Unterwegs im Zug. (Bild: Ursula Baus)
Unterwegs im Zug. (Bild: Ursula Baus)
Nach der Krise...
Zurück zur Mobilität. Deutschland ist Autoland. Es wird genauso wenig Autoland bleiben wie es einst Land der Stahlindustrie nicht blieb. Mobilität weltweit wendet sich vom Auto ab, weil es in dicht bebauten Städten viel zu viel Platz beansprucht, irrwitzig teuer ist (siehe unten) und ökologisch eine enorme Belastung unserer Lebensgrundlagen mit sich bringt.
Es stehen jetzt steuernde Auflagen für alle finanzstrategisch gedachten Corona-Gelder an. Auch im Bereich Mobilität muss das heißen: Gelder gibt es nur, wenn sie nach strengen, verbindlichen politischen Vorgaben für eine Mobilitätswende verwendet werden, die diesen Namen verdient. Denn die letzten Wochen haben gezeigt: Es lässt sich vieles anders machen als bisher, wenn man es muss – oder eben, wenn man es will.
Dario Gentili: Krise als Regierungskunst. 200 Seiten, 20 €, Merve-Verlag 2020. ISBN: 978-3-96273-024-6
Dario Gentili: Krise als Regierungskunst. 200 Seiten, 20 €, Merve-Verlag 2020. ISBN: 978-3-96273-024-6
Systemverhärtung
Das zeigt die Corona-Krise in den jüngsten Tagen nur zu deutlich. "Beenden Sie die einseitige Fixierung auf eine rein virologische Sichtweise und damit das gefährliche Spiel mit den Zukunftschancen dieses Landes" – heißt es am 1. Mai 2020 in einem Offenen Brief des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft an die Kanzlerin und die MinisterpräsidentInnen der Länder.2 "Die Zeit der Virologen und Epidemiologen ist vorbei" – verlautbarte Wolfgang Kubicki (FDP) am Tag der Arbeit. Jetzt reicht's also mal mit der Wissenschaft, jetzt redet die Wirtschaft – und übt ordentlich Druck auf die Politik aus. Politik agiert mit Lockerungen tatsächlich dafür, dass der Markt wieder in Ordnung und auf Wachstumskurs kommt. Bislang ist nicht erkennbar, dass sie dabei andere Prioritäten als je zuvor setzen würde. Im Gegenteil.
Der Ast ist morsch
Es regt sich aber Widerstand, nicht zuletzt von denen, um deren Zukunft es geht: unter anderem von fridaysforfuture. 4
Um es kurz zu machen: Andreas Scheuer sprach in der letzten "Krise" eingedenk der Autoindustriebedeutung davon, dass man doch nicht den Ast absäge, auf dem man sitze.5 Und um im Bilde zu bleiben: Wenn dieser Ast morsch ist, sollte man schnellstens Alle runterholen, bevor sie samt Ast in die Tiefe stürzen. 6
So sieht die Urbanität der autogerechten Konsumgesellschaft aus. (Bild: Ursula Baus)
So sieht die Urbanität der autogerechten Konsumgesellschaft aus. (Bild: Ursula Baus)
4000 Euro für ein einziges Auto?
Rund 100.000 neue Mitarbeiter braucht die Bahn. Wenn in der Autoindustrie fähige Fahrzeugtechniker und Digitalisierungsexperten entlassen werden, könnte die Bahn sie wohl brauchen. Auch in den Kommunen, genau dort, wo die Mobilität den "Endverbraucher" erreichen muss und die deswegen eine Schlüsselrolle bei der Neuorientierung in der Mobilität spielen, fehlen Fachkräfte, die aus der Automobilbranche rekrutiert werden könnten – wenn denn Krisengeld an die Kommunen und nicht an die Autobranche überwiesen würde.
Ohnehin gilt es, Subventionen samt und sonders auf den Prüfstand zu stellen. "Nur wenn Autofahren und Fliegen nicht mehr direkt und indirekt subventioniert und somit merklich teurer werden, hat die Deutsche Bahn eine Chance, meint Verkehrsforscher Andreas Knie. Damit die Bahn bis 2030 zu einer wirklichen Alternative wird, müsse mehr Druck von den Kunden kommen." – resümiert Egon Koch, der Verfasser eines aktuellen HR-Features.8
Zeit im Zug ist Zeit zum Schauen, Lesen, Denken, Nichtstun. (Bild: Ursula Baus)
Zeit im Zug ist Zeit zum Schauen, Lesen, Denken, Nichtstun. (Bild: Ursula Baus)
Digitale Effizienz
Zudem gab die Bahn bekannt, dass sie jetzt radikal agieren müsse, nachdem jahrzehntelang Brücken (wider besseres Wissen, Anm. d. A.) nicht gepflegt, saniert, ertüchtigt wurden. 1004 zwar noch befahrbare, aber in schlechtem Zustand befindliche Eisenbahnbrücken von insgesamt etwa 25.700 sind nicht mehr wirtschaftlich zu sanieren.11 Der Sanierungsbedarf bei der Bahn ist inzwischen in die Milliarden-Dimension gestiegen – allein im laufenden Jahr geht es um 12,2 Milliarden Euro für die Infrastruktur der Bahn.
So sehen Architektur und öffentlicher Raum aus, wenn das Auto das Dasein bestimmt. (Bild: Ursula Baus)
So sehen Architektur und öffentlicher Raum aus, wenn das Auto das Dasein bestimmt. (Bild: Ursula Baus)
Teure Vergnügen
Die Absurdität individueller Mobilität in immer größeren, PS-stärkeren und panzerähnlich gestalteten Blechhüllen offenbart sich allerorten – grotesk in einer typischen Pervertierung: Porsche baut gerade in Stuttgart ein Hochhaus, in dem die Autos in einem separaten Aufzug bis zur Wohnung befördert werden. Darauf hat die Menschheit als Innovation für die Mobilität des 21. Jahrhunderts gewartet!
Das ist es mir wert
- 1Dario Gentili: Krise als Regierungskunst. Leipzig 2020 (1: Marcerata 2018), Seite 12
- 2Offener Brief vom 1. Mai 2020: https://www.bvmw.de/news/5912/bevor-es-zu-spaet-ist/
- 3zit. nach: Wer am lautesten schreit. In: Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2020, Seite 15
- 4https://fridaysforfuture.de/autogipfel/
- 5Interview in der FAS, 9. Februar 2020
- 6Aufschlussreich: Verkehr in Zahlen 2019/2020, hrsg. vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Bis 25.6. 2020 eine Sendung zu neuen Verkehrskonzepten: https://www.arte.tv/de/videos/086950-000-A/mobile-zukunft/https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Publikationen/G/verkehr-in-zahlen-2019-pdf.pdf?__blob=publicationFile
- 7Dazu: Thomas Wüpper: Betriebsstörung – Das Chaos bei der Bahn und die überfällige Verkehrswende. 2019
- 8Druckfassung HR-Feature, Seite 25
- 9Pressemitteilung des BMVI: #Digitale Schiene, 31. 1. 2020
- 10Bis 2040 sollen Gleise und Stellwerke voll digitalisiert sein, um das Netz besser auslasten zu können. Derzeit sind dafür 40 Mrd veranschlagt.
- 11https://www.tagesschau.de/inland/bruecken-deutschland-101.html?fbclid=IwAR0xWAk028wFnGQ23KNfU5oSf2G0AD9YHvM1AhXY6Pkm_q-loddEA6PHtGU
- 12Gemeinsame Pressemitteilung vom RWI und der Stiftung Mercator: http://www.rwi-essen.de/presse/mitteilung/394/ Die Studie ("Running a car costs much more than people think — stalling the uptake of green travel") wurde vorgestellt in: Nature, 20. 4. 2020 | https://www.nature.com/articles/d41586-020-01118-w