Die dümpelnden Architekturtheoriedebatten der Gegenwart lassen an die lebhaften Diskurse der 1980er Jahre denken: Wie leidenschaftlich wurde gestritten, wie offen korrespondiert! Marlowes unterstützt ein aktuelles Kooperationsprojekt des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung, in dem die noch nie veröffentlichte Direktionskorrespondenz des DAM-Gründungsdirektors Heinrich Klotz unter dem Titel "Gründungsakte:n" aufgearbeitet wird. Neu eingerichtet ist dazu ein Forschungsblog-Format, in dem das Wirken des charismatischen Architekturhistorikers und -theoretikers erschlossen wird.
(© Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main; Foto: Atelier Markgraph/Heiko Profe-Bracht, Frankfurt am Main 1984)
(© Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main; Foto: Atelier Markgraph/Heiko Profe-Bracht, Frankfurt am Main 1984)
Gründungslust
Zum 30-jährigen Jubiläum des Museums im Jahr 2014 wurde bereits eine umfassende Ausstellung zu den Anfangsjahren des DAM präsentiert 2 und das Arbeitstagebuch von Heinrich Klotz unter dem Titel Die Klotz-Tapes. Das Making-of der Postmoderne als Sonderausgabe von Arch+ publiziert.3 Das Interesse an der Architektur der Postmoderne sowie an der Institutionsgeschichte von Architekturmuseen und Architekturausstellungen hat seither stark zugenommen, eine Vielzahl von Literatur zu diesem Thema ist erschienen.
Unveröffentlicht: die Direktionskorrespondenz
Ein unerwarteter Archivfund war, gleich zu Projektbeginn, die bislang verschollen geglaubte Direktionskorrespondenz. Die Briefe vermitteln einen Eindruck, welche Stimmung in der Architekturszene der 1980er Jahre herrschte und wie das DAM und sein Gründungsdirektor Heinrich Klotz daran beteiligt waren. In mehr als 800 Datensätzen wurde der Austausch mit 256 Briefpartner:innen digital erfasst, jetzt steht er der Forschung zur Verfügung.
1983: Heinrich Klotz im Briefwechsel mit Léon Krier
1983: Heinrich Klotz im Briefwechsel mit Léon Krier
„Die Avantgarde sind wir!“
Kriers Antwortschreiben sind weder am DAM noch in seinem Vorlass an der Notre-Dame-University in Indiana, USA, überliefert, doch geht aus einem weiteren Brief von Klotz hervor, dass Krier die Einladung zur Ausstellungsbeteiligung wohl ablehnte (zweiter Brief in der Galerie oben). Klotz reagiert entsetzt und bemüht sich, ihn doch noch zu überzeugen. Er schreibt Krier, dass dieser bereits Teil einer „Bewegung“ sei und sich nicht mehr entziehen könne. Schließlich warnt er ihn: Krier riskiere, sich auf die „falsche Seite“ zu stellen.
Besonders deutlich wird Klotz im Postskriptum des Briefes. Hier erläutert er die Wahl des Ausstellungstitels und benennt dabei auch, was er als „falsche Seite” versteht:
„‚Zweite Moderne‘ ist ein Begriff, den ich anstelle des mißglückten Begriffs ‚Post-Moderne‘ gebrauche. Damit soll nicht gesagt sein, daß wir die Moderne noch einmal aufleben lassen wollen. Vielmehr ist dies ein Kampfbegriff, den ich den ‚Modernisten‘ entgegenhalte. Die Avantgarde sind wir, nicht ein Herr Behnisch oder Renzo Piano.“
In einem letzten Brief aus dem September 1983 (dritter Brief in der Galerie oben.) revidiert sich Klotz und nimmt schließlich Abstand von seinem Begriff der „Zweiten Moderne“. Er erklärt, man habe sich nun doch dazu entschlossen, die Ausstellung unter dem Titel „Postmoderne Architektur“ laufen zu lassen, zwar sei der Begriff nicht ganz treffend, aber er habe sich nun mal eingebürgert.
Krier, für den Fortschritt in der Architektur mit Rückbesinnung und historischen Bezügen verknüpft war, wollte sein Werk offensichtlich nicht unter dem Titel „Zweite Moderne” in einer Reihe mit Arbeiten von Architekten wie Venturi, Hollein und anderen präsentiert sehen. Léon Krier war in der Ausstellung letztlich nur mit wenigen Arbeiten vertreten, die das DAM bereits zuvor erworben hatte.
Work in progress
„Zweite Moderne“ versus „Postmoderne“
Klotz hatte den Begriff „Zweite Moderne” vorgeschlagen und damit deutlich gemacht, dass er die neuen zeitgenössischen Architekturtendenzen nicht als totale Ablehnung der Moderne der 1920er Jahre versteht. In seinen Schriften betont Klotz, dass er die Moderne nicht als abgeschlossen ansieht. Vielmehr sah er „Erste” und „Zweite Moderne” als ineinandergreifend, wobei die zeitgenössische Architektur Aspekte der Ersten Moderne zum Teil revidieren und sie um erzählerische, fiktionale Werte ergänzen würde.
Im ersten Jahrbuch für Architektur des DAM 6, erschienen 1980, distanziert sich Klotz deutlich von dieser Jencks’schen Beschreibung der Postmoderne. Er kritisiert, dass Jencks zu wenig differenziere, zu vieles als postmodern gelten lasse. So habe Jencks das Missverständnis zu verantworten, dass „nostalgische […] Ausstaffierung und geschmäcklerische […] Bedürfnisbefriedigung” mit postmoderner Architektur gleichgesetzt würden. Klotz verleiht seinem Unverständnis für diese Architekturauffassung Nachdruck, indem er schreibt, es handele sich dabei nicht mehr um Pluralismus, sondern um „Promiskuität“.
1984: Heinrich Klotz im Briefwechsel mit Charles Jencks
1984: Heinrich Klotz im Briefwechsel mit Charles Jencks
Teil 2 zum Forschungsstand der "Gründungsakte:n" >>>
Das ist es mir wert
- 1URL: https://klotzprojekt.wordpress.com/
- 22004: In memoriam Heinrich Klotz. Ausstellung vom 30. Oktober 2004 bis 6. Februar 2005 im DAM Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt 2014: Mission: Postmodern – Heinrich Klotz und die Wunderkammer DAM. Ausstellung vom 10. Mai bis 19. Oktober 2014 im DAM Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt
- 3https://archplus.net/de/klotz-tapes/
- 4Ausstellung: Revision der Moderne: postmoderne Architektur 1960 - 1980. Deutsches Architekturmuseum Frankfurt am Main, 1. Juni - 10. Oktober 1984
- 5Charles Jencks: The Language of Post-Modern Architecture, 1: 1978, 5 Auflagen bis 2002 (https://www.jencksfoundation.org/explore/text/writing-from-the-battlefield-charles-jencks-and-the-language-of-post-modern-architecture)
- 6Heinrich Klotz (Hrsg.): Jahrbuch für Architektur – Neues Bauen 1980 / 1981. Braunschweig / Wiesbaden 1980