Herman Hertzberger, Diagoon Häuser, Delft, 1971. Grundstruktur und Mitbestimmungsspielraum. Bild: creativecommons.org, Leuk2 / Herman Hertzberger
Herman Hertzberger, Diagoon Häuser, Delft, 1971. Grundstruktur und Mitbestimmungsspielraum. Bild: creativecommons.org, Leuk2 / Herman Hertzberger
So ließe sich zum Beispiel darüber nachdenken, ob der bereits zitierten Eingangssatzes nicht schon einen grundsätzlichen Fehler sichtbar macht – weil er eine Gegenüberstellung konstruiert, von der Moderne auf der einen und der Kritik an ihr auf der anderen; eine Teilung, die ausschließt, dass diese Kritik selbst zur Moderne gehört. Das Feindbild Moderne schien allerdings damals nicht nur dem Architekten und Planer Blomeyer und der Psychologin Tietze deutlich gezeichnet und ablesbar, denn sie trafen damit durchaus einen Nerv. Der Spiegel schrieb über das Buch etwa bereits im März 1980: "Wie stark die Opposition gegen Funktionalismus, Internationalismus, Modernismus mittlerweile geworden ist, läßt eine Textsammlung über 'Aktuelle Positionen in der Architektur' ahnen, die in diesen Tagen erscheint."
Der Textband ist von einer aus heutiger Sicht überraschenden Heterogenität – so finden sich darin Texte von Lewis Mumford ebenso wie von Aldo van Eyck, Joseph Ryckwert, Peter Eisenman, Leon Krier oder Lucius Burckhardt und Walter Förderer. Es tauchen weniger bekannte Namen auf: Antoine Grumbach, Chris Fawcett, Werner Rittich etwa. Bevor sie alle zu Wort kommen, stellen die beiden Autoren ihre Synopse der versammelten Beiträge dar. Sie mündet in ein Plädoyer für einen "Neuen Regionalismus", das sich nicht nur – wenig überraschend – gegen die autogerechte und gegliederte und aufgelockerte Stadt richtet und für eine Wiederbelebung einer städtischen Tradition wirbt, sondern auch einen Modus fordert, „der in Kontrast zu den makroökonomischen Planungen der Moderne die Aneignung der Umwelt durch ihre Nutzer wieder zum Thema macht.“ Blomeyer und Tietze wollen „uneingeschränkte Planungsbeteiligung“ und „verbindliche Mitbestimmungskonzepte“ ebenso wie handwerkliche Qualifikationen von Architekten. Dass Jane Jacobs, Bernhard Rudofsky, Giancarlo de Carlo oder Christoper Alexander, die in diesem Sinne als die Zeugen einer anderen Moderne genannt werden könnten, nicht ins Buch augenommen wurden, scheint da eher der Notwendigkeit geschuldet, eine Auswahl treffen zu müssen.
Kritik und Alternativen
Quinlan Terry: U-Bahnbelüftungsschacht, London 1969 Bild: Julian Osley, creativecommons.org, geograph.org.uk
Quinlan Terry: U-Bahnbelüftungsschacht, London 1969 Bild: Julian Osley, creativecommons.org, geograph.org.uk
Am Übergang zum zweiten Teil steht Charles Moore, dessen Beschreibung des „Einprägsamen Orts“ nicht nur wie Ryckwert auf die Rolle von Architektur als Bedeutungsträger zielt, sondern auch eine sinnlich komplexe Struktur fordert: „Ich glaube, dass es nur vernünftig ist, auf dem Gebrauch der Reichtümer, die unsere Welt bereit hält, zu bestehen, und zwar ohne Angst und Schamgefühl."
Lucien Kroll, Studentenwohnheim von Louvain, Brüssel, 1977, ein Projekt, das mit Beteiligung der Nutzer entstand. Bild: Christian Holl
Lucien Kroll, Studentenwohnheim von Louvain, Brüssel, 1977, ein Projekt, das mit Beteiligung der Nutzer entstand. Bild: Christian Holl
Dass Peter Eisenman aufgenommen wurde, zeugt wiederum von einer Offenheit, die zu würdigen ist. Er ist in der Anthologie vertreten, weil er die Zwangsläufigkeit ablehnt, die Konstruktion aus der Funktion oder aus auf den Menschen bezogenen Begründungen abzuleiten und sie damit moralisch bewertbar zu machen. "Ehrliche Architektur" kann es für ihn nicht geben.
Bob Maguire und Keith Murray: St Paul's Bow Common, London 1960. Bild: Ekphraster, commons.wikimedia.org
Bob Maguire und Keith Murray: St Paul's Bow Common, London 1960. Bild: Ekphraster, commons.wikimedia.org
Vorgestellt wird außerdem Bob Maguire, der mit seinem Partner Keith Murray für eine zwar sparsamen, aber dennoch erfindungsreiche und direkte Architektur steht, die aus der Vielfalt des Bekannten schöpft und unter Berücksichtigung der Nutzer unvoreingenommen nach plausiblen Lösungen sucht. Voraussetzung dafür ist, „dass man überall mit offenen Augen herumläuft, sich ansieht, wie die Dinge zusammengehen.“
Erschreckende Aktualität
Genau darin liegt aber möglicherweise das, was sich als kritische Fragen an heutige Diskurse richten ließe. Blomeyer Tietze vertreten mit dem Bezug auf Handwerk, lokaler Tradition und Bewohnermitbestimmung eine Form des Orientierungsrahmens, der ebenso wie das, was sie an der Moderne kritisieren, einen verbindlichen Imperativ setzt – hier eben den einer lokalen oder regionalen Gemeinschaft, in der die scheinbaren Beliebigkeiten der Positionen in diesem Falle von Aldo Rossi keinen Platz haben. Im Text, den sie von Mumford für die Veröffentlichungen wählten, ist die Rede davon, dass moderne Architektur auf einem Ordnungsprinzip aufbauen müsse. „Diese Ordnung muss gleichzeitig zu einer übergreifenden Theorie menschlicher Entwicklung zusammengefasst werden.“
Auch Regionalismus kann eine das Individuum bevormundende Gemeinschaftsidee sein. Opposition zur Moderne bewahrt davor nicht. Bild: Christian Holl
Auch Regionalismus kann eine das Individuum bevormundende Gemeinschaftsidee sein. Opposition zur Moderne bewahrt davor nicht. Bild: Christian Holl
Gerald R. Blomeyer, Barbara Tietze: In Opposition zur Moderne: Aktuelle Positionen in der Architektur. Ein Textbuch. Braunschweig, Wiesbaden 1980.
Bauwelt Fundamente, Band 52
Sofern nicht anders gekennzeichnet, sind Zitate diesem Band und den Texten der jeweils genannten Autoren entnommen