Wenn die dringende Transformation von Architektur und Stadt gelingen soll, können wir uns Geschmacksvorurteile nicht leisten. Dann müssen wir den Bestand nach seiner Entstehungsgeschichte befragen, denn erst dann lassen sich seine Potenziale nutzen, erst dann lässt sich mit einem wertschätzenden Blick auf den Variantenreichtum der Stadt und der Region schauen. Kurzum: Wir brauchen eine Amnestie für die Stadt wie sie ist, mit all ihren Brüchen und Facetten.
Giovanni Battista Piranesi (1720-78): Campo Marzio dell`antica Roma, 1762.
Giovanni Battista Piranesi (1720-78): Campo Marzio dell`antica Roma, 1762.
Auch unsere heutigen Städte in Europa haben sich im 19. und im 20. Jahrhundert zu einer großräumlichen Collage entwickelt – was bei Piranesi das Haus, ist hier das Quartier. Städte sind ein räumliches Manifest dessen, was verschiedene Generationen in ihrer Zeit, mit ihren Vorstellungen von einer positiven Zukunft geschaffen haben. In Deutschland kommt noch eine Besonderheit hinzu. Anders als etwa in Frankreich, etwa in Paris, gab es in sehr zentralen Lagen Raum für Sozialen Wohnungsbau, wie auch für andere Neubauten, die letztlich fast durchgängig modernistischen Gestaltungsprinzipien folgten – zum einen auf Grund der großen Kriegszerstörungen und zum zweiten durch die zurecht kritisierte zweite Zerstörungswelle im Zuge vorschneller Beräumung von Trümmerbauten.
Deutsche Melange. Die ursprünglich als Hauptquartier der britischen Besatzungstruppen geplanten Grindelhochhäuser (1946-56) bieten ca. 1.200 Wohnungen mit erschwinglichen Mieten im noblen Hamburger Stadtteil Harvestehude. (Bild: Stefan Rettich, 2020)
Deutsche Melange. Die ursprünglich als Hauptquartier der britischen Besatzungstruppen geplanten Grindelhochhäuser (1946-56) bieten ca. 1.200 Wohnungen mit erschwinglichen Mieten im noblen Hamburger Stadtteil Harvestehude. (Bild: Stefan Rettich, 2020)
Das italienische Missverständnis
Hamburg – City-Hof im Abbruch. (Bild: Stefan Rettich, 2019)
Hamburg – City-Hof im Abbruch. (Bild: Stefan Rettich, 2019)
Leipzig – Czermaks Garten. (Bild: Stefan Rettich, 2007)
Leipzig – Czermaks Garten. (Bild: Stefan Rettich, 2007)
Wer hat eigentlich großen Wohnungsbau verboten?
Gallaratese-I (1967-74) in Mailand von Carlo Aymonino. (Bild: Stefan Rettich, 2015)
Gallaratese-I (1967-74) in Mailand von Carlo Aymonino. (Bild: Stefan Rettich, 2015)
The Whale (1995–2000) in Amsterdam von Frits van Dongen / de Architekten Cie. (Bild: Stefan Rettich, 2015)
The Whale (1995–2000) in Amsterdam von Frits van Dongen / de Architekten Cie. (Bild: Stefan Rettich, 2015)
Wohnblock Piraeus (1989–1994) in Amsterdam von Hans Kollhoff (Isometrie: Franziska-Berendes, Uni Kassel, 2017)
Wohnblock Piraeus (1989–1994) in Amsterdam von Hans Kollhoff (Isometrie: Franziska-Berendes, Uni Kassel, 2017)
Dabei bietet die Blockrandstruktur keine idealen Voraussetzungen für die anstehende Innenentwicklung. Denn mit ihren Hofbereichen werden Freiräume privatisiert und der Wohnbevölkerung des Quartiers entzogen. „Dicke Häuser“, also kompakte Gebäude ohne Hof, bieten eine typologische Alternative, die keinen privaten Freiraum beansprucht. Solche Häuser können in den Erdgeschossen auch Nutzungen mit höherem Flächenbedarf, wie etwa eine Kita, einen Handwerksbetrieb oder größeren Einzelhandel aufnehmen. Und sie haben ein optimiertes A/V-Verhältnis, verbrauchen also weniger Energie und können preiswerter gebaut und vermietet werden, weil weniger teure Fassadenfläche ansteht. Oliver Thill, der mit seinem Büro-Partner André Kempe seit Jahren mit Wohnungsbauten von mehr als 20 Metern Tiefe experimentiert, bringt es auf den Punkt: „Wir benötigen dringend einen Typologie-basierten Städtebau. Wir müssen erst optimale Typologien für das 21. Jahrhundert entwickeln und dann damit den Städtebau gestalten.“
Nieuw-Zuid-Housing (2016) in Antwerpen von Atelier Kempe Thill. (Bild: Ulrich Schwarz, Berlin)
Nieuw-Zuid-Housing (2016) in Antwerpen von Atelier Kempe Thill. (Bild: Ulrich Schwarz, Berlin)
Damit werden auch neue Typologien einhergehen. Diese stadtverträglich zu gestalten ist eine wichtige, aber nicht einfache Aufgabe des Städtebaus, denn die Nutzungen müssen aus ihrer inhärenten Logik und Funktionalität heraus entwickelt werden. Das war auch in der Gründerzeit schon so, denn nicht alle Funktionen ließen sich in den Blockrändern oder den Hinterhöfen unterbringen.
Aus diesem Grund wurde die Stockwerksfabrik erfunden. Jener, dem tradierten Städtebau des 19. Jahrhunderts eigentlich fremde Typ eignet sich bis heute besser für die Mischung von Dienstleistung, Kreativwirtschaft, urbaner Produktion oder Loftwohnen als der klassische Gründerzeitblock. In Halle 18 des Leipziger Spinnereigeländes befinden sich heute neben dem Atelier von Neo Rauch eine Galerie, Wohnungen, ein Jugendtheater, ein Call-Center oder auch ein Kino.
Den Bestand umarmen – und weiterbauen
Spinnerei Leipzig, Halle 18 von KARO* (Bild: Stefan Rettich, 2006)
Spinnerei Leipzig, Halle 18 von KARO* (Bild: Stefan Rettich, 2006)
In der Zwischenstadt ließe sich zudem das Prinzip des Urban Mining anwenden. Vorgefertigte Werkhallen oder Systembauten des großflächigen Einzelhandels lassen sich gut in den Materialkreislauf zurückführen. Dann werden aber auch Konzepte für die Integration neuer Typen der urbanen Produktion in die Kernstadt benötigt: Der große Maßstab, die andere Funktion, atypische Fassaden erfordern gewissermaßen eine Form von Kontextualität ohne Kontext: ein Einfügen, dass sich nicht allein aus Nutzung und Eigenart des Bestandes ableiten lässt. Das rührt an den Grundfesten von §34 BauGB, der ohnehin in der Kritik steht, da im unbeplanten Innenbereich keine gemeinwohlorientierten Ziele durchsetzbar sind. Innenentwicklung und Städtebau im Bestand bedürfen also spezieller Lösungen für spezielle Orte, weshalb man weit mehr Architektur im Städtebau wagen muss als bislang.
Der gut geplante Gegensatz verspricht nach mehreren Dekaden der Homogenisierung nicht nur einen ästhetischen Gewinn, sondern könnte mehr denn je zur Voraussetzung für die richtige Mischung werden – mehr noch: er ist die Grundbedingung für einen kompakten, klimagerechten Städtebau. Wir brauchen eine Amnestie für die Stadt, wie sie ist und wir brauchen eine Amnestie für das große Korn – wir müssen wieder lernen, dass Widerspruch gestaltbar ist. Ansonsten wird Innenentwicklung nicht gelingen.
Das ist es mir wert
- 1Luigi Ficacci: Piranesi. The Complete Etchings, Bd. 1, 2011, S. 19-29 (2) Gabriele Basilico, Stefano Boeri: Italy – Cross Sections of a Country, 1998, S. 9–24 (3) Auf den Seiten des Internetmagazins ModerneRegional werden regelmäßig Meldungen zum Abriss von Gebäuden und Ensembles der Nachkriegsmoderne veröffentlicht. Darunter auch solche in kleineren Orten und von weniger herausragender Gestaltung. Gerade sie machen die Substanz der Epoche aus. >>> (4) Zitiert nach: Gunßer, Christoph: Bezahlbar bauen – aber wie?, Deutsches Architektenblatt 06.2020 (5) Im unbeplanten Innenbereich, in denen §34 BauGB Anwendung findet, sind Vorhaben grundsätzlich genehmigungsfähig, wenn sich sie sich in Art und Maß in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen. Anders als bei B-Plan-Verfahren kann dann nicht verhandelt werden, dass Sozialwohnungen oder soziale Infrastruktur mitentwickelt werden müssen.