Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland. 816 Seiten, 251 Abbildungen, 49,90 Euro, e-Book 39,99 Euro. München, Beck 2023. ISBN 978-3-406-80710-7 2023
Winfried Nerdinger: Architektur in Deutschland. 816 Seiten, 251 Abbildungen, 49,90 Euro, e-Book 39,99 Euro. München, Beck 2023. ISBN 978-3-406-80710-7 2023
Mit großer Wissensfülle sind die fünf Zeitabschnitte in ihren Eigenarten aufgeschlüsselt. Und deutlich wird, dass an vielen Miseren lobbyistisch gesteuerte Politik und ein fehlgeleitetes Wirtschaftssystem großen Anteil haben. Was uns gegenwärtig um die Ohren fliegt – die Bodenfrage, das Wohnungsproblem, das ökologische Harakiri – erläutert Nerdinger überzeugend in Ursachen und einer dynamischen Entwicklungsgeschichte, die Architekten immer weniger Einfluss aufs Gebaute beschert. Und im wesentlichen ist diese Bedeutungsminderung des Berufsstands selbstverschuldet. Kriterien klassischer Architekturgeschichtsschreibung – wie formale Fragen, individuelles (Bau-)Künstlerverständnis – spielen in Winfrieds Nerdingers Darstellung keine wesentliche Rolle. Schließlich fällt die Einschätzung von "Wiedervereinigung und Ausblick" (ab Seite 625) im letzten Kapitel düster aus. Mit der Wiedervereinigung zeigte sich "der Umbau Berlins zur neuen Kapitale der Bundesrepublik entsprechend den wirtschaftlichen wie auch politischen Interessen in anderen Dimensionen und nach internationalem Kommerzmaßstab. (...) ...in der Berliner Republik ging es nur noch um politische Repräsentations- und kommerzielle Funktionsbauten." (Seite 629f.). Mit guten Gründen rückt der Autor schließlich in gutes Licht, was Karl Ganser mit der IBA Emscher Park in den 1990er Jahren geglückt ist. "Wandel ohne Wachstum" war Gansers Zielrichtung, die – das erwähnt Nerdinger nicht – mit den IBAs im Osten der Republik durchaus Nachfolge fand. In der 88 Seiten umfassenden Bibliografie rückt sich der Autor mit allein drei ganzen Seiten in eine Quellenreihe, die man gerne relativiert gesehen hätte.
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Laura Strack, Moritz Hannemann, Klaus Ronneberger (Hrsg.): Baustelle Commune – Henri Lefebvre und die urbane Revolution von 1871. Fotografien von Jan Lemitz, Vorwort von Ulrike Haß. 340 Seiten, Hamburg, adocs 2023, 24 Euro. ISBN 978-3-943-253610
Laura Strack, Moritz Hannemann, Klaus Ronneberger (Hrsg.): Baustelle Commune – Henri Lefebvre und die urbane Revolution von 1871. Fotografien von Jan Lemitz, Vorwort von Ulrike Haß. 340 Seiten, Hamburg, adocs 2023, 24 Euro. ISBN 978-3-943-253610
Henri Lefebvre (1901-1991) hatte seine Sicht auf die Commune 1965 unter dem Titel "La proclamation de la commune" veröffentlicht, in der er die Praxis der Commune quasi als Dreh- und Angelpunkt einer werdenden Geschichte beschrieb. Die Commune sei, so Lefebvre, der bislang einzige "Versuch eines revolutionären Urbanismus". Nun liegt dieser Text in übersetzten Auszügen vor, hilfreich erläutert und kommentiert von Laura Strack, Moritz Hannemann und Klaus Ronneberger. Einige spätere Publikationen Lefebvres (Le droit à la ville 1968, La révolution urbaine 1970, La production de l'espace 1974) weisen ihn als marxistisch beeinflussten Stadtsoziologen mit geschichtsphilosophischen Interessen aus, die Klaus Ronneberg so zusammenfasst (Seite 251): "Die Praxis schafft die Geschichte und Geschichte wird 'von unten' gemacht". Der Band endet mit einem Foto-Essay von Jan Lemitz, in dem unter anderem die Pariser Place Vendôme auftaucht. Hier hatte Napoleon aus Anlass seines Sieges in Austerlitz eine Säule errichten lassen – am 16. Mai 1871 wurde sie niedergerissen und der Platz interimsmäßig, für 78 Tage, in Place Internationale umbenannt. Die gemeinwohlorientierten Überlegungen Lefebvres scheinen gegenwärtig an Aktualität zu gewinnen – es lohnt sich deswegen, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen.
Susanne Stacher: Architektur in Zeiten der Krise. Aktuelle und historische Strategien für die Gestaltung "neuer Welten". 200 Seiten, 32 Abbildungen, Birkhäuser 2023, 42 Euro. ISBN 9783035627725
Susanne Stacher: Architektur in Zeiten der Krise. Aktuelle und historische Strategien für die Gestaltung "neuer Welten". 200 Seiten, 32 Abbildungen, Birkhäuser 2023, 42 Euro. ISBN 9783035627725
Soziologie, Politik, Wirtschaft verschwinden im Buch hinter derzeit gehypten Begriffen wie Krise, Katastrophe, Kollaps – Kollapsologie –, und ausgerechnet Architektinnen sollen mit ästhetisch ambitionierten Projekten unter anderem für die "Wiederverzauberung der Welt" sorgen. Heute bestehe "die Herausforderung gerade darin, dass wir angesichts der bedrohlichen Krisen eine reflektierte und zugleich kreative Haltung einnehmen, die uns handlungsfähig macht" (Seite 21). Könnte jeder deutsche Politiker, jeder Unternehmerin so auch formulieren.
Die Autorin schlägt dafür vier "Figuren" vor, mit dem der Projektteil (Seite 33 - 162) strukturiert ist. Das sind: 1. Archaismus / Sprung rückwärts in Raum und Zeit; 2. Zurück zur Ländlichkeit / Streben nach Entschleunigung; 3. Schaffen durch Zerstören / Beschleunigung als Mittel zum Zweck; 4. Wiederverzauberung der Welt / Aufhebung der Zeit durch einen Sprung in die Zukunft.
Die Projekte – Unbekanntes ist nicht dabei – sind in den Plänen schwarzweiß, in den Fotos in rot-schwarz-Farbkombination abgedruckt, was – wie die rosa gefärbten Textseiten – dem Buch eine rosarote Anmutung verleiht. Die Projekte stammen von "namhaften Vertretern" (von Durand über Hollein, Ishigami, Howard, Loos, Meyer, Taut, Sant'Elia, Corbusier, Bjarke Ingels, Cedric Price, Archigram bis Nishizawa und Rei Naito) – ihren Beitrag sieht der Autorin darin, wie sie mehrfach betont, durch das "Prisma der Krise" darauf zu schauen. Sie referiert dazu diverse Krisenmodi (Seite 10 f.), die teils global, teils eurozentrisch zu verorten, aber als solche nicht benannt sind. Die gesamte Geschichte utopischer Architekturentwürfe ist im Buch nicht nachvollziehbar verkürzt angedeutet und auch bibliografisch nicht erschlossen.
Die Autorin benennt nun programmatisch den Philosophen Michaïl Fœssel, der das Ende der Welt bereits sieht und die Frage stellt, was das Reale zu einer wirklichen Welt mache (Seite 11). Dieser erkenntnistheoretisch steilen These geht sie leider nicht nach. In der Relevanz des Ästhetischen für die neuen (Architekten-)Welten bezieht sich Susanne Stacher auf Jacques Rancière, für den die Künste auch als "Formen der Einschreibung des Sinns der Gemeinschaft" wahrgenommen werden könnten (Seite 19). Architektur wird im Buch als weltrettende "Kunst" deutlich überfordert – und mit ihr Architektinnen, die faktisch mit ihren Kammerzulassungen und Honoraren zu tun haben. Das interessiert hier im Buch nicht – Soziologie, Wirtschaft, Politik: wie gesagt Fehlanzeige. Bemerkenswert ist, dass mit Paolo Amaldi und Philippe Potié zwei Autoren am Ende unter anderem erläutern, was die Autorin meine, resümiernd Potié: "Angesichts des Katastrophismus einer angekündigten Apokalypse besteht die Verantwortung des Architekten darin, die 'Enthüllung' von 'Projekt-Figuren' vorzunehmen, deren erste Umrisse Susanne Stacher skizziert und die, wie ich glaube, in einer ästhetischen Dialektik dekliniert werden, die die farbige Kurve mit dem Weiß der Linie konfrontiert" (Seite 182). Diese Sicht hat sich mir durchaus nicht erschlossen. Architektur in "Zeiten der Krise" ist gegenwärtig nicht ästhetisch autonom, sondern das Produkt sozioökonomischer, politischer Verhältnisse, was Winfried Nerdinger überdeutlich darlegt (siehe oben), in Susanne Stachers Publikation aber befremdend ignoriert ist.
Das ist es mir wert
- 1Rezensionen: Dieter Bartetzko: Tausendundeine Architektur. Lehrreich für alle Bürger: Wolfgang Pehnt führt durch Deutschlands Bauten. In: FAZ, 25. November 2005; Gert Kähler: Heute ist Wüstenrot-Tag. Wolfgang Pehnts große Geschichte der deutschen Architektur seit 1900. In: Süddeutsche Zeitung, 28. Oktober 2005; Winfried Nerdinger: Amüsante Häppchen. Wolfgang Pehnt plaudert über die deutsche Architekturgeschichte. In: Die Zeit, 6. Januar 2006;
- 2Werner Durth, Paul Sigel: Baukultur. Spiegel gesellschaftlichen Wandels. Berlin, Jovis 2009 (Rezensionen: Gerd Held. In: Die Welt, 2.1.2010; Jürgen Tietz: Architektonische Selbstvergewisserung. In: NZZ, 24.12.2009; Bernhard Schulz: Opus magnum. In: Baumeister, B12 2009.