Grundsteinlegung mit Maren Brakebusch (Landschaftsarchitektin), Klaus Biesenbach (Direktor Neue Nationalgalerie), Claudia Roth (Kulturstaatsministerin), Jacques Herzog (Architekt), Andreas Baeskow (Polier), Kai Wegner (Regierender Bürgermeister Berlin), Danyal Bayaz (Finanzminister Baden-Württemberg), Gero Dimter (Vizepräsident SPK). (Foto: SPK / photothek / Thomas Trutschel)
Grundsteinlegung mit Maren Brakebusch (Landschaftsarchitektin), Klaus Biesenbach (Direktor Neue Nationalgalerie), Claudia Roth (Kulturstaatsministerin), Jacques Herzog (Architekt), Andreas Baeskow (Polier), Kai Wegner (Regierender Bürgermeister Berlin), Danyal Bayaz (Finanzminister Baden-Württemberg), Gero Dimter (Vizepräsident SPK). (Foto: SPK / photothek / Thomas Trutschel)
Und wieder das Hauptstadtgedöns
Monika Grütters war es auch, die damals damit glänzen wollte, Privatsammlungen in Berlin zu halten. "In Berlin verdankt sich der Bau des Museums des 20. Jahrhunderts dem Engagement der Sammler – Erich Marx, Heiner Pietzsch, Egidio Marzona. Sie drohten damit, ihre Sammlungen abzuziehen, wenn kein Erweiterungsbau für die Neue Nationalgalerie käme, der auch ihre Kollektionen zur Geltung bringen würde."1 Das kennt man: Sammler versprechen eine Überlassung, fordern aber ein entsprechendes Haus. So ist es nunmal in kapitalistischen Gesellschaften.2 Der Sammler Friedrich Christian Flick hatte für seine Sammlung immerhin den 8 Millionen Euro teuren Erweiterungsbau des Hamburger Bahnhofs (die Rieckhallen) finanziert. Aber 2020 kam's anders: Die Rieckhallen wurden Opfer investorentypischen Durchschnitts, und Flick zog seine Sammlung ab in die Schweiz – nur bereits Geschenktes blieb in Berlin. Für Berlin: dumm gelaufen. Inzwischen sind die Sammler Marx und Pietzsch verstorben.
Waren die Rieckhallen von Kühn Malvezzi tatsächlich ein architektonisches Highlight am passenden Ort, riss die Kritik am Ort und Entwurf des berlin modern – alias Museum der Moderne – nicht ab. Als 2014 200 Mio Euro aus der Staatskasse genehmigt wurden, ließ sich das nicht ohne Mutmaßungen über irrationale Entscheidungen im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages erklären. Der schnell als "Scheune" benannte Baukörper liegt wie eine Flunder am Kulturforum, und die nun ausgehobene Baugrube wirft sehr alte und neue Fragen auf.3
Rendering des überarbeiteten Entwurfs zum Museum der Moderne beziehungsweise jetzt "berlin modern" von Herzog & de Meuron. Die Umgebung verzwergt. ( SPK Presse, Herzog & de Meuron)
Rendering des überarbeiteten Entwurfs zum Museum der Moderne beziehungsweise jetzt "berlin modern" von Herzog & de Meuron. Die Umgebung verzwergt. ( SPK Presse, Herzog & de Meuron)
Ganz oben: Herzog & de Meuron überbauen fast das gesamte Grundstück. Übrig bleiben kleine Plätze und enge Räume zur Matthäikirche; Nationalgalerie und Scharoun-Ensemble verzwergen. Oben: Im Hintergrund die Nationalgalerie von Mies van der Rohe. An der Potsdamer Straße wird das neue Museum mit seiner Ziegelfassade den öffentlichen Raum dominieren (Bilder: © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin)
Ganz oben: Herzog & de Meuron überbauen fast das gesamte Grundstück. Übrig bleiben kleine Plätze und enge Räume zur Matthäikirche; Nationalgalerie und Scharoun-Ensemble verzwergen. Oben: Im Hintergrund die Nationalgalerie von Mies van der Rohe. An der Potsdamer Straße wird das neue Museum mit seiner Ziegelfassade den öffentlichen Raum dominieren (Bilder: © Herzog & de Meuron Basel Ltd., Basel, Schweiz mit Vogt Landschaftsarchitekten AG, Zürich/Berlin)
"Prozessuales"
Nimmt man nun das "Prozessuale", das Jacques Herzog anspricht, ernst, dann darf – ja: muss man einen Baustopp und eine weiter reichende Planungsänderung durchaus nicht ausschließen. Neben der Verbarrikadierung der Bauten von Mies und Scharoun und Stüler ist zu bedenken, dass die großen Freiräume im Zentrum, die nicht gleich Parkgröße haben, im wesentlichen Verkehrstrassen, also enorm breite Straßen sind. Einen attraktiven Freiraum am Kulturforum, der vom Tiergarten zum Kulturforum lockt, gibt es nicht.
Es grünt so grün
Von der Baugrube über die Staatsbibliothek hinweg ist von erhöhtem Blickpunkt aus der Potsdamer Platz zu sehen. Zugleich offenbart sich die Dimension des monolithischen "berlin modern". (Bild: Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin (© ALObst-MSchmieding)
Von der Baugrube über die Staatsbibliothek hinweg ist von erhöhtem Blickpunkt aus der Potsdamer Platz zu sehen. Zugleich offenbart sich die Dimension des monolithischen "berlin modern". (Bild: Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin (© ALObst-MSchmieding)
Denn der Standort des Museums zwischen Nationalgalerie, Sankt Matthäus, Kunstgewerbemuseum, Staatsbibliothek und Philharmonie ist und bleibt stadträumlich falsch, wie die Kritik es von Anfang an beklagte. Ohne Not war die Standortwahl beschlossen worden, mehr noch: Andere Standorte sollten gar nicht nicht diskutiert werden. Doch alternative Standorte gibt es durchaus – unter anderem hinter der Nationalgalerie an der Sigismundstraße.8 Von Anfang an ist die Beeinträchtigung des Kulturforums, der herausragenden Bauten von Mies van der Rohe und Hans Scharoun harsch kritisiert worden – am Kulturforum werden mit die besten Kulturbauten des 20. Jahrhunderts verbarrikadiert und erbärmlich degradiert. Auch die Stülersche Matthäuskirche verdient trotz ihrer Beschädigungen nicht, zugebaut zu werden. Es war im wesentlichen Monika Grütters, die mit ihrer Sturheit die jetzige Standortwahl und das jetzige Projekt zu verantworten hat.
Die Ente darf rein
Die Nationalgalerie von Mies van der Rohe (links im Bild) ist von David Chipperfield bis 2021 aufwändig und sehr überzeugend saniert worden. Sie braucht Freiraum – und schenkt der Umgebung eine fantastische Raumwirkung. (Bild: Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin, © ALObst-MSchmieding )
Die Nationalgalerie von Mies van der Rohe (links im Bild) ist von David Chipperfield bis 2021 aufwändig und sehr überzeugend saniert worden. Sie braucht Freiraum – und schenkt der Umgebung eine fantastische Raumwirkung. (Bild: Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin, © ALObst-MSchmieding )
Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin, jetzt "berlin modern"; (Fotomontage: Wilfried Dechau)
Dokumentation Bauvorhaben Museum des 20. Jahrhunderts / NG 20, Berlin, jetzt "berlin modern"; (Fotomontage: Wilfried Dechau)
Wasser marsch!
Wenn Hermann Parzinger als Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz mit dem "berlin modern" in aktuellen Pressemeldungen von einem "Atlantis der Moderne" spricht, dann zeichnet er eine hübsche Herleitung dieser Idee.
Das ist es mir wert
- 1Nicola Kuhn: Abgänge aus der Sammlung Marx. In: Tagesspiegel, 27.11.2023, (https://www.tagesspiegel.de/abgange-aus-der-sammlung-marx-wichtiger-warhol-aus-dem-hamburger-bahnhof-verkauft-10844122.html)
- 2FAS 18.2.2024, Machtkonstellationen heute. Siehe https://www.zeit.de/kultur/2024-02/berliner-stadtschloss-rechte-spender-rekonstruktion/komplettansicht
- 3Zur Planungsgeschichte: Nikolaus Bernau in: Baunetz, 12.2.2024 (https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Zur_Planungsgeschichte_von_berlin_modern_8502208.html)
- 4Andreas Kilb: Wer raunt hier vom Atlantis der Moderne? In: FAZ, 9.2.2024 (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/grundsteinlegung-fuer-berlin-modern-neuer-museumsbau-am-kulturforum-19509396.html)
- 5Leitung, Verwaltung und Strukturen der Stiftung Preussischer Kulturbesitz sorgen regelmäßig für Schlagzeilen – das Thema kann an dieser Stelle nicht weitergeführt werden.
- 6SKP, Pressemeldung vom 29.1.2024
- 7siehe Anm. 6)
- 8Seinerzeit zum Beispiel von Nikolaus Berlin angesprochen, DLF, 21.7.2015 (https://www.deutschlandfunk.de/museum-der-moderne-streit-um-geplanten-standort-100.html); siehe auch die Beiträge in der Seitenspalte