Ihr wurde „Haltung“ testiert. Ingeborg Flagge, die am 20. Dezember verstorben ist, hat Haltung kompromisslos verteidigt – in verschiedenen Positionen: als Direktorin des DAM, als Chefredakteurin von „der architekt“, als Buchautorin, als Zeitgenossin. Ingeborg Flagge war eine unabhängige Persönlichkeit, wie es sie in der Architekturkritik kaum noch gibt. Standhaft statt stur, zuhörend statt konziliant, kooperativ statt seilschaftend.
In der db 11/1990 wurde Ingeborg Flagge "Zur Person" vorgestellt. Den überaus lesenswerten, vollständigen Beitrag, in dem "if" offen über Architekturkritik, Frauen, Unabhängigkeit und die freie Existenz Auskunft gab, finden Sie >>> hier.
In der db 11/1990 wurde Ingeborg Flagge "Zur Person" vorgestellt. Den überaus lesenswerten, vollständigen Beitrag, in dem "if" offen über Architekturkritik, Frauen, Unabhängigkeit und die freie Existenz Auskunft gab, finden Sie >>> hier.
Streitbar
Auch ihr ehemaliger Mann Otto Flagge war Architekt und Stadtplaner und später Stadtbaurat in Kiel. So kannte Ingeborg Flagge praktisch jeden in der deutschen Architektenschaft, was ihr bei ihrem Start im DAM enorm half. Trotzdem provozierte sie ihre Architektenschaft liebend gerne, wusste sie doch genau, wie sie diese triggern konnte, zum Beispiel mit einer großer Einzel-Ausstellung über den größten Tabu-Künstler in der Szene, Friedensreich Hundertwasser. Bis heute dürfen dessen Bauten nicht von anständigen Architekten besucht werden, oder eher: bei dessen Betreten man sich besser nicht erwischen lässt. Sie fand ihn relevant für die Allgemeinheit. Ebenso wie den bisher unbekannten Geoffrey Bawa, dessen Bauten sie in Sri Lanka im Urlaub entdeckt hatte und den sie der staunenden Öffentlichkeit präsentierte. Heute gilt er als legendärer Vater der tropischen Moderne. Sie hob 2004 zusammen mit der DekaBank und der Oberbürgermeisterin Petra Roth den Internationalen Hochhauspreis aus der Taufe, jüngst feierte dieser Preis, inzwischen ausgebaut und international etabliert, seinen 20. Geburtstag.
"Undiplomatischer Abschied einer umtriebigen Direktorin"
Zurück in ihrer Wahlheimat Bonn verfasste sie Texte und Reportagen, organisierte Architekturreisen. Vor wenigen Monaten noch erschien ihre Würdigung des neuen Museums Reinhard Ernst in Wiesbaden, dessen Architekt Fumihiko Maki sie sehr schätzte.
Ingeborg Flagge starb im Alter von 82 Jahren durch Freitod, wie ihr langjähriger Freund Volkwin Marg (gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner) in seiner Todesanzeige meldete.
Dieser Nachruf ist der leicht modifizierte Nachruf, der auf der Webseite des Deutschen Architekturmuseums veröffentlicht wurde.