Blumenschau mit Stadtkulisse. Und umgekehrt. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Sie ist fast eine Art Grand Projet: Die Heilbronner Bundesgartenschau ist nicht nur Vehikel, um den Stadtumbau voranzutreiben, sie repräsentiert auch den Anspruch der Stadt am Neckar, aktiv und beispielgebend die Herausforderungen der Zukunft anzunehmen. Um diesen Anspruch zu dokumentieren, hat man die Gartenschau gleichzeitig als Stadtausstellung ausgerufen. Ein konsequenter und richtiger Zug. Etwas mehr Experimentierfreude hätte es allerdings sein dürfen.
Die Buga als Entwicklungsbeschleuniger
Auf diesen noch grünen Flächen wird bis 2030 das Quartier Neckarbogen entstehen. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Auf diesen noch grünen Flächen wird bis 2030 das Quartier Neckarbogen entstehen. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Links die derzeitige Bebauung, rechts der Plan für die Vervollständigung des Quartiers nach dem Ende der Buga. Abbildungen © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Links die derzeitige Bebauung, rechts der Plan für die Vervollständigung des Quartiers nach dem Ende der Buga. Abbildungen © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Bislang hat man sehr darauf geachtet, dass in den Erdgeschossen der schon errichteten Häuser Gewerbeflächen angeboten werden. Das lässt sich besichtigen, denn für die Bundesgartenschau ist bereits ein Teil des Quartiers errichtet worden: An dessen Ostrand sind eine Jugendherberge und 22 fünf- bis neungeschossige Häuser mit 380 Wohnungen für etwa 800 Bewohner bereits fertiggestellt; sie bilden das Rückrat des Gartenschaugeländes und sind als Stadtausstellung dezidiert Teil des Buga-Programms. Sie sind auf großen Parzellen in drei Blöcken errichtet, streng dem städtebaulichen Konzept und einem Gestaltungsleitfaden der Stadtplaner folgend. 22 Gebäude in drei Blöcken, meist fünfgeschossig mit 380 Wohnungen, errichtet von 14 Investoren, die nur zweimal mit dem gleichen Architekten bauen durften und keine nebeneinanderliegenden Grundstücke erwerben durften.
Von allem etwas
Blick von Westen auf die Gebäude der Stadtausstellung. Bild: Christian Holl
Blick von Westen auf die Gebäude der Stadtausstellung. Bild: Christian Holl
Von allem ist etwas zu finden: Inklusives Wohnen, eine integrierte Kindertagesstätte, Mehrgenerationenkonzepte, Angebote für Studierende, hochpreisiges und gefördertes Wohnen, Baugruppen. Hier ist eine den Begriff einer Ausstellung im Sinne eines Modellvorhabens angemessene Mischung zusammengekommen und in ansprechender Qualität errichtet worden. Die Baukommission trug dafür Sorge, dass die Versprechungen des Vergabeverfahrens auch eingehalten wurden.
Architektur von Schreiner Architekten, Baumschlager Hutter, Fink+Jocher (von links) Bild: Christian Holl
Architektur von Schreiner Architekten, Baumschlager Hutter, Fink+Jocher (von links) Bild: Christian Holl
Die Häuser von Steinhoff Hahnel Architekten, Müller & Huber, 6H Architekten und im Hintergrund das höchste Vollholzhaus von Kaden+Lager. Vollständige Information zu den Architekten der jeweiligen Häuser ist auf dem interaktiven Lageplan zu finden. Bild: Christian Holl.
Die Häuser von Steinhoff Hahnel Architekten, Müller & Huber, 6H Architekten und im Hintergrund das höchste Vollholzhaus von Kaden+Lager. Vollständige Information zu den Architekten der jeweiligen Häuser ist auf dem interaktiven Lageplan zu finden. Bild: Christian Holl.
Die Nagelprobe kommt noch
Der Wall im Westen schützt das zukünftige Wohngebiet vor Industrielärm und ist eine attraktive Radwegverbindung. (Bild: Christian Holl)
Der Wall im Westen schützt das zukünftige Wohngebiet vor Industrielärm und ist eine attraktive Radwegverbindung. (Bild: Christian Holl)
Landschaftsplanung im Dienst der Zukunft: Der Neckaruferpark verbindet den Neckarbogen mit dem Norden der Stadt. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Landschaftsplanung im Dienst der Zukunft: Der Neckaruferpark verbindet den Neckarbogen mit dem Norden der Stadt. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Der Mangel an Traute zeigt sich am deutlichsten im Mobilitätskonzept. Man hat es nicht gewagt, auf eine Tiefgarage unter den drei Blöcken zu verzichten und die Parkplätze so zu zentralisieren, dass der Weg vom PKW zur Wohnung allein schon für eine Belebung sorgte; der Stellplatzschlüssel liegt bei 0,6 Parkplätzen je Wohnung. Auf lange Sicht ist ein Modalsplit von 30 zu 70 angestrebt, dabei setzt man auf die Qualität von Angeboten, die es leichter machen, das Auto stehen zu lassen, wie einer vielfältigen Flotte an Fahrzeugen für Sharing, Informationssystemen und gut ausgebauten Rad- und Wegenetzen. Hier hätte man sich dann doch etwas mehr Mut gewünscht, zum Ausbau des ÖPNV scheint man noch abwarten zu wollen, in der 59-seitigen Informationsbroschüre ist dazu keine Information zu finden.
Für die Buga-Zeit ist der kostelose Schiff-Shuttle eine Attraktion. Über das Fehlen eines mutiges Mobilitätskonzepts kann er dennoch nicht hinwegtäuschen. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Für die Buga-Zeit ist der kostelose Schiff-Shuttle eine Attraktion. Über das Fehlen eines mutiges Mobilitätskonzepts kann er dennoch nicht hinwegtäuschen. Bild © BUGA Heilbronn 2019 GmbH
Der letztlich konventionelle Städtebau ist für die Zukunft kein großes Versprechen. Das Repertoire ist der dichten Stadt des 19. Jahrhunderts entlehnt, in dieser abgespeckten Form fehlt aber die Größe, die einer solchen Form ihre stadträumliche Kraft verleihen könnte. Dass sich daraus auch Chancen ergeben könnten, scheint nicht erkannt worden zu sein: Keine überraschenden Sichtachsen, keine ungewöhnlichen, blockübergreifenden autofreie Räume zwischen den Häusern, keine Herausforderungen für die Architektur, keine überraschenden Zusammenhänge. Die städtebauliche Plan changiert unentschlossen zwischen Solitärbauten und großer Figur und sorgt für eher behäbige Proportionen der einzelnen Baukörper, da mögen sich die Architekten noch so mühen. Die städtebauliche Figur ist stark auf sich bezogene, die wenig mit dem zu tun hat, was jenseits des Neckarbogens zu finden ist.
Es wird sich noch zeigen, ob das auch übertragenen Sinne ein Problem ist: der Neckarbogen als das Vorzeigequartier, eine 40 Hektar große Insel des Guten, dem der Alltag der Gesamtstadt gegenübersteht. Die Nagelprobe steht erst noch bevor. Sie ist erst bestanden, wenn das, was hier geleistet wurde, nicht nur zum Vorbild für andere Städte, sondern auch für den Heilbronner Alltag wird und nach de Buga zum Ansporn wird, nach neuen Konzepten zu suchen. Mit mehr Mut hätte man vielleicht mehr Angriffsflächen geboten, aber auch die Chance gehabt, den Städtebau in Deutschland tatsächlich einen Impuls zu geben. Die offensichtliche Anstrengung der Stadt macht allerdings auch deutlich, wie wichtig in Deutschland eine städtebauliche Kultur des Diskurses und der Anerkennung wäre, der nicht im 19. Jahrhundert erfüllt sieht, was wünschbar sein darf. Man kann Heilbronn keinen Vorwurf daraus machen, dass diese Kultur sich nicht entwickelt, weil sie nicht gepflegt wird. Diese Ausstellung zeigt, was bei uns state of the art ist. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.