Städtevernetzung in Europa. (Bild: forobs.jrc.ec.europa.eu)
Städtevernetzung in Europa. (Bild: forobs.jrc.ec.europa.eu)
In letzter Zeit werden die Stimmen deutlicher vernehmbar, die darauf hinweisen, wie stark unser Handeln in ein komplexes Beziehungsgeflecht eingebettet ist. Sich der eigenen Verstrickungen bewusst zu werden, eröffnet nicht nur den Zugang zu einem neuen Weltverhältnis. Es öffnet auch einen anderen Blick auf Bewohnbarkeit, Wohnen und Wohnungspolitik, die in ihrer aktuellen Form nur die Defizite befeuert, die zu beheben sie behauptet.
Immer wieder wird die Relation zweier Zahlen herangezogen, um eine einschneidende Veränderung zu markieren, eine, die gar ein neues ‚Zeitalter der Städte‘ 2 beschwört: Seit Beginn des neuen Jahrtausends leben mehr Menschen in den Städten als je zuvor. Was den Menschen mit der Aussicht auf Arbeit und Bildung ein besseres Leben verspricht, stellt Städte vor die Herausforderung, mit dem unaufhaltsamen und unkontrollierten Zuzug Schritt zu halten. Städtisches Leben für die Zukunft gestalten und formen zu können, wird in diesem Problemaufriss den „sehr wirkungsvollen Möglichkeiten“ der Stadtplanung zugeschrieben, wie dies durch eine „Vielzahl erfolgreicher Städteplanungen oder Projekte“ belegt sei. 3
Von der Stadt zum Städtischen
Zudem wäre zu fragen, ob das Versprechen auf eine bessere Zukunft, das Gegenwart als problematisch diskreditiert und sich auf die Vergangenheit je nach Perspektive als gutes oder schlechtes Beispiel bezieht, nicht immer schon problematisch war. Wenn darüber hinaus Zukunft einem spezifischen Konzept – Stadt – zugeschrieben wird, ließe sich weiter fragen, was dieses miteinschließt – und was es als nicht zugehörig ausschließt. In dieser Gegenüberstellung eines ‚Drinnen‘ (der Städte und Metropolen) und eines (nicht näher bezeichneten) ‚Draußen‘, wäre also zu fragen, wie dieses ‚Andere‘ beschaffen ist und welcher Art die Wechselbeziehungen mit dem ‚Drinnen‘ sind.
Die Industriestadt in England im 19. Jahrhundert (Manchester, Middlesborough, Glasgow; Bilder: gemeinfrei)
Die Industriestadt in England im 19. Jahrhundert (Manchester, Middlesborough, Glasgow; Bilder: gemeinfrei)
Die Umsetzungsprozesse der massiven Stadtumgestaltungs- und -erweiterungspläne, etwa Haussmanns Paris, Cerdas Barcelona oder Hobrechts Berlin, wirken vor diesem Hintergrund wie Screenshots eines komplexen Plots. Lefebvre versucht, sie in ihrem Ausmaß und ihrer Gewalt mit der Metapher ‚Implosion – Explosion‘ zu fassen: die ungeheure Verdichtung und Konzentration von „Menschen, Tätigkeiten Reichtümern, von Dingen und Gegenständen, Geräten, Mitteln und Gedanken“ 4 und das gleichzeitige Auseinanderbersten und Ausstreuen unzähliger Fragmente in ihren je eigenen Formen, Funktionen, Strukturen an die Ränder, in die Vororte, Satellitenstädte und darüber hinaus.
Kritische Zone(n)
Henri Lefebvre, The Urban Revolution, Minneapolis [1979] 2003, S. 15
Henri Lefebvre, The Urban Revolution, Minneapolis [1979] 2003, S. 15
Links: Globale Verkehrsnetze (Bild: i.imgur.com). Rechts: Weltumspannendes Netz aus Satelliten und Weltraumschrott. (Bild: eoimages.gsfc.nasa.gov)
Links: Globale Verkehrsnetze (Bild: i.imgur.com). Rechts: Weltumspannendes Netz aus Satelliten und Weltraumschrott. (Bild: eoimages.gsfc.nasa.gov)
‚Kritische Zone‘ ist heute der Begriff, unter dem sich Wissenschaftler:innen unterschiedlichster Disziplinen jener nur wenigen Kilometer dünnen Schicht widmen, die den Planeten umgibt, in der wir leben, und die schon immer einem stetigem, durch das Leben bedingten Wandel unterlag. Sie erforschen die komplexen Vorgänge, die ihrer Funktionsweise zugrunde liegen, und die in einer Weise kritisch geworden sind, dass fraglich ist „ob das Leben auf der Erde überhaupt weiterbestehen kann“. 7 Auch wenn wir zu ahnen beginnen, dass es sich bei den Krisen unserer Zeit nicht etwa um unverbundene Ereignisse, sondern, „um ein und dieselbe Kettenreaktion handelt, deren Ursprung in der Reaktion der ‚ERDE‘ auf unsere Unternehmungen liegt“, 8 so haben wir kaum eine Vorstellung davon, wie wir mit dieser kritischen Situation umgehen sollen.
Links: Noch gute 6 Jahre, bis das für das 1,5 Grad-Szenario noch zur Verfügung stehende CO2-Budget verbraucht ist. (Bild: mmc-berlin.net) Rechts: Rechts: Gaia und Erdschichten. Aus: Arènes, Latour, Gaillardet: „Giving depth to the surface – an exercise in the Gaia-graphy of critical zones“, The Anthropocene Review, 2018 (Screenshots bearbeitet, Urban Design Hamburg)
Links: Noch gute 6 Jahre, bis das für das 1,5 Grad-Szenario noch zur Verfügung stehende CO2-Budget verbraucht ist. (Bild: mmc-berlin.net) Rechts: Rechts: Gaia und Erdschichten. Aus: Arènes, Latour, Gaillardet: „Giving depth to the surface – an exercise in the Gaia-graphy of critical zones“, The Anthropocene Review, 2018 (Screenshots bearbeitet, Urban Design Hamburg)
Raum des Behälters, der Relationen – Gefüge
Es scheint, als geriete unser Betriebssystem an seine Grenzen. Immer neue Cracks und Patches sind notwendig, um es am Laufen zu halten und uns davon abzuhalten, zu erkennen, wie heillos verstrickt in dieses Wirkungsgefüge aus „unzähligen unfertigen Konfigurationen aus Orten, Zeiten, Materien, Bedeutungen“12 wir sind. Dabei wird es von einem Zusammenspiel in diesem Geflecht abhängen, ob und wie ein friedliches Zusammenleben auf der Erde möglich sein wird. Die Biologin und Wissenschaftsphilosophin Donna Haraway beschreibt die Aufgabe darin, „sich entlang erfinderischer Verbindungslinien verwandt zu machen und eine Praxis des Lernens zu entwickeln, die es uns ermöglicht, in einer dichten Gegenwart und miteinander gut zu leben und zu sterben“.13 Die anthropo-, euro-, selbst-, andro-zentrische Perspektive eines In-der-Welt-Seins alleine scheint dafür nicht mehr hinreichend. Notwendig erscheint es, sie im Sinne eines in-Beziehung-Seins zu erweitern, das unser Wohnverständnis als relationale Praxis neu zentriert, und dabei Aspekte der Fürsorge, der Pflege und des Erhalts der Bindungen einbezieht, die essenziell für die Gemeinschaften, sind und die sich nicht alleine auf die Beziehungen zwischen Menschen beschränken.
Die Verkürzung dieser Krise der Bewohnbarkeit auf eine ‚Wohnungskrise‘ lässt nicht nur ihre wahren Ursachen außer Acht.14 Die Vorstellung, sie alleine durch regulierende Maßnahmen im Verbund mit dem Neubau von Wohnungen lösen zu können, um damit den explodierenden Mietkosten entgegenzuwirken, droht das Problem sogar noch weiter zu verschärfen. Belegt durch Studien und Gutachten, wird der Bedarf bis 2030 mit einer Million Wohnungen beziffert,15 während im gleichen Zeitraum ein Anstieg des Leerstands auf drei Millionen Wohnungen erwartet wird.16 Dabei bringt die expansive Bautätigkeit nicht nur die Städte in die Bedrängnis, immer neue Flächen als Bauland ausweisen zu müssen, sie sorgt auch für eine weiterhin immense Flächenversiegelung und den fortgesetzten Verbrauch endlicher Ressourcen.
Be-Wohnen
Be-Wohnen als Praxis, Universität der Nachbarschaften, Wilhelmsburg 2008–14. (Bilder: Urban Design Hamburg)
Be-Wohnen als Praxis, Universität der Nachbarschaften, Wilhelmsburg 2008–14. (Bilder: Urban Design Hamburg)
Marco Mijatovic, Sarah Hablützel, Jeep Rohde. Kooperatives Werkstattverfahren: Building a Proposition for Future Activities (BaPfFA). 2017 (Screenshots aus der filmischen Dokumentation, Urban Design Hamburg)
Marco Mijatovic, Sarah Hablützel, Jeep Rohde. Kooperatives Werkstattverfahren: Building a Proposition for Future Activities (BaPfFA). 2017 (Screenshots aus der filmischen Dokumentation, Urban Design Hamburg)
Das ist es mir wert
- 1Bateson, G., Steps to an Ecology of Mind. 1978:S. 249
- 2„Urban Age – Die Zukunft globaler Städte gestalten“ – internationales Forschungsprogramm der Alfred Herrhausen Gesellschaft und LSE Cities, einem Forschungszentrum an der London School of Economics and Political Sciencen (LSE): >>>
- 3Ebd.
- 4Henri Lefebvre: Revolution der Städte, München 1972, S. 27
- 5Edward W. Soja and J. Miguel Kanai, “The Urbanization of the World,” in Brenner 2014. 10, p. 150
- 6Henri Lefebvre: Revolution der Städte, München 1972, S. 41
- 7Lowenhaupt Tsing, A., Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus. 2018: S. 7
- 8Latour, B., Das terrestrische Manifest, 2019. S. 30. und S. 129 Fußnote11: „»Erde« entspricht dem traditionellen Rahmen menschlichen Handelns (Menschen in der Natur) und »ERDE« einer Wirkmacht, der man, da sie noch nicht vollständig institutionalisiert ist, so etwas wie eine politische Funktion zuerkennt.“
- 9Escobar 2018: 133, zit in: Boano, C. & Astolfo, G., Inhabitation a more-than dwelling. Notes for a renewed grammar. 2020: 561 >>>
- 10Law, J., What’s Wrong with a One-World World, 2011, >>>
- 11Escobar, A., Designs for the Pluriverse. Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds, 2018: 67
- 12Haraway, D., Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, 2016: S.9
- 13Ebd.
- 14zur Bodenfrage, s.a. Florian Hertweck in dieser Reihe und ders.(Hg.), Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage, 2020; Bernoulli, H., 1946; Vogel, H.-J., 2019; u.a.
- 15Baldenius, T.; Kohl, S. und Schularick, M., Die neue Wohnungsfrage, 2019. >>>
- 16BBSR, Künftige Wohnungsleerstände in Deutschland, 2020, >>>
- 17Dies trifft für etwa ein Drittel der Hamburger:innen bzw. 45 Prozent der Mieter:innen zu, deren Wohnkosten als kritisch zu beurteilen sind. Denn 55 Prozent anspruchsberechtigter Haushalte (im ersten und zweiten Förderweg) stehen derzeit 80.000 Sozialwohnungen zur Verfügung, die bis 2030 auf 60.000 weiter abschmelzen werden. Mitte der 1970er Jahre waren es 400.000 Wohnungen.
- 18siehe >>>
- 19siehe >>>
- 20Butler, C. Public housing on ‘The Rocks’: brutalism, heritage and the defence of inhabitance, 2018 >>>
- 21Lefebvre, H. 1996. Writings on Cities. eds. Kofman, E. and Lebas, E., Blackwell. S. 179
- 22Zum Beispiel Dolores Hayden (1981), Silvia Federici (1977, 2012), Gisela Bock/Barbara Duden (1977), Sophie Watson (1986)
- 23“luxe communal.” first appeared in the then rediscovered manifesto of the Paris Commune of 1871 (Ross 2015; Shaw 2016); Anne Lacaton and Jean-Philippe Vassal’s (2013) hypothesis from the (social) housing theory point of view: “LUXURY is not related to money, but it's the condition of achieving above and beyond what was imagined to be possible."; Łukasz Stanek (2017) Collective luxury, The Journal of Architecture, 22:3, 478-487, DOI: 10.1080/13602365.2017.1307871