David Kasparek hat Ende Februar in diesem Magazin die elenden Entwicklungen beim Pritzker-Preis erläutert, den nun Mitte März Smiljan Radic Clarke erhalten hat.2 Zeitgleich brach in der Presse eine Diskussion über die Ergebnisse des diesjährigen DAM-Preises los.3 Was soll Architektur nicht alles sein! Schön, gut, identitätsstiftend, ökologisch einwandfrei – das heißt klimagerecht und umweltfreundlich, recyclebar –, funktional, nachhaltig, am besten in und mit dem Bestand gebaut, preisgünstig, langlebig, aus dem Care-Gedanken entwickelt, neuen Wohn- und Arbeitsformen und privatwirtschaftlichen Unternehmensinteressen angepasst – und mit den Wünschen der Menschen soll sie stets konform sein, durch Beteiligungsverfahren legitimiert, Vitruv hin, Schinkel und Frei Otto her. Zuletzt soll Architektur auch emotionales Glück bescheren, wie aktuell in "die architekt" als Architekurwahrnehmungsgebot eingefordert.4 Und wer bringt sich nicht alles in Stellung, um einzelne, subjektiv für wichtig erachtete Architektureigenschaften normativ anzumahnen. David Kasparek erörtert diese Problematik im aktuellen Magazin für die Auszeichnung max 40.
Schön und eher nicht gut
6Um nun in aktuellen Architekturfragen konkret zu werden. So argumentiert Matthias Alexander (siehe Anmerkung 1) sinngemäß – und in diesem Sinne beispielsweise auch in Teilen viele andere7 –, dass "die" Menschen doch die Altstädte schön fänden und hin pilgerten, und dass man sich deswegen als Architekt oder Architektin am Tradierten orientieren solle, weil es auch substanziell gut sei. Da ist mal wieder ein falscher Gegensatz konstruiert: Das Eine – Tradiertes – schließt das Andere – Neues – nicht aus, wird aber je nach Intention als Feindbild ausgearbeitet.
Hübsch, klein, eng, gemütlich, idyllisch, schön? Wer möchte in dieser Gasse wohnen und auf der Bank vor dem Haus auf das gegenüberliegende Tor schauen? (Foto: Wilfried Dechau)
Hübsch, klein, eng, gemütlich, idyllisch, schön? Wer möchte in dieser Gasse wohnen und auf der Bank vor dem Haus auf das gegenüberliegende Tor schauen? (Foto: Wilfried Dechau)
Begriffschaos – "die" Menschen, "die Fachwelt"
Schönheit liegt, wie es Thukydides geahnt hat und heute zum Beispiel beim MPI für empirische Ästhetik erforscht wird, im Auge des Betrachters.9 Der Begriff Schönheit wird in öffentlichen Debatten dagegen als diffus überlieferte Kategorie des Ästhetischen argumentativ übel missbraucht, wenn sie normativ mit einem fragwürdigen Eigeninteresse auf "die" Menschen projiziert wird. Es wird dabei leider nicht das Ästhetische vom Ästhetizistischen unterschieden. Denn keineswegs wird auf die konkreten, sehr vielfältigen Formbedingungen eines für schön Gehaltenen oder Behaupteten eingegangen und der Kontext des "Geschmacks" berücksichtigt. Darauf kommt es aber an.10
Man muss keineswegs lang suchen, um solche "Traumhäuser" zu finden. (Foto: Ursula Baus)
Man muss keineswegs lang suchen, um solche "Traumhäuser" zu finden. (Foto: Ursula Baus)
Die Bemühungen, Architektur in das Schulprogramm zu bringen, sind gewiss lobenswert. Aber erweisen sich als mühsam und nicht alltagstauglich. Es können auch nicht Jeder und Jede Architektur studieren. Architektur-Volkshochschulkurse oder Ähnliches wären relativ nutzlos, weil nur auf freiwilliger Basis zu besuchen. Zudem wird in fachlich begleiteten Beteiligungsverfahren die verständliche Eigeninteressen-Verfolgung der Beteiligten durchaus deutlich. Und was an Nachbarschaftsstreitigkeiten vor Gericht landet, wäre durchaus eine Dissertation wert.
Erkennbar alt, erkennbar neu – nicht erkennbar: der Nachbarschaftsbezug der neuen Architektur. (Bild: Ursula Baus)
Erkennbar alt, erkennbar neu – nicht erkennbar: der Nachbarschaftsbezug der neuen Architektur. (Bild: Ursula Baus)
Wie in den Beiträgen der FAZ und NZZ offenbart sich hier ein fatales Durcheinander von Begriffen und Bedeutungen. Besteht "die Fachwelt" aus den über 140.000 kammerverzeichneten ArchitektInnen? Aus den ungezählten Vertretern der Immobilienwirtschaft, die an der Schnittstelle zwischen Gebautem und "Verbrauchern" agieren? Gehören die Fertighausproduzenten dazu, die alles anbieten, was das Hauskäuferherz begehrt – weil sie mit Marktforschung ermitteln, was dies ist?
Wer in dieser "Fachwelt" hat nun welche "ästhetische Orientierung" für wen zu bieten? Hier ließe sich eine Gestaltungssatzung erwähnen, die aber im besagten Linkedin-Beitrag12 gleich mit der nächsten verbalen Keule zertrümmert wird: "Gestaltungssatzungen heilen keine Seelenlosigkeit, sie verwalten sie nur." Ach, die Seele! Edle Einfalt, stille Größe – auf Winckelmann und die Folgen ist zurückzukommen.
Werte – und Abstraktion
Um nicht missverstanden zu werden: Es gibt herausragende Initiativen, Stiftungen, Architekturbüros und Individuen, die es genau anders machen möchten und können. Aber sie spielen Nebenrollen im Theater des rentablen, kommerzialisierten Bauens, das keinen Anspruch mehr auf Zugehörigkeit zu den "artes liberales" erheben kann. Das kann, ja, muss man bedauern. Und zudem beklagen, dass politische Instrumente wie der "Bauturbo" die knapper werdenden Ressourcen Boden und Baukultur aufs Äußerste bedroht. Hier kommen nun Segmente einer Wertediskussion ins Spiel, die mit konkreter Ästhetik wenig zu tun haben: Werte in der Politik, Wirtschaft, Ethik, Technik weisen teils einen Abstraktionsgrad auf, der sich der Ästhetik als unmittelbarer Wahrnehmungs- und Anschauungswissenschaft entzieht. Solche Werte müssen also hermeneutisch einbezogen werden. Dies im einzelnen auszuführen, führt hier zu weit, vielmehr soll es beim Gebrauch des Begriffs Schönheit bleiben.
Schönheit und Geschmack
Die sich mehr und mehr individualistisch – und damit eben pluralistisch – auseinander dividierende Gesellschaft weiß mit normativ definierter Schönheit nichts anzufangen, weil ästhetisches Empfinden nach individueller Distinktion strebt. Und dann ist nunmal eher vom Geschmack zu reden, der nach Originalität verlangt und von Jenen als Schönheit angepriesen wird, die ihren Geschmack normativ behaupten. Ulrich Raulff hat in seiner 2025 erschienenen "Geschichte des Geschmacks" genau diesen Unterschied zwischen Schönheit und Geschmack ausgearbeitet und dabei nochmals an Winckelmann (1717-1768) erinnert, der in seinen "Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst" mit unglaublichem Aufmerksamkeitspotenzial das europäische Verhältnis zu Vorfahren und Traditionen bestimmt hat.15 Winckelmann war nie in Griechenland. Man würde den Homme de lettre Winckelmann heute vielleicht als genialen Influencer bezeichnen, als "tastemaker", dem die Kanonisierung griechischer Antike im Sinne eines Idealschönen aufs Beste gelungen ist – oder eben: missraten. Mit Nachwirkungen bis in heutige Traditionalismen.
Zur ästhetischen Distinktion gehört, Andere oder Anderes zu diskreditieren. So verfuhr auch Winckelmann. Zu bedauern ist, dass in FAZ und NZZ und anderen konservativen Kreisen Schönheit mit Geschmack verwechselt wird. Und dieser – der Geschmack – nur zur ständischen Distinktion einer überheblichen, nicht einmal akademisch relevanten Meinungsmache missbraucht wird. Genau das entspricht nicht dem "herrschaftsfreien Diskurs", wie ihn Jürgen Habermas beschrieb, sondern dem erkenntnislosen Erstreiten einer Deutungsmacht.
In Architekturpreisen feiert nun – neben der Schönheits-Verabsolutierung – eine weitere ästhetische Kategorie immer wieder fröhliche Urständ, auch die Presse giert nach dem, was Aufmerksamkeit beschert: das Spektakuläre. In der Rubrik "Technik & Motor" – neben dem "Immobilien"-Teil eine extrem wirtschaftsnahe Rubrik – zeigte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 15. März 2026 unter dem Titel "Wo Wahrzeichen Wirklichkeit werden" etwas sehr Typisches: "ambitionierte Bauwerke von beachtlicher Größe und architektonischer Raffinesse".16 Das Spektakuläre geht aber vollends an dem vorbei, was jenseits des vermeintlich Schönen, des Geschmackvollen, des Spektakulären dringlich ist. Es sind ökologische, soziale und ökonomisch sinnvolle Kriterien, die heute für Architektur- und Stadtentwicklungen relevant sind. Sowieso ist die Auseinandersetzung mit dem Bestand in der Vordergrund gerückt, weil Abriss und Neubau in neu zu erschließenden Gebieten in hohem Maße unvernünftig sind. Herausragende Architekturprojekte und -gedanken dazu sollten die von FAS und NZZ losgetretene, etwas lächerliche Debatte ganz schnell vergessen lassen.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 15. März 2026: ein Paradebeispiel falscher Gegensätze.
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 15. März 2026: ein Paradebeispiel falscher Gegensätze.
Immer wieder: falsche Gegensätze
Jürgen Habermas' 1971-72 von Hilmer & Sattler gebaut; Aufnahme 2019 (Foto: wiki commons, Brutarchitekt)
Jürgen Habermas' 1971-72 von Hilmer & Sattler gebaut; Aufnahme 2019 (Foto: wiki commons, Brutarchitekt)
Die Liebe zur Vernunft
Das ist es mir wert
- 1Ausführlich dazu (u.a. "präventive Selbstverteidigung", Staatenimmunität, Genozid und Zerstörung des gebauten Menschheiterbes): Christoph Safferling: Ohnmacht des Völkerrechts. Die Rückkehr des Kriegs und der Menschheitsverbrechen. München 2025
- 2Gerhard Matzig: Kommentar Pritzker an Silman Radic Clarke, in: Süddeutsche Zeitung, 14./15.3.2026
- 3Beiträge zur aktuellen Diskussion: > Matthias Alexander: Sehen so die besten Bauten in ganz Deutschland aus? In: FAZ, 5.2.2026 (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/architektur/sehen-so-etwa-die-besten-bauten-in-ganz-deutschland-aus-110831150.html) > Gerhard Matzig: Dröhnendes Schweigen. Tom Pritzker gibt wegen seiner Verwicklung in den Epstein-Skandal seinen Posten als Hyatt-Vorstand auf. Was wird jetzt aus dem Nobelpreis der Architektur, der seinen Namen trägt? In: Süddeutsche Zeitung, 17.2.2026 > Rico Bandle: Hässlich gilt als gut – Schönheit ist in der Architektur schon lange kein Kriterium mehr. In: NZZ, 17.2.2026 (https://www.nzz.ch/feuilleton/ueberall-haessliche-bauten-schoenheit-ist-in-der-architektur-schon-lange-kein-kriterium-mehr-ld.1924934) > Friederike Meyer: Im Dickicht der Lorbeeren. Zur Debatte um Architekturpreise. In: Baunetz, 20.2.2026 (https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Zur_Debatte_um_Architekturpreise_10242212.html) > Karin Hartmann: Wird es Zeit für die Abrissbirne? In: DIE ZEIT, 21.2.2026 (https://www.zeit.de/feuilleton/2026-02/jeffrey-epstein-pritzker-hyatt-architektur-preis) > Axel Simon: Zu wahr, um schön zu sein? Die NZZ ist von allen guten Geistern verlassen. In: Hochparterre, 23.2.2026 (https://www.hochparterre.ch/nachrichten/architektur/zu-wahr-um-schoen-zu-sein) > Elias Baumgarten: Die dritte Umdrehung. In: german-architects, 27.2.2026 (https://www.swiss-architects.com/de/architektur-news/gefunden/die-dritte-umdrehung)
- 4Form Follows Emotion? Gefühle in der Architekturwahrnehmung. Die Architekt, Nr.1 2026
- 5Im Oktober 2025 fand in Basel eine mehrtägige Konferenz "Gegenmoderne" statt, siehe Andreas Tobler: Angst und Lustgewinn. (...) Ideen, wie dem Backlash begegnet werden kann, sind rar. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Oktober 2025
- 6Im Oktober 2025 fand in Basel eine mehrtägige Konferenz "Gegenmoderne" statt, siehe Andreas Tobler: Angst und Lustgewinn. (...) Ideen, wie dem Backlash begegnet werden kann, sind rar. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Oktober 2025
- 7»Ich sehe keinen Grund, warum wir eine neue Architektursprache erfinden sollten« (Stefan Forster). Elias Baumgarten im Gespräch mit Stefan Forster. In: Swiss Architects, 6.März 2026 (https://www.swiss-architects.com/de/architecture-news/gefunden/ich-sehe-keinen-grund-warum-wir-eine-neue-architektursprache-erfinden-sollten)
- 8Ulrich Raulff: Wie es euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks. München 2025, Seite 35
- 9https://www.aesthetics.mpg.de/, wobei hier Architektur schon nicht mehr ästhetisch kategorisiert ist.
- 10Benedikt Boucsein, Elettra Carnelli, Daniel Zwangsleitner (Hrsg.): Die Macht der Bedingungen. Architektur zwischen Abhängigkeit und Wirkung. Leipzig 2025 (Rezension von Benedikt Kraft in DBZ ***)
- 11https://www.marlowes.de/bebauungsplaene/
- 12Selbstbeschreibung: "Ich reduziere strukturelle Fehlerkosten in kleinen Architekturbüros – damit mehr Marge bleibt."
- 13siehe Anm. 1)
- 14Winfried Menninghaus: Das Versprechen der Schönheit. Frankfurt am Main 2007, Seite 10; immer wieder zur Hand nehmen lässt sich: > Umberto Eco (Hrsg.): Die Geschichte der Schönheit. München 2004 > Monika Leisch-Kiesl, Max Gottschlich, Susanne Winder (Hrsg.): Ästhetische Kategorien. Perspektiven der Kunstwissenschaft und Philosophie. Bielefeld 2017
- 15Ulrich Raulff, s. Anm. 7)
- 16Joshua Hildebrand: Wo Wahrzeichen Wirklichkeit werden. In: FAS, 15. März 2026, Seite 62-63
- 17Mina Marschall: Feindild Bauhaus. Flachdach, Satteldach, Kulturkampf: Moderne polarisiert. Es geht um Identität, Macht und die Frage, wie wir leben wollen. Die AfD nutzt das. In: FrankfurterAllgemeine Sonntagszeitung, 15. März 2026, Seite 30 (siehe Abbildung)