Bisher scheint das Gefühl nicht getrogen zu haben, dass wir mit der Corona-Krise endgültig im 21. Jahrhundert angekommen sind. Sie symbolisiert eine Zeitenwende: Weg von einer relativ stabilen Biosphäre, mit der wir Menschen mehr oder weniger anstellen, was wir wollen, hin zu einer Umwelt, die sich gegen uns kehrt. Was bedeutet das für Architektur und Städtebau?
Die "Große Beschleunigung" zeigt eine erstaunliche Parallelität zwischen unserer Aktivität auf der Erde und den Reaktionen der Biosphäre. (Grafik: Future Cities Laboratory, ETH Zürich, 2017)
Die "Große Beschleunigung" zeigt eine erstaunliche Parallelität zwischen unserer Aktivität auf der Erde und den Reaktionen der Biosphäre. (Grafik: Future Cities Laboratory, ETH Zürich, 2017)
Beginn eines Umbruchs
Berechnungen zur Diskrepanz zwischen notwendiger und tatsächlicher CO2-Reduktion geben einen Eindruck davon, vor welchen gravierenden Umwälzungen wir uns befinden (Grafik: Robbie Andrew, 2018)
Berechnungen zur Diskrepanz zwischen notwendiger und tatsächlicher CO2-Reduktion geben einen Eindruck davon, vor welchen gravierenden Umwälzungen wir uns befinden (Grafik: Robbie Andrew, 2018)
Angesichts dieser Situation ist die teilweise auch städtebaulich ausformulierte Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ so verständlich wie abwegig. 7 Schwierig ist sie zudem nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch, weil sie dazu beiträgt, die Möglichkeit eines „Weiter so“ vorzugaukeln, gerade auch indem die teilweise sogar als „Forschung“ verkauften Neuauflagen der Mietskasernen der Gründerzeit geschickt so dargestellt werden, als seien sie die geeigneten Antworten auf Nachhaltigkeitsforderungen. Die Konzepte bestätigen nach bewährtem Rezept der sogenannten konservativen Politik diejenigen, die meinen, das meiste könne doch so bleiben wie bisher oder könne sogar wieder so werden „wie früher“. Aber die Bewahrer (da sie meist männlich, alt und weiß sind, bedarf es hier keines Gendersternchens) kommen viel zu spät. Die Uhr kann nicht mehr zurückgedreht werden.
Unsere "imperiale" Lebensweise hat gravierende Auswirkungen auf anderen Erdteilen. Mülldeponie in Conakry, Guinea, 2017, oben, und Schiffsfriedhof in Nouadhibou, Mauretanien, unten. Bilder: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Guillaume Goursath (oben), CC BY-SA, Sebastián Losada, (unten)
Unsere "imperiale" Lebensweise hat gravierende Auswirkungen auf anderen Erdteilen. Mülldeponie in Conakry, Guinea, 2017, oben, und Schiffsfriedhof in Nouadhibou, Mauretanien, unten. Bilder: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Guillaume Goursath (oben), CC BY-SA, Sebastián Losada, (unten)
Die egalitäre Stadt ist die Stadt, die nicht gebaut wird
Bei uns in der westlichen Hemisphäre wird im 21. Jahrhundert diese Stadt diejenige sein, die nicht oder kaum gebaut wird. 9 Denn beinahe alles, was wir (neu) bauen, zerstört die Chancen anderer auf dem Globus, wenn es nicht deren Misere noch mehr verstärkt. 10
Ungeachtet der Klimakrise schreitet der Bau von Siedlungen, die vollkommen auf das Auto angewiesen sind, weiter voran. Neubaugebiet in Jettingen-Scheppach (Bild: Matthias Faul, 2021)
Ungeachtet der Klimakrise schreitet der Bau von Siedlungen, die vollkommen auf das Auto angewiesen sind, weiter voran. Neubaugebiet in Jettingen-Scheppach (Bild: Matthias Faul, 2021)
Arbeiten im Notfallmodus
Bauen im Bestand als Zukunftsaufgabe: Umbau des Lagergebäudes Güterstrasse 8 in Bern für die Genossenschaft Warmbächli (Bild: BHSF, 2020)
Bauen im Bestand als Zukunftsaufgabe: Umbau des Lagergebäudes Güterstrasse 8 in Bern für die Genossenschaft Warmbächli (Bild: BHSF, 2020)
Für die Architektur hat die Sammlung „Spatial Agency: Other Ways of Doing Architecture“ bereits vor zehn Jahren das weite Feld der möglichen Vorgehensweisen in der Architektur vermessen und dabei aufgezeigt, mit welcher Haltung andere Wege für das Bauen möglich sind – sie sind meist unspektakulär und an bottom-up-Prozesse geknüpft. 15 Wie entsprechende ästhetische Positionen aussehen könnten, zeigen wiederum Beispiele, die eher Kunst und Performance zugehörig sind, aber neue Richtungen aufzeigen können. 16 Bilder und Konzepte zu liefern, ist eine wichtige Aufgabe unseres Felds. Ein weiterer Schlüssel scheint in Kollektiven zu liegen, schwarmartigen Zusammenschlüssen ohne Hierarchie, Komplizenschaften im Sinne Gesa Ziemers. 17 So machte die Gruppe „Assemble“ aus London mit ihren demokratischen, ökologisch ausgerichteten Arbeiten auf sich aufmerksam. Das Kollektiv „Rotor“ in Brüssel beschäftigt sich mit der Wiederverwendung von Bauteilen, und Initiativen wie das „Haus der Materialisierung“ in Berlin beschäftigen sich mit der konkreten Umsetzung der Kreiswirtschaft im städtischen Zusammenhang. Architekt*innen können in solche Kollektive wertvolle Impulse einbringen.
Studentische Initiativen als Mittel, um Diskussionen vor Ort anzustossen: Die Arbeit "100 Meter Zukunft" des "Referats für Stadtverbesserung" als Resultat einer Studienarbeit an der TU München, 2020 (Bild: Elif Simge Fettahoglu-Özgen)
Studentische Initiativen als Mittel, um Diskussionen vor Ort anzustossen: Die Arbeit "100 Meter Zukunft" des "Referats für Stadtverbesserung" als Resultat einer Studienarbeit an der TU München, 2020 (Bild: Elif Simge Fettahoglu-Özgen)
Das ist es mir wert
- 1Eine Aktualisierung des bahnbrechenden „Berichts an den Club of Rome“ aus dem Jahr 1972 lieferte beispielsweise Jorgen Randers im Jahr 2012, mit einem niederschmetternden Fazit über die seitdem gemachten Fortschritte. (Randers, Jorgen. 2012. 2052, der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. München: oekom)
- 2Auch wenn die Diskussion über das Phänomen natürlich immer noch nicht alle Gesellschaftsschichten erreicht hat, zeigen Bücher wie „Heißzeit“ von Mojib Latif aus dem Jahr 2020 doch eine immer breitere Diskussion zumindest der globalen Erwärmung. Andererseits kann zumindest für die USA bewiesen werden, dass die journalistische Berichterstattung nach wie vor nicht ausgewogen berichtet, sondern die Interessen großer Konzerne, die gegen radikale Schritte gegen den Klimawandel sind, weiterhin stärker gewichtet werden als die anderer Organisationen, wie Rachel Wetts aufgezeigt hat (Wetts, Rachel. 2020. "In climate news, statements from large businesses and opponents of climate action receive heightened visibility." Proceedings of the National Academy of Sciences 117 (32): 19054-19060.)
- 3Rich, Nathaniel. 2017. Losing Earth. The decade we could have stopped climate change. MCD Books.
- 4So zeigen die Berechnungen von Gabor Doka zur Enkelgerechtigkeit eine Lebensweise auf, die uns heute vollkommen fremd erscheint, denn sie umfasst beispielsweise 20 qm Privatwohnraum pro Person, kein Auto, keine Flüge, 6 km Regionalzug pro Tag, 15 kg Fleisch und 20 l Milch pro Jahr, sowie 3 Stunden Internet pro Woche (Doka, Gabor. 2017. "Ökologische Grenzen in der Anderen Stadt." In Die Andere Stadt, edited by Hans Widmer. Zürich: Paranoia City.)
- 5Bendell, Jem. 2018. "Deep adaptation: a map for navigating climate tragedy." IFLAS Occasional Paper
- 6Bardi, Ugo. 2019. Before the Collapse. A Guide to the Other Side of Growth. Springer.
- 7Zu einer Analyse des Phänomens siehe z.B. Trüby, Stephan. 2021. Rechte Räume. Politische Essays und Gespräche. Birkhäuser.
- 8Brand, Ulrich und Wissen, Markus. 2017. Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: oekom.
- 9Rettich, Stefan: Amnestie für die Stadt >>>
- 10In ihrem Buch „The Just City“ weist Susan Fainstein darauf hin, dass sich das Thema der egalitären bzw. der gerechten Stadt wegen unseres zu hohen Ressourcenverbrauchs bzw. der Ökologie noch mehr verkompliziert, da sich internationale und intergenerationale Gerechtigkeit gegenüberstehen. (Fainstein, Susan S. 2010. The just city. Ithaca, N.Y.: Cornell University Press.)
- 11Fuhrhop, Daniel. 2015. Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift. München: oekom
- 12Gribat, Nina: Stadt für wen? >>>
- 13Latour, Bruno, Achim Russer, and Bernd Schwibs. 2017. Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Erste Auflage ed. Berlin: Suhrkamp.
- 14Tabula Non Rasa. Toward a Performative Contextualism. Ilka & Andreas Ruby in Conversation with Jean-Philippe Vassal. In: Ruby, Ilka & Andreas. 2008. Urban Transformation. Berlin: Ruby Press.
- 15Awan, Nishat, Tatjana Schneider, and Jeremy Till. 2011. Spatial agency. Other ways of doing architecture. London: Routledge.
- 16Turan, Neyran. 2019. Architecture as measure. New York: Actar Publishers.
- 17Ziemer, Gesa, und Barbara Weber. 2013. Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität.X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Transcript.
- 18Eine systematische Recherche zu dem Thema täte Not; Büros wie Interboro Partners in den USA sind sicherlich eher selten, aber keine Einzelfälle.