Oxford Circus mit Blick in die Regent Street. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY 3.0, Diliff)
Wenn Stadt mehr als eine Ansammlung von besonders vielen Gebäuden, wenn städtisches Leben mehr als die Ordnung von Alltagsabläufen sein soll, dann muss dem, was dieses Mehr ausmacht, in der Planung auch wirkungsvoller Raum gegeben werden. Eine auf Ästhetik fokussierte Sicht auf Stadt kann dem nicht gerecht werden.
Die Geschichte, die sich in diesen zwei kurzen Äußerungen entfaltet, ist keine Entwicklung der neueren Zeit. Es gibt sie schon lange. Mindestens allerdings seit Prinzregent Georg IV. zusammen mit dem Architekten John Nash Anfang des 19. Jahrhunderts die spätere Regent Street schwungvoll über die dicht bebaute Mitte Londons legte. Dieser Akt, der so einfach und wenig aufgeregt klingt, ist allerdings das genaue Gegenteil einer vermeintlich harmlosen Maßnahme. Denn die Regent Street stellt sich als drastische Zäsur von existierenden Stadtgefügen dar. Nicht nur das. Wie dies die Geschichtswissenschaftlerin Laurel Flinn in ihrem Text zur Sozial- und Raumpolitik der Entstehungsgeschichte dieser Straße klar artikuliert, wurde die Regent Street als aktives Blockadeinstrument konzipiert. Sie schloss die für die arbeitenden Schichten wichtigen Ost-West-Durchwegungen und erschwerte damit Handel und Warenströme. 2
Notwendig – für wen?
Der ‚New Street Act’ (1813) macht die unter John Nash geplante Ausführung der späteren Regent Street möglich. (Bild: Wikimedia Commons)
Der ‚New Street Act’ (1813) macht die unter John Nash geplante Ausführung der späteren Regent Street möglich. (Bild: Wikimedia Commons)
Zurück ins Heute — denn es gibt viel über Raum und Raumentwicklung, über Planungen von Stadt und Städten zu sagen, die (wie auch schon die Regent Street vor gut 200 Jahren) scheinbar hehre Ziele verfolgen. Auch zeitgenössische Entwicklungen führen Konzepte wie Lebendigkeit, Schönheit, Konsumglück an, die aber nur durch akute Umverteilungen von Menschen und Dingen realisiert werden können und damit, die (durchaus gewollte) Abschaffung von Stadt zur Folge haben. Warum? Weil raumbildende und raumschaffende Disziplinen aller Art immer noch viel zu häufig ihren Fokus auf ein Bild, ein Stadtbild, legen: auf Fluchten und Traufhöhen, auf Fensterformate und die Ratio zwischen Öffnungen und Wand, auf die äußere Erscheinung und eine kontextuelle Einbindung, die über formal-ästhetische Kriterien erfolgen. Und selbst wenn es heißt, dass existierende Sozial- und Gewerbestrukturen in neuen Planungen übernommen werden würden, dann ist auch das häufig nur als Bild entwickelt. Heißt konkret, dass Prozesse, Systeme, Netzwerke oder finanzielle Gesetzmäßigkeiten, die benötigt werden, um ohne eben jene akuten Umverteilungen auszukommen — wenn das denn wirklich gewollt wird — nicht mitgedacht und manchmal sogar vergessen werden.
Die Umgestaltung von Paris unter Georges-Eugène Haussmann ist großflächig und hat Auswirkungen auf die gesamte Stadt: Hügel werden nivelliert, Arbeiterquartiere geräumt und Urbanität zerstört. (Bild: Wikimedia Commons)
Die Umgestaltung von Paris unter Georges-Eugène Haussmann ist großflächig und hat Auswirkungen auf die gesamte Stadt: Hügel werden nivelliert, Arbeiterquartiere geräumt und Urbanität zerstört. (Bild: Wikimedia Commons)
Rue Estienne, de la rue Boucher 1862–65. Die Gebäude entlang der Rue Estienne werden abgerissen, um Platz für die Rue du Pont-Neuf zu machen. Fotografie von Charles Marville, der beauftragt worden war die massive Transformation von Paris zu dokumentieren. (Bild: Gilman Collection, Purchase, Mr. and Mrs. Henry R. Kravis Gift, 2005)
Rue Estienne, de la rue Boucher 1862–65. Die Gebäude entlang der Rue Estienne werden abgerissen, um Platz für die Rue du Pont-Neuf zu machen. Fotografie von Charles Marville, der beauftragt worden war die massive Transformation von Paris zu dokumentieren. (Bild: Gilman Collection, Purchase, Mr. and Mrs. Henry R. Kravis Gift, 2005)
Planung wird Mittel zum Zweck und die Architektinnen und Architekten zu fleißigen Gehilfinnen und Gehilfen: Mit dem Ausmerzen von Unterschiedlichkeiten wird der vormals vielschichtige und vielfältige Raum glatt — aalglatt. Homogenität wird Prinzip und hat zur Folge, dass jene hegemonialen, raumbildenden Kräfte nicht in Frage gestellt werden. Im Fall Paris, so Lefebvre, werde so das städtische Proletariat, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Machtanspruch dieser Kräfte durch demokratisierende Anliegen gefährdete — so zumindest die Wahrnehmung der Bourgeoisie — durch die Haussmann‘sche Planung aus der Stadt regelrecht vertrieben. Zurück bleibt dann immer noch Stadt — aber nur dann, wenn Stadt als Ansammlung von gebauten Objekten verstanden wird. Ob Stadt tatsächlich noch der richtige Begriff für die resultierende aufgeräumte Raumhülle ist, bleibt, wenn wir Lefebvre folgen, fraglich.
Inszenierte Gesten
Ein von Unbekannten aufgehängtes Transparent am Tag der Ausstellungseröffnung von „Kiezgestein. 90 Jahre Karstadt am Hermannplatz“. Foto: unbekannt (Archiv Tajeri)
Ein von Unbekannten aufgehängtes Transparent am Tag der Ausstellungseröffnung von „Kiezgestein. 90 Jahre Karstadt am Hermannplatz“. Foto: unbekannt (Archiv Tajeri)
Nun ist Veränderung oder Transformation sicher per se kein schlechter Anspruch. Denken wir etwa an die klimapolitischen Diskurse, die eindeutig davon sprechen, dass andere Praxen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen notwendig sind, um globale Klimaziele zu erreichen. Ohne teils einschneidende Veränderungen wird dies nicht geleistet werden können. Doch am Hermannplatz in Berlin ist die Sachlage eine andere. Denn selbst wenn die Deutungshoheit über das richtige Bild von Stadt sicher nie so harmlos ist, wie oft behauptet oder vorgetäuscht wird, so machen doch viele Äußerungen und mittlerweile auch Aktionen von Seiten des Investors — der Signa Beteiligungs- und Industrieholding GmbH, Innsbruck; René Benko — stutzig. Es könnte durchaus argumentiert werden, dass mit diesem Projekt der „Boden für eine ‚Stadt‘ bereitet wird, in der nur um so besser Geld verdient werden kann. 9 In diesem Kontext erscheint das Zitat vom Anfang des Textes umso zynischer. Wem, könnten wir nun fragen, soll denn was ganz genau zurückgegeben werden? Und in welchem Bezug steht diese Geste des Zurückgebens zur „inszenierten“10 Bürgernähe und Mitbestimmung des Investors? Wird mit ihr nicht ein eng-determinierter Rahmen gesteckt, der es Mitgliedern der Stadtgesellschaft fast unmöglich macht, an Umgestaltungsprozessen mitzuwirken geschweige denn, ihnen eine andere Richtung zu geben? Würde das Areal nicht entwickelt, die versprochenen Arbeitsplätze nicht entstehen, würde dies dann etwa den Menschen in die Schuhe geschoben werden? Anders gesagt: Verhindert der Protest die Transformation und damit auch des Architekten „Virtuosenstück“11?
Wirkungslose Beteiligung
Was passiert am Hermannplatz? Kritik an den Strategien des Immobilienunternehmens Signa Holding. (Bild: Initiative Hermannplatz)
Was passiert am Hermannplatz? Kritik an den Strategien des Immobilienunternehmens Signa Holding. (Bild: Initiative Hermannplatz)
Gewaltsame Produktion von Raum a.k.a. Investorenurbanismus. (Bild: Tatjana Schneider)
Gewaltsame Produktion von Raum a.k.a. Investorenurbanismus. (Bild: Tatjana Schneider)
Nachsatz
Wenn die obigen Fragen gut an sogenannten innerstädtischen Prestige-Projekten abgearbeitet werden können, muss trotzdem klar sein, dass jene nur ein kleiner Teil der weitgreifenden räumlichen Transformationsprozesse im 21. Jahrhundert sind, die schon lange nicht mehr nur die großen Städte und Ballungsgebiete betreffen. Wenn der Fokus von Stadtforschung häufig noch auf den geographischen Zentren liegt, muss dringlich das weitere Raumgeflecht in Betracht gezogen werden. 13 Warum? Weil in Zeiten von immensen und wachsenden Ungleichheiten klar wird, dass existierende — unter anderem auch politisch gewählte — Machtgefüge die langfristigen Konsequenzen von Entwicklungen nicht ausreichend umfassend im Blick haben. Gut gemeint ist demnach einfach nicht mehr gut genug. Gleiches gilt auch für die Planung von Raum, wenn sie sich nur aus vermeintlich allgemeingültigen ästhetischen Kriterien speist und wenig aus Fragen nach anderen solidarischen Prozessen, Strukturen und Systemen.
Das ist es mir wert
- 1Frei nach einer Äußerung von Martin Hikel, dem Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, auf einer von der SPD Reuterkiez organisierten Veranstaltung am 19. November 2019; sinngemäß wiederholt in der Vordiskussion zu einer Kiezversammlung am 20. November 2019. Siehe auch: Infoveranstaltung und Kiezdiskussion 20.11.2019 - Standortentwicklung + Aufwertung - Niloufar Tajeri (Berlin, 2019): >>> Zur aktuellen Debatte, mehr hier: Bert Schulz, „Karstadt-Deal des Berliner Senats : Linkspartei stimmt dagegen“, Die Tageszeitung: taz, 23. August 2020, Abschn. Berlin. >>>
- 2Laurel Flinn, „Social and Spatial Politics in the Construction of Regent Street“, Journal of Social History 46, Nr. 2 (2012): S. 364–90.
- 3ebd.
- 4Henri Lefebvre, Writings on Cities, English Edition (Oxford: Blackwell, 1997).
- 5Siehe auch den Beitrag von Niloufar Tajeri „‚Eine Projektentwicklung der besonderen Art‘“, marlowes,
- 6Niloufar Tajeri, „Hermann und Heriette“, Bauwelt, Nr. 22 (2020): S. 28–29.
- 7ebd.: S. 29. Siehe auch: Uwe Rada, „Das Dilemma vom Hermannplatz“, Bauwelt, Nr. 22 (2020): S. 24–25.
- 8Interview mit Martin Reichert, „Indienstname einer historisch nobilitierten Szenographie“, Bauwelt, Nr. 22 (2020): S. 19.
- 9Etwa dadurch, dass die Bodenwerte steigen. Siehe Niloufar Tajeri: „Eine Projektentwicklung der besonderen Art“
- 10Redaktionelle Bildunterschrift in Bauwelt, Nr. 22 (2020): S. 28.
- 11Interview mit Reichert, „Indienstname einer historisch nobilitierten Szenographie“: S. 21.
- 12SIGNA, „NICHT OHNE EUCH – SIGNA präsentiert überarbeitetes Konzept für Projekt Karstadt am Hermannplatz und startet Informationsformat | Signa“, 8. Juni 2020 >>>
- 13Christian Schmid, „Zentralität, Differenz, Mediation: Henri Lefebvre und planetare Urbanisierung“, in Lefebvre for (Berlin: adocs, 2020): S. 24.