Klaus Ronneberger war einer der profiliertesten Stadtforscher im deutschsprachigen Raum. Mit seinem Tod verliert die kritische Stadtforschung eine Stimme, die wie wenige andere analytische Schärfe, politisches Engagement und ein Gespür für die Brüche urbaner Moderne verband. Als zutiefst empathischer und machtkritischer Geist hat er mit dem Blick auf längere Zeiträume Lesarten von Stadt und Raum erschlossen, die aktuell bleiben.
Klaus Ronneberger, 1950 in Würzburg geboren, studierte in Frankfurt Sozialpädagogik, Kulturwissenschaft und Soziologie, arbeitete zwischenzeitlich in den 1990er-Jahren am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Als Publizist, Wissenschaftler und Vermittler prägte er seit den 1990er-Jahren die Debatte um Stadtentwicklung und Urbanisierung maßgeblich mit. In seinen Arbeiten rückte er die Stadt als sozialen Raum ins Zentrum, dessen Widersprüche und Konflikte er mit soziologischer Präzision und historischer Tiefenschärfe analysierte. Besonders beeinflusst war er von dem Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre, dessen Werk er nicht nur rezipierte, sondern auch für das deutschsprachige Publikum erschloss. In "Baustelle Commune. Henri Lefebvre und die urbane Revolution von 1871" (2023, gemeinsam mit Moritz Hannemann und Laura Strack) machte er einen zentralen Text Lefebvres aus dem Jahr 1965 erstmals in deutscher Übersetzung zugänglich und zeigte, wie das revolutionäre Potenzial der Pariser Commune bis heute als Motiv für urbane Selbstermächtigung und soziale Bewegungen wirkt.Ambivalenz des Kreativen
Klaus Ronneberger 2014 bei der Präsentation der Neuauflage von Lefebvres "Die Revolution der Städte", für die er das Vorwort verfasst hat. (Bild: < rotor > Zentrum für zeitgenössische Kunst, Graz)
Klaus Ronneberger 2014 bei der Präsentation der Neuauflage von Lefebvres "Die Revolution der Städte", für die er das Vorwort verfasst hat. (Bild: < rotor > Zentrum für zeitgenössische Kunst, Graz)
Das hinderte ihn aber nicht, auf die ambivalente Rolle der Kreativen in städtischen Aufwertungsprozessen hinzuweisen. Ronneberger sah in Richard Floridas Konzept der „Kreativen Klasse“ (The Rise of the Creative Class, 2002) ein neues, verführerisches Element der neoliberalen Stadtentwicklung. Er leitete die Hochschätzung der Kreativen aus dem technologischen Diskurs der 1990er-Jahre ab, als sich die Städte unter dem Schlagwort der Innovation profilierten. Erst dieser Zusammenhang macht plausibel, warum sich unter den Kreativen Wissenschaftler:innen erfolgreiche Unternehmer:innen und in zweiter Riege auch Ärzt:innen und Rechtsanwält:innen zählen durften. Die „Annales-Schule“, die Zusammenhänge über längere Zeiträume herstellt und damit sozial-räumliche Entwicklungen erst begreifen lässt, war ihm dabei eine wichtige Grundlage dafür, die politischen Kraftfelder stadt- und raumpolitischer Diskurse zu erschließen.
Publikationen, exemplarisch für die Themen, denen Ronneberger immer wieder nachging. Für die Zeitschrift dérive schrieb er immer wieder. Warum Lefebvre für den Stadtdiskurs so wichtig war, hat er dort in einem Interview einmal dargelegt. Es ist hier >>> nachzuhören. (Bild: Christian Holl)
Publikationen, exemplarisch für die Themen, denen Ronneberger immer wieder nachging. Für die Zeitschrift dérive schrieb er immer wieder. Warum Lefebvre für den Stadtdiskurs so wichtig war, hat er dort in einem Interview einmal dargelegt. Es ist hier >>> nachzuhören. (Bild: Christian Holl)
Bei aller scharfen Kritik war Ronneberger aber nie ideologisch, sondern begrifflich präzise – diesen Mechanismus mit dem Kampfbegriff „Gentrifizierung“ zu belegen, war ihm zu ungenau: Er wies wiederholt darauf hin, dass die deutsche Kommunalpolitik und –verwaltung durchaus Mittel hat, steuernd einzugreifen, in den lokalen Bodenmarkt durch Bodenbevorratung und Zwischenerwerb, in dem sie Bebauungs- und Nutzungsvorschriften erlässt oder auch in dem sie über städtische Wohnbaugesellschaften in den Wohnungsmarkt eingreift. Den Vorwurf der Gentrifizierung sollte man, so Ronneberger, deshalb mit gebotener Vorsicht ins Feld führen, zugleich aber eben auch die Frage nach der politischen Verantwortung stellen.
Stadt als politischer Raum
Seine Fähigkeit, komplexe Theorien mit konkreten stadtpolitischen Fragen zu verbinden, machte ihn zum gefragten Gesprächspartner in Wissenschaft, Politik und Kultur (beispielsweise als Beiratsmitglied der documenta 12). Ob in Vorträgen, Publikationen oder als Teil von Initiativen wie der Frankfurter Gruppe Nitribitt – Ronneberger verstand es, Wissenschaft und Praxis produktiv zu verschränken.
Mit Klaus Ronneberger verliert die Stadtforschung einen klugen Analytiker, einen leidenschaftlichen Kämpfer für urbane Demokratie und einen unermüdlichen Vermittler zwischen Theorie und Praxis. Sein Wirken bleibt ein Kompass für alle, die Stadt als Raum der Emanzipation und der Selbstbestimmung denken. Er starb am 24. April 2025 im Alter von 74 Jahren.