Klimawandel? Verschieben wir. Die Wirtschaftsministerin proklamiert vielmehr unwidersprochen, dass nur die Verfeuerung fossiler Brennstoffe – wie in Gaskraftwerken – Energie "bezahlbar" mache. Basta. Dass sie durch den Kauf von Gas und Flüssiggas das Land in üble Abhängigkeiten treibt, ficht sie nicht an. Abhängigkeit von Diktatoren im näheren und ferneren Osten; und Abhängigkeit von einem Präsidenten im Westen, der gerade dabei ist, Justiz und Presse auf seine Linie zu bringen: Diese Abhängigkeiten werden in Kauf genommen. Statt vehement und mit einem Sondervermögen, das genau dafür genehmigt wurde, die "erneuerbare" Energie voranzutreiben, vollzieht sie hier eine Rolle rückwärts ins fossile Zeitalter. Dabei sei erwähnt, dass die EU sich verpflichtet hat, in den USA für rund 750 Milliarden Euro Flüssiggas zu kaufen, damit dort die Zölle auf deutsche Autos halbiert – 15 statt 30 Prozent – bleiben. Da schließt sich ein Kreis, denn apropos Autos: Das EU-Aus für Verbrenner wird aller Wahrscheinlichkeit nach verschoben, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Doch nun im Einzelnen, was sich politisch gesteuert für das Arbeitsumfeld von Architekten und Planerinnen ändern wird.
Baustellen allerorten: Die systemische Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur ist unübersehbar. Seit Jahren. (Bild: Ursula Baus)
Baustellen allerorten: Die systemische Vernachlässigung öffentlicher Infrastruktur ist unübersehbar. Seit Jahren. (Bild: Ursula Baus)
Verkehr: Wende am Ende
In Bayern beabsichtigt Markus Söder, einen Fonds, mit dem die Autoindustrie bei der Transformation zur Elektromobilität unterstützt wird, von derzeit 100 auf 200 Millionen Euro zu verdoppeln.2 Das ist eine unverschämte Subvention einer Industrie, die sich selbst ins Hintertreffen manövriert und die Transformation zur Elektromobilität schlichtweg verpennt hat. Es würde niemanden wundern, wenn als verkappte Subvention auch ein Teil vom Sondervermögen dafür beantragt und genutzt wird.
In der F.A.S. vom 21.9.25 wurde der neue Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU – ihm sei gute Besserung nach einer Kreislaufschwäche gewünscht) zur Verkehrspolitik befragt, der schon gleich dem Finanzminister Klingbeil (SPD) in die Parade fuhr.3 Mehr Güter, mehr Verkehr, mehr Straßen: Mit diesen Rezepten rechtfertigte der Minister den Neubau von Autobahnen und Verkehrsumgehungen und verlangte wie alle: mehr Geld im Einzelhaushalt, in dem Lars Klingbeil 11 Mrd gekürzt hat. Minister Schnieder ficht nicht an, was Verkehrsexperten zu bedenken geben und uns das 20. Jahrhundert gelehrt hat: dass Wirtschaftswachstum – ungesteuert – zulasten ökologischer, existenzieller Ressourcenschonung geht; dass noch mehr Verkehr mit immer größeren Autos das Land und die Lebensqualität in Städten, Dörfern und Regionen zerstört.
Gefragt nach einer Pkw-Maut, sagt der Minister: "Wir planen nicht, darüber nachzudenken".
Gefragt nach einer Strategie, wie der Verkehrsanstieg gebremst werden könne, antwortet er: "Wollen Sie etwa den Güterverkehr verbieten? Wenn die Wirtschaft wächst, dann wächst auch der Verkehr, auf der Schiene, aber eben auch auf der Straße. Wenn Sie das nicht wollen, dann müssen Sie die Wirtschaft runterfahren."
Mit Verlaub: Eine dermaßen dümmliche, die Frage nicht begreifende, geschweige seriös beantwortende Aussage ist einfach nur peinlich. Hier werden falsche Gegensätze argumentativ missbraucht, denn niemand, der Verkehr steuern möchte, "verbietet den Güterverkehr". So ist zu erwarten, dass die normalen Aufgaben des Schnieder-Ministeriums aus dem Sondervermögen bezahlt werden und die "gekürzten" 11 Mrd von Lars Klingbeil wer-weiß-wohin verschoben werden.
Im Verkehrsbereich werden zudem die europäisch vorgegebenen Klimaziele nicht erreicht werden. Nun zeichnet sich ab, dass deswegen Emissionszertifikate gekauft werden sollen – ausgerechnet aus dem Klima- und Transformationsfonds.
Nicht nur zur Ferienzeit: Rappelvolle Bahnsteige, unpünktliche Züge, ein marodes Szenario. (Bild: Ursula Baus)
Nicht nur zur Ferienzeit: Rappelvolle Bahnsteige, unpünktliche Züge, ein marodes Szenario. (Bild: Ursula Baus)
Nun ist beim Thema Bahn eine weitere Katze aus dem Sack: Die Südtirolerin Evelyn Palla wird Richard Lutz folgen und punktet mit Erfahrungen bei den ÖBB, Sanierungserfolgen bei DB Regio und "Empathie". Ein Strategiewechsel bei der Bahn ist erstmal nicht zu erwarten, so sehr man sich über saubere Bahnhöfe und hilfsbereites Personal freuen möchte, was der Minister ein "verbessertes Fahrerlebnis" nennt.4 Im Gespräch mit der ZEIT stellt Schnieder jedoch eines klar: Die Bahn soll – so das Ziel – auf keinen Fall Verluste machen. Nun muss man wissen, dass in Ländern mit funktionierendem, pünktlichem und gepflegtem Bahnbetrieb – etwa in Österreich oder in der Schweiz – genau das nicht eingefordert wird, weil die Bahnmobilität als gemeinnützig anerkannt, Mobilität als Teil einer Grundversorgung begriffen ist.
Die politische Ansage in Deutschland ist also weiter die klare Priorisierung des Autos vor der Bahn.
Bevor nicht Kanzler Merz deutlich sagt, dass die Sanierung und Ertüchtigung der völlig maroden Bahn in den nächsten Jahren Vorrang vor neuen Autobahnen hat, dass Subventionen der Automobilindustrie ersatzlos gestrichen werden, wird sich beim Verfall der Deutschen Bahn nichts ändern.
Bauen, Bauen, Bauen: Die Bauwirtschaft muss als altes Zugpferd für Wachstum herhalten. (Bild: Ursula Baus)
Bauen, Bauen, Bauen: Die Bauwirtschaft muss als altes Zugpferd für Wachstum herhalten. (Bild: Ursula Baus)
Bauen: um jeden Preis
Bauen, Bauen, Bauen: In allen Unternehmen, die immobilienwirtschaftlich unterwegs sind, arbeiten: Architekten und Architektinnen. Bau- und Immobilienwirtschaft dringen, getreu der tumben Idee, dass die Bagger rollen müssen, auf Neubau, Ausweisung neuer Baugebiete, Vereinfachungen im Abriss und so weiter.
Die hier arbeitenden ArchitektInnen agieren anders als ihre Verbände. Denn Kammern, BDA und viele andere plädieren deutlich dafür, Umbau und Sanierung zu priorisieren. Bislang zeichnet sich nicht ab, dass die Ministerin dem folgen könne oder möchte. Allerdings überzeugt – rein kommunikationstechnisch – der Ruf der Architektenschaft – "Sanierungssprint" – marketingmäßig oder BILD-zeitungstauglich kaum. Denn "Bauturbo" bringt das Bauen als Versprechen mit dem manneslieben "Turbo" in des Deutschen liebstem Kind, dem Auto, zusammen und kann auf Zustimmung zählen. "Sanierungssprint" kann indes mit Assoziationen zu hilfsbereiter Sanitätskraft und dem sportlichen Sprinten nichts Adäquates versprechen.
Linkedin-Eintrag Verena Hubertz
Linkedin-Eintrag Verena Hubertz
Das war's mit der "grünen" Energie? (Bild: Ursula Baus)
Das war's mit der "grünen" Energie? (Bild: Ursula Baus)
Energie: zurück ins fossile Zeitalter
Wenden
Aldous Huxley (Bild von John Collier (1850-1934). The Graphic (British newspaper). 7 May, 1927. p. 228. Wiki Gemeinfrei)
Aldous Huxley (Bild von John Collier (1850-1934). The Graphic (British newspaper). 7 May, 1927. p. 228. Wiki Gemeinfrei)
"Die Menschen werden ihre Unterdrückung lieben und die Technologien verehren lernen, die ihre Denkfähigkeit vernichten".
Ja, so wird es wohl sein, denn wir werden gerade Zeugen von diesem Prozess, den jeder Einzelne von uns korrigieren kann. Wenn er/ sie denn will.
Das ist es mir wert
- 1Tagesspiegel online, 21.9.2025
- 2Süddeutsche Zeitung, 24.9.2025
- 3"Die bösen Überraschungen sollten 2032 vorbei sein". Patrick Schnieder im Gespräch mit Dyrk Scherff und Corinna Budras. In: FAS, 21. September 2025 (für 3 Euro zu lesen: https://fazarchiv.faz.net/faz-portal/document?uid=FAS__SD12025092150103155572308)
- 4Verkehrsminister Patrick Schnieder im Gespräch mit Max Hägler und Jonas Schulz Pals, in: DIE ZEIT, 25.9.25
- 5https://www.marlowes.de/redet-mit/
- 6https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/sondervermoegen-2356240
- 7Tina Hildebrandt:Ein Treffen mit Bundesbauministerin Verena Hubertz, in: DIE ZEIT, 25.9.2025
- 8https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Energie/Erzeugung/_inhalt.html
- 9https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2025/09/20250915-monitoringbericht-zur-energiewende-vorgelegt-bundesministerin-katherina-reiche-schlaegt-zehn-schluesselmassnahmen-vor.html | dazu die Kritik im SPIEGEL: https://www.youtube.com/watch?v=E6gICQtRb4I
- 10"Je weniger wir tun, desto eher bekommen wir, was wir fürchten".