Der Name formuliert einen hohen Anspruch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Europaviertel in Frankfurt (Bild: Daniela Zupan)
Der Name formuliert einen hohen Anspruch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Europaviertel in Frankfurt (Bild: Daniela Zupan)
In seiner Frühzeit kann das Leitbild der kompakten nutzungsgemischten Stadt als Antithese zu seinem Vorgänger verstanden werden – dem modernen Großsiedlungsbau der 1960er und 1970er Jahre. Aus Diagnosen des Unbehagens wurden Gegenthesen abgeleitet und als Losungen formuliert: anstatt getrennter Funktionen sollte Nutzungsmischung, anstatt disperser Siedlungen kompakte Quartiere, anstatt großer zusammenhängender Strukturen Kleinteiligkeit, Maßstäblichkeit und Vielfalt in der Einheit entstehen.
Feindbild Großsiedlung. Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin. (Bild: Christian Holl)
Feindbild Großsiedlung. Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, Berlin. (Bild: Christian Holl)
Die Konstruktion eines Feindbilds
Bis heute wirkt dies – zumindest in Deutschland – nach und wirft nach wie vor einen Schatten über die Großwohnbauten dieser Periode. Eine mögliche und nützliche Re-Evaluierung und Neuverhandlung dieser Siedlungen wurde so nicht nur auf Jahrzehnte verhindert, es verlieh dem Leitbild auch erst seine Überzeugungs- und Durchsetzungskraft.
Burgholzhof Stuttgart, bebaut seit 1998. Hier wurde Standardrepertoire verwendet anstatt die heraussragende Lage zum Thema des Entwurfs zu machen. (Bild: Wikimediacommons, MSeses)
Burgholzhof Stuttgart, bebaut seit 1998. Hier wurde Standardrepertoire verwendet anstatt die heraussragende Lage zum Thema des Entwurfs zu machen. (Bild: Wikimediacommons, MSeses)
Bürgerlich-konservativ und wenig experimentierfreudig
Die bisherige Routine weiterzuentwickeln, wurde praktisch ausgeschlossen. Stattdessen schien es notwendig, auf die Zeit vor der als Fehlentwicklung empfundenen städtebaulichen Moderne zurückzugreifen, um wieder einen Schritt vorwärts tun zu können. Zentrale Protagonisten dieses Narrativs 3 stellten die ‚Rückkehr’ zur Praxis der gründerzeitlichen Stadt als einzigen möglichen Weg ‚nach vorne’ dar: „Wir brauchen (...) Visionen zur Wirklichkeit der Stadt und eine demokratisch legitimierte Planungskultur, die an das Ethos des klassischen Städtebaus anknüpft und die verbrauchten Leitbilder und Paradigmen der Moderne überwindet“. Denn: „Erst die Befreiung von der Moderne kann uns den Blick wieder öffnen für die Magie der Stadt.“ 4.
Dadurch hat sich in der Bundesrepublik Deutschland im Laufe der 1990er Jahre ein bürgerlich-konservativer, wenig experimentierfreudiger und deutlich an gründerzeitlichen Vorbildern orientierter Ansatz als dominant etablieren können.
Das Gewünschte und das Bewirkte
Hafencity Hamburg und Tübinger Südstadt: Hochambitionierte Vorilder, denen routinierter Alltag folgte. (Bilder: Daniela Zupan)
Hafencity Hamburg und Tübinger Südstadt: Hochambitionierte Vorilder, denen routinierter Alltag folgte. (Bilder: Daniela Zupan)
All das hat eine Konturlosigkeit befördert, in der die Frage nach einer kritischen Einschätzung, wo das Leitbild seine Grenzen hat, kaum mehr gestellt wird. Was aber heißt das? Ist das Leitbild der kompakten nutzungsgemischten Stadt enorm breit anwendbar? Oder schwindet seine Kraft und rahmengebende Funktion? Hat das Leitbild noch die Substanz, Antworten auf Herausforderungen der Gegenwart zu geben oder legitimiert es nur noch unreflektiert und unkritisch planerisches Alltagshandeln? Erstarrt es zum Dogma und wird zum Opfer seines Erfolgs?
Überseestadt Bremen. (Bild: A.Savin, Wikimedie Commons)
Überseestadt Bremen. (Bild: A.Savin, Wikimedie Commons)
Ennui und Unbehagen
Improvisation und Weiterbauen am Bestand: Quellen eines neuen Stadtverständnisses? Installation BeL auf der Architektur-Biennale 2016. (Bild: Christian Holl)
Improvisation und Weiterbauen am Bestand: Quellen eines neuen Stadtverständnisses? Installation BeL auf der Architektur-Biennale 2016. (Bild: Christian Holl)
Überkommene Orientierungsgeber
Ein verengtes, bürgerlich-konservatives Urbanitätsverständnis, wie es von Jane Jacobs in den 1960ern bis Jan Gehl im Heute propagiert wird, wird dabei keine Orientierung mehr bieten.
Das Instrumentarium der kompakten, nutzungsgemischten Stadt greift (nicht nur) hier nicht: Halle-Neustadt. (Bild: Christian Holl)
Das Instrumentarium der kompakten, nutzungsgemischten Stadt greift (nicht nur) hier nicht: Halle-Neustadt. (Bild: Christian Holl)
Die Krux mit der Ökologie
Stadterweiterung Frankfurter Riedberg. (Bild: Daniela Zupan)
Stadterweiterung Frankfurter Riedberg. (Bild: Daniela Zupan)
Es wundert nicht, dass dieses Thema angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Herausforderungen wieder stärkeren Zulauf erhält: Die Stärkung populistischer, rechter Parteien, der Vertrauensverlust und die Legitimitätskrise von Politik und Verwaltung sowie die zunehmende sozio-kulturelle Spaltung der Gesellschaft sind zum Teil sicherlich auf eine Politik zurückzuführen, die den sozialen Ausgleich durch die Konzentration auf übergeordnete Anliegen, wie das der Ökologie, aus dem Blick verloren zu haben scheint.
Aber haben nicht gerade auch Planer mit den von ihnen verfolgten Leitbildern und Zielvorstellungen ein Stück weit zu dieser Situation beigetragen? Kann man es angesichts aktueller Herausforderungen tatsächlich noch als Gewinn werten, dass betuchte Eliten in den letzten Jahrzehnten einen entscheidenden Schritt aus der Peripherie zurück ins Zentrum getan haben? Können wir weiterhin akzeptieren, dass durch den ökologisch sanktionierten Trend zu Dichte und Kompaktheit eine sozio-kulturelle Spaltung der Gesellschaft befördert wird, in der Mittel- und Oberklassen in die Innenstädte strömen und einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen an die städtischen Peripherien abgedrängt werden? (12)
(Bild: Christian Holl)
(Bild: Christian Holl)
(6) Axel Schubert: ‚Ökologische’ Leitbilder als emotionale Kulturtechnik an den Grenzen der Planbarkeit. Jahrbuch StadtRegion 2015/2016, Opladen u.a. 2016, S. 67.
(8) Johann Jessen und Daniela Zupan: Leitbildwechsel – Wie kommt Neues in die Stadtplanung? Forum Stadt 1/2017, S. 76 sowie Christian Holl: Der müde Geist
(9) Maren Harnack und Christian Holl: Groß, aber oho!
(10) Susan Fainstein: The just city. International Journal of Urban Sciences, 18/1/2014, S.6.
Auch in Vorschlägen, wie sie kürzlich von Andreas Feldtkeller (mit Bezug auf Hans-Henning von Winning) zur ‚Nachurbanisierung’ von Stadtstrukturen vorgeschlagen worden sind, spiegeln sich neoliberale Ideen wider, etwa wenn dort der Rückzug des Staates zugunsten zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation als Errungenschaft gepriesen wird. Siehe Christian Holl: Es wurde zu wenig experimentiert. Andreas Feldtkeller im Gespräch mit Christian Holl. Der Architekt 2/2017.
(12) Johann Jessen und Daniela Zupan: Leitbildwechsel – Wie kommt Neues in die Stadtplanung? Forum Stadt 1/2017, S. 76f.
Das ist es mir wert
- 1Johann Jessen: Die Zukunft der Großsiedlungen in schrumpfenden Stadtregionen. Archiv für Kommunalwissenschaften I/1987 und Johann Jessen: Aus den Großsiedlungen lernen? Das Scheitern eines Modells. Die alte Stadt 4/1989.
- 2Felix Zwoch: Nach Berlin! Nach Berlin! Stadtbauwelt 109/1991, S. 559.
- 3Zu bedeutenden Promotoren des Leitbilds gehörten fachliche und politische Spitzen städtischer Planungs- und Bauverwaltungen wie Hans Stimmann (seit 1991 Berliner Senatsbaudirektor), Egbert Kossak (Oberbaudirektor Hamburgs), Martin Wentz (Planungsdezernent Frankfurts), Andreas Feldtkeller (Leiter des Stadtsanierungsamts Tübingens), aber auch der einflussreiche Stadttheoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm. Siehe Johann Jessen und Daniela Zupan: Leitbildwechsel – Wie kommt Neues in die Stadtplanung? Forum Stadt 1/2017, S. 73.
- 4Stephan Reiß-Schmidt und Felix Zwoch: Befreiung von der Moderne. Wir brauchen eine Kultur des Städtebaus! Stadtbauwelt 108/1990, S. 2406 und 2413.
- 5Johann Jessen: Der Weg zur Stadt der kurzen Wege – versperrt oder nur lang? Zur Attraktivität eines Leitbildes. Archiv für Kommunalwissenschaften I/1996, S. 3.
- 6: Ursula Baus: … in die Jahre gekommen: Forschungscampus Stuttgart-Vaihingen. deutsche bauzeitung 4/2017, online hier >>>
- 7Wilhelm Kainrath: Urbanie. Architektur Aktuell 24/1971, S. 14.