Nachkriegsmoderne in Karlsruhe (Bild: Wilfried Dechau)
Badenwerk: Was schert der Denkmalschutz
Auch im Abriss zeigt sich Qualität der Architektur. (Bild: Mathias Christoffel)
Auch im Abriss zeigt sich Qualität der Architektur. (Bild: Mathias Christoffel)
Abriss neu regeln
In Fragen der Abrissgenehmigungsverfahren muss nun auf den Gesetzgeber eingewirkt werden – und wer sollte dies argumentativ erledigen, wenn nicht eine Bundesstiftung? Gewiss fühlen sich die Verbände des Baugewerbes zuständig, allein 30 Mitgliedsverbände hat der Zentralverband Deutsches Baugewerbe, die »die Interessen des deutschen Baugewerbes gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit in den einzelnen Bundesländern gegenüber den Landesregierungen, aber auch vor Ort in den Kreisen, Städten und Gemeinden« vertreten.6 Nun sind das aber Lobbyisten, die nichts anderes im Sinn haben als die ökonomischen Interessen ihres Berufsstandes. Die Bauindustrie tut es ihnen gleich.
Wenn nun durch zusätzliche Gutachten mehr Bürokratie befürchtet wird, könnte man sie an anderer Stelle reduzieren: Die Abwägung der wirtschaftlichen Zumutbarkeit beim Denkmalschutz könnte entfallen, denn er, der Denkmalschutz, ist in der Regel kooperativ.
Fazit: Es ergibt sich wieder einmal die Situation, dass ganz genau bekannt ist, worauf es beim Bauen interessenübergreifend im Sinne des Bestandsschutzes und des ressourcenschonenden Bauens ankommt – aber seitens der Politik nichts unternommen wird. Wir werden also weiter über einen Abriss nach dem anderen berichten müssen.
Das ist es mir wert
- 1https://www.peek-cloppenburg.com/de/architecture/
- 2ebenda
- 3Clemens Kieser: Hoch hinaus, der alten Stadt entgegen. Der Verwaltungsbau des Badenwerks in Karlsruhe. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 42. Jg. 2013, Heft 2, S. 121 f. Christian Schönwetter: Mit schlechtem Beispiel voran. Landratsamt Karlsruhe vor dem Abriss. In: db 3/2019, https://www.db-bauzeitung.de/bauen-im-bestand/badenwerk-hochhaus-landratsamt-karlsruhe/
- 4Judith Midinet-Horst: Landratsamt-Areal in Karlsruhe soll 390 Millionen Euro kosten. In: BNN, 14.10.22, https://bnn.de/karlsruhe/karlsruhe-stadt/innenstadt/landratsamt-areal-in-karlsruhe-soll-390-millionen-euro-kosten
- 5Bundesstiftung Baukultur (Hrsg.): Baukulturbericht 2022-23, Seite 98
- 6https://www.zdb.de/der-verband/mitgliedsverbaende