Das Ihmezentrum vom Ihme-Ufer aus. (Bild: Christian A. Schröder, CC BY-SA 4.0, Quelle >>>)
Leicht gesagt. Die Praxis zeigt, wie schwierig echte Konversion im Kontext aktueller Herausforderungen ist: Globalisierung, Digitalisierung, demografischer Wandel, Energie- sowie Mobilitätswende zwingen uns zwar, neu über Stadt nachzudenken. Doch die politische Debatte produziert zwar Meinungen, bringt aber nur selten echte Innovation in der Raum- und Stadtentwicklung hervor. Das, was wir brauchen, sind Disruptionen.
Disruptionen für die Städte von morgen
Urbane Utopien und komplexe Probleme
Heimat von 1500 Menschen. Luftbild des Ihme-Zentrums von 2016. (Bild: Gerd Fahrenhorst, CC BY 4.0, Quelle: >>>)
Heimat von 1500 Menschen. Luftbild des Ihme-Zentrums von 2016. (Bild: Gerd Fahrenhorst, CC BY 4.0, Quelle: >>>)
Das Ihme-Zentrum ist ein Paradebeispiel eines urbanen Brown Fields. Geplant und gebaut in der euphorischen und kapitalreichen Wirtschaftswunderära der 1960er- und 1970er-Jahre, galt das multifunktionale Subzentrum am Rande der hannoverschen City eine Zeit lang international als Leuchtturmprojekt: Rund 800 komfortable Wohnungen, ein modernes Einkaufszentrum auf 70.000 Quadratmetern sowie Büros für etwa 2.000 Menschen – gelegen am namensgebenden Fluss Ihme und mitten in einem der wohl dynamischsten Stadtteile Deutschlands: Hannover-Linden. Mit der raumschiffartigen Stadt in der Stadt Ihme-Zentrum wollte Hannover damals aufschließen zu Metropolen wie London, Paris oder Tokio.
1975 eröffnet, wurde das Zentrum schnell von einer urbanen Utopie zu einem Symbol für die Hybris der Wirtschaftswunderzeit: Nach der Devise „Klotzen statt Kleckern“ wurde ein Quartier geschaffen, das rund 3,5 Mal größer war als ursprünglich vorgesehen. Die Verdichtung nahm Proportionen an, wie sie sonst wirklich nur in New York oder Tokio erlebbar waren, und die Eigentümerstruktur wurde durch ihre Komplexität immer ineffektiver.
Das Ihme-Zentrum vom DGB-Hochhaus 2011 (Bild: Recherche, Scans, Arbeitsleistung gestiftet von: Bernd Schwabe in Hannover [CC BY 3.0 , Quelle: >>>)
Das Ihme-Zentrum vom DGB-Hochhaus 2011 (Bild: Recherche, Scans, Arbeitsleistung gestiftet von: Bernd Schwabe in Hannover [CC BY 3.0 , Quelle: >>>)
Die Eigentümertreffen der rund 550 Parteien sind geprägt von einer aggressiven Stimmung. Die Teilungserklärung, also das Betriebssystem, umfasst mehr als 700 Seiten, und die Mehrheit in der Wohn- und Eigentümergemeinschaft wird seit Anfang der 2000er Jahre durch sich abwechselnde Investmentfonds gehalten. Mal sind es Unternehmen mit juristischen Sitz auf Zypern, mal US-amerikanische Fonds, mal Unternehmen, deren Personal nach dem ersten Googeln an Spekulanten-Klischees aus dem Tatort erinnern.
Kurz: Das Ihme-Zentrum ist ein komplexes Problem. Und ein ideales Forschungsobjekt.
Nachhaltigkeitsforschung als Schlüssel
Was, wenn man die Geschichte des Ihme-Zentrums nicht als eine des Versagens, sondern seiner Qualitäten erzählte? (Bild: Constantin Alexander)
Was, wenn man die Geschichte des Ihme-Zentrums nicht als eine des Versagens, sondern seiner Qualitäten erzählte? (Bild: Constantin Alexander)
Die Analyse bestand aus drei Teilen: Am Anfang habe ich untersucht, warum das Quartier nicht abgerissen wird. Die Antwort ist überraschend einfach: Es ist aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Gründen nahezu unmöglich. Die Bruttogeschossfläche des Zentrums umfasst rund 300.000 Quadratmetern, das Quartier steht auf einem der größten Betonfundamente der Welt.
Die Menge an Schutt, Müll und Feinstaub wäre eine immense Belastung für Mensch und Natur. Gleichzeitig ist die Struktur des Gebäudes ein Stahlbetonskelett. Die Hülle zu ersetzten und die Struktur zu erhalten, wäre energiesparender, als ein Abriss und ein wie auch immer gearteter Neubau.
Auf sozialer Ebene wäre ein Abriss zynisch: Im Zentrum wohnen heute mehr als 1.500 Menschen. Der Leerstand in den etwa 800 Wohnungen liegt bei etwa einem Prozent. Um die 40 Prozent wohnen im Eigentum, viele von ihnen seit 1975. Es ist ihre Heimat. Angesichts des Drucks auf dem Immobilienmarkt ist ein Abriss schlicht Quatsch.
Und auch auf ökonomischer Ebene ist ein Abriss Unsinn: Schätzungen gehen davon aus, dass ein Abriss etwa 150 Millionen Euro kostet, dazu kämen die Entschädigungszahlungen an Eigentümerinnen und Eigentümer. Das Grundstück – ob bebaut oder unbebaut – ist dieses Geld nicht wert. Es wäre ein negativer Return of Investment. Sprich: Ein Abriss kommt nicht in Frage.
Der zweite Teil der Analyse umfasste die Möglichkeiten einer Transformation. Dazu führte ich im Zeitrum 2014 bis 2016 etwa hundert Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen Architektur, Stadtentwicklung, Bauingenieurswesen, Recht, Medien, Kunst, Kultur sowie Wirtschaft und fragte sie nach ihrer fachlichen Perspektive von Reparaturmöglichkeiten sowie Entwicklungspotenzial des Ihme-Zentrums. Das Ergebnis: Jedes Teilproblem ist reparabel.
Der dritte Teil der Analyse umfasste dann den Aspekt des Image-Reframings – ein Werkzeug aus der PR, mit dem die Diskussion über ein Thema nach eigener Agenda beeinflusst wird. Das Thema Ihme-Zentrum wurde zum Zeitpunkt der Analyse von Lokalmedien sowie der Stadtgesellschaft überwiegend negativ aufgefasst. Das Quartier galt als prekäres Problemviertel, viele meiner Nachbarinnen und Nachbarn erzählten mitunter nie, wo sie lebten. Es galt, ein neues Bewusstsein für diese lange ignorierte Immobilie zu formen und aus der partiellen Ruine einen Möglichkeitsraum zu machen.
Vom Forschungsobjekt zur Kampagne
Der Autor auf einer der vielen Begehungen, in denen der das Ihme-Zentrum Interessierten vorstellte. (Bild: Constantin Alexander)
Der Autor auf einer der vielen Begehungen, in denen der das Ihme-Zentrum Interessierten vorstellte. (Bild: Constantin Alexander)
Also produzierten ich mit dem hannoverschen Filmemacher Hendrik Millaheuer 2016 mithilfe von Crowdfunding und einer Förderung von Nordmedia eine 45-minütige Dokumentation über das Viertel. Der Film „Traum Ruine Zukunft“, gedreht im Stil des konstruktiven Journalismus, läuft seit Dezember 2016 monatlich im örtlichen Kunstkino.
Die Aufmerksamkeit war irgendwann so groß, dass es zu einem Tipping Point kam: Auf einmal kamen immer mehr junge, kreative Menschen, aber auch Immobilienmakler zu den Rundgängen und erkannten das Potenzial des Quartiers und dessen Freiraum. Und schließlich sprangen auch Lokalpolitiker auf, auch wenn sie oftmals nicht verstanden, warum ein junger Mensch so einen Aufwand betrieb, um ein Quartier zu transformieren.
Ungenutzte Freiräume. Sie warten auf ihre Chance. (Bild: Constantin Alexander)
Ungenutzte Freiräume. Sie warten auf ihre Chance. (Bild: Constantin Alexander)
Wie geht es weiter?
Nachhaltigkkeit und Stoffkreisläufe als Chance für das Ihme-Zentrum? Visualisierung. (Bild: Constantin Alexander)
Nachhaltigkkeit und Stoffkreisläufe als Chance für das Ihme-Zentrum? Visualisierung. (Bild: Constantin Alexander)
Analog zu der Vision der „Charter City“ des Wirtschaftsnobelpreisträgers von 2018, Paul Romer, böte das Ihme-Zentrum, aber auch viele der anfangs erwähnten Brachflächen, das Potenzial, Stadtentwicklung radikal neu zu denken. Die Faktoren Politik, Baugesetzgebung, Medien und die spekulativen Interessen gewisser Stakeholder haben eine für das Gemeinwohl gefährliche Situation erzeugt. Warum also nicht aus den Brachen Gebiete einer besonderen Entwicklung machen? Mit anderen Zielen und Erfolgsindikatoren, wie sie sonst in den Städten herrschen? Beispielsweise komplett nachhaltigen Stoff- und Energiekreisläufen? Einer zukunftsorientierten und generationsgerechten Mobilität? Genossenschaftlicher Produktionsweisen?
Hannover will 2025 Europäische Kulturhauptstadt werden: Das Ihme-Zentrum könnte zu dem Symbol der Festivität werden: So wie einst die Weltausstellungen genutzt wurden, um den technologischen Fortschritt – etwa in Form des Eiffelturms –darzustellen, könnten wir als Gesellschaft mit dem Ihme-Zentrum zeigen, dass Kultur neben Musik, Literatur, Theater oder Bildende Kunst eben auch die Architektur umfasst. Und dass gerade sie die wohl wichtigste Kulturtechnik unserer Zeit herausfordert: das Reparieren.