Wiedergelesen, neu gelesen: Der Einzige und sein Eigenheim (1998), Die Siedlung Pessac – 40 Jahre Leben à la Le Corbusier (1971), Das Einfamilienhaus (2017).
Bild: (Hintergrund) Wikimedia Commons, Dr. Bernd Gross, CC BY-SA 3.0
Zwei ältere Publikationen und eine Neuerscheinung rücken das idealisierte Bild etwas gerade.
Kollektivgeschichte, in Individualgeschichten reproduziert. (Bilder: Christian Holl)
Kollektivgeschichte, in Individualgeschichten reproduziert. (Bilder: Christian Holl)
So erschien 1998, vor zwanzig Jahren also, unter dem Titel „Der Einzige und sein Eigenheim“ eine Sammlung von Schriften Pierre Bourdieus und anderen, die überwiegend Anfang der 1990er-Jahre zuerst auf Französisch veröffentlicht wurden. In einer Mischung verschiedener Texttypen (Essay, Interview, Reportage, Fallstudie, wissenschaftliche Analyse und Deutung), wie sie Bourdieu-Freunden von dessen großer Banlieu-Studie „Das Elend der Welt“ (1997) bekannt ist, wird dem Einfamilienhaus-Markt zu Leibe gerückt. Das Wort „Markt“ ist hier möglicherweise missverständlich – Bourdieu und seine Ko-Autoren sprechen von einem Feld. Denn es geht nicht nur um ökonomische Zusammenhänge, sondern vor allem darum, wie diese mit politischen und sozialen Dimensionen verwoben sind. Bourdieu et.al. zeigen, dass gerade in dieser Verzahnung eine Wirklichkeit konstruiert wird, die sich in der Produktion von Einfamilienhäusern wie in Lebensstilen und Alltagswelten abbildet. Das ist in einer beeindruckenden Deutlichkeit und Schärfe aufgeschlüsselt – Einfamilienhausbesitzer werden interviewt, Strategien von Bauunternehmern nachgezeichnet, das Agieren von Politikern analysiert. Am Ende bleibt wenig vom Mythos, dass sich das Ergebnis zwangsläufig so hatte ausbilden müssen und nicht eines von Entscheidungen ist. Vielmehr ist es so, „dass die vom ökonomischen Feld, wie wir es kennen, verlangten Dispositionen nichts Natürliches und Allgemeingültiges haben, sondern Produkte der gesamten Kollektivgeschichte sind, die unablässig in den Individualgeschichten reproduziert werden muss.“
Der Anteil der Politik
Pierre Bourdieu u.a. Der Einzige und sein Eigenheim. Erweiterte Neuausgabe der Schriften zu Politik & Kultur 3. Herausgegeben von Margareta Steinrücke. VSA Verlag 1998. >>>
Pierre Bourdieu u.a. Der Einzige und sein Eigenheim. Erweiterte Neuausgabe der Schriften zu Politik & Kultur 3. Herausgegeben von Margareta Steinrücke. VSA Verlag 1998. >>>
Die Ergebnisse sind mitunter bitter. Eines der Interviews etwa berichtet von Herrn und Frau P., die versuchen, sich mit dem zu arrangieren, was sie sich leisten konnten – ein Haus in der Pariser Region mit enger Garage, schlechtem Schallschutz und einem weit entfernten Bahnhof. „Der Verkäufer hatte ihnen versichert, dass gegenüber der Siedlung ein neuer Bahnhof gebaut würde, er ist aber auf dem Gelände des alten Bahnhofs wiederaufgebaut worden. (...) Es fällt ihnen viel schwerer aufzuzählen, was ihnen an dem Haus gefällt.“
Man mag nicht zu unrecht einwenden, dass der französische Markt, die französische Situation auch schon 1990 eine ganz andere als die unsrige war und noch mehr heute ist. Es ist auch nicht falsch einzuwenden, dass diese Politik, diese Produktion beileibe nicht nur Verlierer produziert. Aber es geht auch darum, den Blick auf die Realität der Einfamilienhausgebiete zu schärfen und sie als eine Summe von Entscheidungen wahrzunehmen, die auch anders getroffen werden können – was Bourdieu hierzu untersucht, wäre wert, 2018 auf die Lage in Deutschland angewandt zu werden.
Ein komplexer Gegenstand
Sonja Hnilica, Elisabeth Timm (Hg.): Das Einfamilienhaus. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 1/2017. Transcript Verlag. >>>
Sonja Hnilica, Elisabeth Timm (Hg.): Das Einfamilienhaus. Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 1/2017. Transcript Verlag. >>>
Vom Haus als Kunstwerk (wie etwa das Haus Tugendhat) zur neuen anonymen Architektur, von der Heimatschutzbewegung bis zur Wirkung des Marshall-Plans, ist es die vielschichtige Perspektive, die dem Thema Einfamilienhaus jene Komplexität verleiht, die seinen immer noch andauernden Erfolg erklären kann. Sonja Hnilica und Elisabeth Timm etwa zeigen, wie das Einfamilienhaus als „individualisiertes, wirtschaftlich gefördertes Konsumgut“ eine besondere Verbindung mit geschichtlichen Traditionen, Konsumangeboten und akademisch vermittelter Baukunst eingehen kann, die als neue anonyme Architektur nicht mehr allein über regionale Traditionen adäquat zu fassen sind. Anders gesagt: Die unterstellte Gestaltungswillkür vieler Einfamilienhäuser ist keine.
Architektur für zwei Seelen
Es gibt immer was zu tun. Bilder: Christian Holl
Es gibt immer was zu tun. Bilder: Christian Holl
Damit ist gemeint, dass sich im permanenten Prozess des Heimwerkerns („Es gibt immer was zu tun“, wie es der Hornbach-Slogan auf den Punkt bringt) nicht nur die Wohnumgebung konkret verändert und umgestaltet wird, sondern sich in der Arbeit auch die Eigenschaften des Heimwerkers abbilden: „Originalität, Kreativität, Begabung, Geschicklichkeit, Sachverstand, Fleiß, Ausdauer“. Die Betonung auf der Veränderung und dem Bedürfnis, die eigene Alltagswelt durch eigenes Tun erst tatsächlich zur eigenen zu machen, ist genau der Punkt an dem die Vorstellung des zeitlosen Archetypus als eine Konstante, die (wenn auch interpretierend) reproduziert werden kann und dann, einmal hergestellt, nicht mehr verändert werden zu braucht, an den Sehnsüchten der Menschen vorbeigeht.
Misserfolg nur aus Architektensicht
Philippe Boudon: Die Siedlung Pessac. Vierzig Jahre Wohnen à Le Corbusier. Reihe:Bauwelt Fundamente 28. Bertelsmann-Fachverlag 1971 >>>
Philippe Boudon: Die Siedlung Pessac. Vierzig Jahre Wohnen à Le Corbusier. Reihe:Bauwelt Fundamente 28. Bertelsmann-Fachverlag 1971 >>>
Der Umgang mit dem Einfamilienhaus und seine aktuelle Auseinandersetzung müsste sich also mindestens weiter auf zwei Ebenen geführt und vertieft werden. Als eine mit den wirtschaftlichen und politischen Steuerungseffekten und deren Wirkungen auf die Produktion und Konstruktion der Wirklichkeit einerseits. Andererseits – und das ist genauso wichtig – müsste die Möglichkeit zur Veränderung als Teil einer architektonischen Konzeption gerade auch jenseits des Einfamilienhauses verstanden werden. Es gilt, sich jenseits des Einfamilienhauses auf das einzulassen, was sich als Sehnsucht in ihnen abbildet.
Vorankündiung: Am 27. April 2018 wird in der architekturgalerie am weißenhof in Stuttgart eine Ausstellung eröffnen, die sich mit dem Thema des Einfamilienhauses aus architektonischer wie städtebaulicher Sicht widmet.