Die Bauministerin eilte am 9. September 2025 nicht nach Bonn, um etwas zum Thema Baukultur zu erfahren und Wissenslücken zu schließen. Sie verwendet ihre Zeit, wie sie bei Linkedin vermeldet, mit Besuchen einer ehemaligen Kitchen-Stories-Freundin, um über Kitas zu reden. Und um mitzuteilen, wie sie ihren Tag als Ministerin verbringt: Es beginnt mit einer Kitchen-Story (wie koche ich mir morgens einen Kaffee?); im Ministerium angekommen, folgt eine Kitchen-Story mit Blick auf ihren Teller mit Käse, Lachs, Obst und allerlei Rohkost, nachmittags am Arbeitstisch findet sie eine Brezel und eine Banane vor, wie auf den Videobildern zu sehen ist. Unterwegs ist sie auch, sie telefoniert, blättert in Akten, gibt Interviews – ach, lassen wir's gut sein.1
Die Bundesstiftung Baukultur hatte – gemeinsam mit dem Ministerium und dem BBSR – für diesen Tag nach Bonn zu einem Symposium anlässlich des 25. Jubiläums der Initiative eingeladen, die schließlich 2006 zu ihrer Gründung geführt hatte.2 Die Ministerin war eingeladen, schickte allerdings nur ein Video-Grußwort3 und ihren Staatssekretär Olaf Joachim.4
25 Jahre später
Hatten alle an diesem Tag ihren Auftritt im Parlament, das Günter Behnisch für die "Bonner Republik" gebaut hatte: Gründer, Gäste, Berufsanfänger. (Bild: Ursula Baus)
Hatten alle an diesem Tag ihren Auftritt im Parlament, das Günter Behnisch für die "Bonner Republik" gebaut hatte: Gründer, Gäste, Berufsanfänger. (Bild: Ursula Baus)
Karl Ganser, 1992 (Bild: Wilfried Dechau)
Karl Ganser, 1992 (Bild: Wilfried Dechau)
Karl Ganser ließ nicht locker und fand Unterstützer, so dass später ein solides, gesetzliches Fundament für die Stiftung zustande kam, an dem viele beteiligt waren. Bauberufsgruppen übergreifend.
Der andere ist der damalige Staatssekretär Achim Großmann, der – wie Karl Ganser – die politische Tragweite des Ansinnens erkannte und strategisch verfolgte. Und auf eine Gesetzesgrundlage für die BSBK drängte. 2006 übernahm Engelbert Lütke-Daldrup als Staatssekretär den Vorsitz des Stiftungsrates der BSBK, in einer damals "reflektiven Phase" des Bauens. Volkwin Marg, der zum 25-Jährigen leider nicht nach Bonn kommen konnte, leitete den ersten Beirat; seine Stellvertreterin war damals die Autorin.
Die ersten fünf Jahre leitete Michael Braum die Stiftung, ihm folgte 2013 Reiner Nagel. Die Aufgabe, Baukultur als öffentliches Anliegen mit unterschiedlichen "Formaten" zu etablieren und auf die Politik einzuwirken, erfüllt die keineswegs üppig finanzierte Stiftung nach Kräften und bestens. Baukulturberichte zu aktuellen Themen, Baukulturwerkstätten, Sommerreisen, regional abgestimmte Veranstaltungen, der Konvent, die Netzwerkarbeit: Zum Glück hat sich die Stiftung dabei nicht als "Hauptstadt-Institution", sondern bundesweit mit Rat und Tat engagiert. Und allen ist klar: Mit größerer Unterstützung und politischem Rückhalt ließe sich hier noch viel, viel mehr leisten.
Die "Rau-Rede" – aktueller denn je
In der Gründungsphase leitete Christoph Zöpel das NRW-Ministerium für Stadtentwicklung, der "durch blanken Zufall" zuvor Karl Ganser kennengelernt hatte und ihn nun zum Abteilungsleiter in seinem Ministerium machte.6 Gansers Anteil an Themen der "Rau-Rede" könne kaum überschätzt werden.7Engelbert Kortmann – als Vertreter der Immobilienwirtschaft und tragende Figur im Förderverein – gab zu, dass die Bauwirtschaft noch nicht Teil des Prozesses sei, weil eigenes Interesse dort eine große Rolle spiele. Engelbert Lütke Daldrup fügte ein bisschen selbstkritisch die Überregulierung, die sektorale Optimierung in der Branche an. Und Christoph Zöpel beklagte einmal mehr, dass Bauen in der Industriegesellschaft eine ganz andere Rolle als in einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft habe – was nicht begriffen werde. Es stimmten die Analysen rundum, nur: Was tun?
Courage! 5 x 25
Die Unbefangenheit der BerufsanfängerInnen sorgte einerseits für Heiterkeit, andererseits: für Hoffnung, wenn sie die Berufsenge sprengen kann. (Bild: Ursula Baus)
Die Unbefangenheit der BerufsanfängerInnen sorgte einerseits für Heiterkeit, andererseits: für Hoffnung, wenn sie die Berufsenge sprengen kann. (Bild: Ursula Baus)
farewell!
Und tschüss! Mike Schlaich verlässt die TU Berlin, bleibt jedoch leidenschaftlicher Bauingenieur im Büro sbp. (Bild: Ursula Baus)
Und tschüss! Mike Schlaich verlässt die TU Berlin, bleibt jedoch leidenschaftlicher Bauingenieur im Büro sbp. (Bild: Ursula Baus)
Mit Beton von einem Roboter "gedruckt": (Vortragsfoto: Ursula Baus)
Mit Beton von einem Roboter "gedruckt": (Vortragsfoto: Ursula Baus)
Kurzum: Es überraschte, wie viel Einsicht in größere Berufszusammenhänge hier zusammentraf. Es betrübte jedoch, dass so wenig Nicht-Ingenieure im Saal waren.
Denn Bauingenieuren obliegt in den folgenden Jahren, in denen hunderte Milliarden für die Ertüchtigung unserer Infrastruktur verbaut werden, immense Verantwortung. Überlagert von vermeintlich unsicherer Weltlage wird politisch gefordert, dabei die Verkehrswege "militärtauglich" zu machen. Das heißt aber, dass nahezu alle Ingenieurbauten aus der Blütezeit des 20. und 21. Jahrhunderts zerstört und neu gebaut werden müssten. Mit horrenden Kosten, kulturellen Verlusten und Umweltzerstörungen – von Baumüll-Transportmengen ganz zu schweigen. So ist zu hoffen, dass auch Bauingenieure begreifen, welche Priorität die Bestandspflege und -transformation haben muss und sich überlegen, wie dies technisch bewerkstelligt werden kann.
Demokratie und Räume
Ein bauhistorisch einzigartiger Parlamentsbau, hier das Foyer. Architekt war Günter Behnisch, Tragwerksplaner waren Schlaich Bergermann und Partner. Rita Süßmuth war Präsidentin, Peter Conradi stand ihr in ihrer Bauherrschaftsrolle bei. (Bild: Ursula Baus)
Ein bauhistorisch einzigartiger Parlamentsbau, hier das Foyer. Architekt war Günter Behnisch, Tragwerksplaner waren Schlaich Bergermann und Partner. Rita Süßmuth war Präsidentin, Peter Conradi stand ihr in ihrer Bauherrschaftsrolle bei. (Bild: Ursula Baus)
Neue Berufsfelder
Besser könnte es zum Beispiel sein, wenn Architekten und Architektinnen nicht nur bauen, bauen, bauen. Sondern in Quartieren, flächendeckend installierten Gestaltungsbeiräten und wer-weiß-welchen Formaten informieren und moderieren; wenn Verwaltungen nicht mit antiquierten Bebauungsplan-Instrumenten, sondern beratenden und dann verpflichtenden Strategien den Kontakt zu Bewohnern halten. Das Berufsbild von Architekten und Architektinnen bedarf hier einer erheblichen Änderung – und es kann durchaus sein, dass die "Youngsters" einfach: machen. Die Bundesstiftung Baukultur arbeitet in genau diese Richtung, und deswegen verdient sie jegliche Unterstützung.
Das ist es mir wert
- 1https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7332085342381953025/
- 2"Unter dem Titel „Demokratie und Räume – 25 Jahre initiativ für Baukultur“ laden die Bundesstiftung Baukultur, das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) sowie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) am 9. September herzlich zu einem lebendigem Fachsymposium als öffentliche Jubiläumsveranstaltung ein. Im Zentrum stehen Rück- und Ausblicke auf ein Vierteljahrhundert Engagement für Baukultur – von der „Initiative Architektur und Baukultur“ im Jahr 2000 bis heute. Gemeinsam mit Akteurinnen und Akteuren aus Praxis, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft werden aktuelle Herausforderungen und Perspektiven diskutiert: vom klimagerechten Bauen über baukulturelle Bildung bis hin zur Bedeutung von Baukultur für unsere Demokratie.
- 3Mit Teleprompter vorgetragen: https://vimeo.com/1125136260
- 4Die Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier: https://www.bundesstiftung-baukultur.de/veranstaltungen/detail/demokratie-und-raeume-25-jahre-initiative-architektur-und-baukultur und hier: https://vimeo.com/baukultur
- 5in leicht gekürzter Form: https://i.vimeocdn.com/video/2064376288-f3c8ab0addf7c4f31e99234e21871dbeaa54f9cbfda636d246ebb847207811d9-d_960x540?&r=pad®ion=us
- 6siehe auch Ulrike Rose: 25 Jahre Baukultur. In: Bauwelt, 19.2025 (online: https://www.bauwelt.de/rubriken/betrifft/25-Jahre-Baukultur-4285479.html)
- 7Erinnert wurde an das "Schwarzbuch" Karl Gansers, in dem nicht nur die vorbildlichen, sondern auch die üblen Beispiele des Bauens thematisiert waren.
- 8https://vimeo.com/1122865757