Revision und Finale?
Architectural Design 55, 3-4, 1955 (c DAM)
Architectural Design 55, 3-4, 1955 (c DAM)
Nach dem Gespräch versprach Klotz in einem Brief an Jencks, er wolle dessen Wirken mehr Wertschätzung entgegenbringen und sein Buch – hier ist wohl Moderne und Postmoderne gemeint – entsprechend überarbeiten (siehe Teil 1). Im Gegenzug forderte er Jencks dazu auf, seinem eigenen Beitrag mit mehr Anerkennung zu begegnen.
In einem abschließenden Appell erklärt er, sie müssten sich zu Gunsten einer wahrheitsgetreuen Geschichtsschreibung zusammenschließen und ihre Arbeit gegenseitig unterstützen. Sowohl Klotz als auch Jencks betonten später ihre Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung.5 Dass Klotz in seiner Autobiografie6 schreibt, er sei immer ein wenig eifersüchtig auf Jencks’ Erfolg mit dem Postmoderne-Begriff gewesen und dass er die These, die Moderne sei beendet, nach wie vor für zu radikal und nicht richtig halte, zeigt jedoch, dass eine gewisse Konkurrenz bestehen blieb.
Behnisch und die Position des DAM
Günter Behnisch an Heinrich Klotz, 13. Mai 1980
Günter Behnisch an Heinrich Klotz, 13. Mai 1980
Grabenkämpfe
Die Frage, wen das DAM repräsentiert und welche Architektur es unterstützt, kommt in der Gründungszeit immer wieder auf. Beispiele wie Krier und Behnisch zeigen, dass Architekt:innen häufig ein Bekenntnis für eine bestimmte architektonische Richtung von Klotz verlangten. Ähnliche Erwartungen sind bei den Berufsverbänden wie dem Bund Deutscher Architekten (BDA) zu erkennen. Der BDA unterstützte die Idee eines Architekturmuseums zwar prinzipiell, war aber bemüht, sicherzustellen, dass die Interessen des BDA berücksichtigt würden. So war auf einen Vorschlag des BDA hin ausgehandelt worden, dass Heinrich Klotz einen Museumsbeirat aus Vertretern der Architekturpraxis – weibliche Beiratsmitglieder waren hier nicht berufen worden – zur Seite gestellt bekommen sollte. Dieser Beirat nahm seine Arbeit letztlich jedoch nie auf.7
Klotz betonte stets seine pluralistische Position als Museumsdirektor, so auch im Antwortschreiben an Behnisch von Juni 1980 (Abb. 13 bis 15). Er als Architekturhistoriker und eine öffentliche Institution wie das DAM wären dazu verpflichtet, die verschiedenen Tendenzen objektiv zu thematisieren und die museale Sammlung entsprechend vielfältig aufzubauen. Inwiefern er sich an dieses eigene Versprechen auch stets gehalten hat, kann sicherlich zur Diskussion gestellt werden.
Heinrich Klotz an Günter Behnisch, 6. Juni 1980
Heinrich Klotz an Günter Behnisch, 6. Juni 1980
"Inquisitorische Zuspitzung"
Der in der Direktionskorrespondenz abgelegte Briefwechsel endet mit diesem Schreiben. Aus den Klotz-Tapes sowie aus Briefen aus dem Teilnachlass Klotz im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg geht jedoch hervor, dass Klotz und Behnisch weiterhin Kontakt hatten und einige Jahre später auch bezüglich einer Zusammenarbeit bei einem Ausstellungsprojekt im Gespräch miteinander waren.8
Am 31. Januar 2023 fand im Rahmen der CCSA-Talks ein Online-Vortrag über das Projekt statt. Im Anschluss kam es zu einem anregenden Gespräch zum Projekt und den vorgestellten Themen. Eine Aufzeichnung des Vortrags ist auf > YouTube verfügbar.
Am 31. Januar 2023 fand im Rahmen der CCSA-Talks ein Online-Vortrag über das Projekt statt. Im Anschluss kam es zu einem anregenden Gespräch zum Projekt und den vorgestellten Themen. Eine Aufzeichnung des Vortrags ist auf > YouTube verfügbar.
Projektziele
Auf dem projektbegleitenden Gründungsakte:n-Blog wird es bis zum Erscheinen des Findbuchs im Frühjahr 2024 regelmäßig Einblicke in das Projekt, die Vorgehensweise und den Arbeitsstand geben. So wächst im Laufe des Projektes eine digitale Materialsammlung heran, die bislang unzugängliche Archivalien auf einfachem Wege einsehbar macht: www.klotzprojekt.wordpress.com.
Neben den hier präsentierten Briefen sind auf dem Blog bereits konzeptionelle Notizen zu Ausstellungsprojekten sowie die aufwendige Panorama-Multivisionsschau, die von der Firma von slatow ideeratio für das DAM erstellt und während der Eröffnungsausstellung 1984 auf 12 Projektoren gezeigt wurde, einsehbar. Ein weiterer Blog-Beitrag stellt ein Projekt von Julia Brandes vor, die im Rahmen ihrer Diplomarbeit 2010 den umfangreichen Dia-Bestand von Heinrich Klotz digitalisierte. Klotz war leidenschaftlicher Architekturfotograf und nutzte seine Fotos zur Illustration seiner Vorlesungen und Publikationen. Die Sammlung ist ein bedeutendes Zeugnis der Auseinandersetzung mit postmoderner Architektur: https://postmoderneprojektionen.hfg-karlsruhe.de/index.html
Im Rahmen des Projektes ist außerdem ein Podcast in Arbeit, der die historischen Aufnahmen von Klotz‘ Interviews mit verschiedenen Architekt:innen der Postmoderne erstmals veröffentlicht. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wird auf dem Blog bekannt gegeben.
Das ist es mir wert
- 1Siehe den letzten Absatz von Teil 1 der "Revisionen", https://www.marlowes.de/heinrich-klotz-aktuelle-revisionen/
- 2Vgl. Ausst.kat. Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, München 1984, Seite 9
- 3„In the steps of Vasari. Charles Jencks interviews Heinrich Klotz”, in: Architectural Design und Heinrich Klotz (Hrsg.): Revision of the Modern. Guest-edited by Heinrich Klotz, AD 55, Heft 3/4, London 1985
- 4Heinrich Klotz: Moderne und Postmoderne. Architektur der Gegenwart 1960–1980, Braunschweig 1984
- 5Vgl. Eva Branscome, Léa-Catherine Szacka: „Die postmoderne Architektur und ihre Geburtshelfer“, in: Die Klotz-Tapes. Das Making-Of der Postmoderne (Arch+ Nr. 216, 2014, editiert und herausgegeben von Oliver Elser), S. 18 – 27 und Heinrich Klotz: Weitergegeben. Erinnerungen, Köln 1999, Seite 76–77.
- 6Heinrich Klotz: Weitergegeben. Erinnerungen, Köln 1999, hier Seite 76-77.
- 7Die Direktionskorrespondenz belegt, dass Heinrich Klotz für den Museumsbeirat folgende Personen ausgewählt hatte: Max Bächer, Lucius Burckhardt, Herrn Glaser [vermutlich Hermann Glaser], Hans Hollein, Paulgerd Jesberg, Jürgen Joedicke, Fritz Leonhardt, Frei Otto, Manfred Sack, Artur Walter sowie vermutlich Helge Bofinger. Es ist möglich, dass es weitere Berufungen gab, die in der Korrespondenz nicht dokumentiert sind. Burckhardt und Sack lehnten die Teilnahme am Beirat ab. Aus der Korrespondenz zwischen Klotz und Paulgerd Jesberg geht hervor, dass der Beirat seine Arbeit nie aufgenommen hat.
- 8Vgl. Die Klotz-Tapes. Das Making-of der Postmoderne (Arch+ Nr. 216, 2014, editiert und herausgegeben von Oliver Elser), Seite 69, 121 und 220 sowie die entsprechenden Anmerkungen.