Architekten: Beer Bembé Dellinger, Greifenberg und München
Mit einem Baugruppenprojekt könnte sich in der rund 28.800-Einwohner-Stadt Garmisch-Partenkirchen eine Wende zu einer exzellenten, gemeinschaftsorientierten Lebensqualität abzeichnen, die nicht von der Stadtpolitik, sondern von einer privaten Initiative ausging. Die Rede ist von einer innerstädtischen Kombination von viel Wohnungsbau und kleinem Hotel, die als Alternative zu einem Fünf-Sterne-Hotel entstand und jetzt eine Zierde der Ortsmitte geworden ist.
Bauen vor den Alpen – und mitten im Ort (Bild: gap.Quartier GbR; Bert Heinzlmeier)
Bauen vor den Alpen – und mitten im Ort (Bild: gap.Quartier GbR; Bert Heinzlmeier)
Wie wollen wir leben?
2007 hatten sich die Garmisch-Partenkirchener in einem Bürgerentscheid zu 78 Prozent gegen ein Hotel auf dem Gebiet ausgesprochen, das im Lageplan unten bereits mit der neuen Wohnbebauung gekennzeichnet ist. Mit dem geplanten Fünf-Sterne-Hotel hätte die Ortsmitte erheblich an Wohnqualität verloren. Nun weiß man aus den internationalen Schlagzeilen, dass die Garmisch-Partenkirchner (neben München und den Landkreisen Traunstein und Berchtesgaden) mehrheitlich 2022 keine Winter-Olympiade ausrichten wollten. Ewige Neinsager? Wohl nicht, denn gegen die von Sportfunktionären und Lokalpolitikern vielfach missbrauchten Großevents kann man mit guten Gründen argumentieren, wenn – ja, wenn vor allem ein eigenständiges, ortsbezogenes Konzept für eine Stadt- oder Landschaftsentwicklung überzeugt. In Garmisch-Partenkirchen ist jetzt ein vielversprechender Anfang gelungen.
Lageplan: An der sehr stark befahrenen, im Süden verlaufenden St. Martin-Straße bildet ein dezent dimensioniertes Hotel eine Art "Schallschutz" für den Freiraum der Wohnhäuser. (Lageplan: Beer Bembé Dellinger)
Lageplan: An der sehr stark befahrenen, im Süden verlaufenden St. Martin-Straße bildet ein dezent dimensioniertes Hotel eine Art "Schallschutz" für den Freiraum der Wohnhäuser. (Lageplan: Beer Bembé Dellinger)
Vorgärten, Bäume, unterschiedlich hohe Giebelhäuser – zur Gartenstraße hin wird deutlich, dass der öffentliche Raum keine Autoabstellfläche sein sollte. (Bild: Ursula Baus)
Vorgärten, Bäume, unterschiedlich hohe Giebelhäuser – zur Gartenstraße hin wird deutlich, dass der öffentliche Raum keine Autoabstellfläche sein sollte. (Bild: Ursula Baus)
Mit insgesamt sieben Haus- beziehungsweise Grundriss-Typen ließen sich viele Wohnwünsche erfüllen.
Mit insgesamt sieben Haus- beziehungsweise Grundriss-Typen ließen sich viele Wohnwünsche erfüllen.
Stadtambiente
Bis etwa 2010 war das Terrain mit Brache und Parkplatz ein Schandfleck im Stadtgrundriss. Jetzt überrascht es mit ortsverträglich parzellierter Quartiersbebauung aus (Reihen-)Holzhäusern, die giebelständig zum öffentlichen Raum und zum halböffentlichen, gemeinsamen Freiraum über einer Tiefgarage orientiert sind. Dieser Freiraum wirkt wie eine Art Dorfanger, und als ich Mitte Februar bei mal strahlend blauem Himmel, mal verhangener Niesel- und Griesel-Wetterlage dort bin, bestätigt sich sofort: Es ist ein lebendiges Quartier mit deutlich familiärer Ausrichtung. Die großflächig verglasten Giebelfassaden sind von einer dunklen Holzlatten-Schicht umgeben, die vor unliebsamer Neugier schützt und bestens zur Bautradition des Ortes passt. Diese Holzhäuser fügen sich in die alte Garmischer Ortsmitte besser ein als nahezu alles, was an neuen Projekten in den letzten Jahren gebaut worden ist.
Wohnungsgrundrisse für Doppel- und Einzelhäuser
Wohnungsgrundrisse für Doppel- und Einzelhäuser
Das ortsverträglich dimensionierte neue Hotel "Quartier" an der St. Martin-Straße ist über den Altbau (links im Bild) erschlossen. (Bild: Ursula Baus)
Das ortsverträglich dimensionierte neue Hotel "Quartier" an der St. Martin-Straße ist über den Altbau (links im Bild) erschlossen. (Bild: Ursula Baus)
Hotelzimmer mit Blick zur Ortsmitte. (Bild: gap.Quartier GbR, Bert Heinzlmeier)
Hotelzimmer mit Blick zur Ortsmitte. (Bild: gap.Quartier GbR, Bert Heinzlmeier)
Das Kreuz mit dem Verkehr
Dabei hatte das zentral gelegene Projekt – wie alle seiner Art – seine Tücken. Zum einen ist das Grundstück durch die sehr stark befahrene St. Martin-Straße stirnseitig beeinträchtigt. Ein dort stehendes, großes Wohnhaus wurde zum Entree eines neu ergänzten Hotels umgenutzt, außerdem ist dieses Hotel-Ensemble geschickt als eine Art Schallschutzwand für den Quartiersfreiraum positioniert. Eine abwechslungsreiche Giebelkontur mit dreifach verglasten Fenstern lässt Blicke vom gegenüberliegenden Wohngebiet zur grandiosen Bergkulisse frei.In der Verkehrspolitik könnte Garmisch-Partenkirchen einiges im Sinne der Wohnqualität verbessern. Wenn das Wetter einigermaßen schön ist, wie an meinem Besuchstag, fallen Autofahrer wie ein Heuschreckenschwarm in der Stadt ein, die nahe der Zugspitze und am Fuße eines passablen Skigebietes liegt, eine gute Infrastruktur und gastronomisch nahezu alles bietet, was mehr als den Hunger stillt. Aber Autoverkehr stinkt und lärmt hier wie überall sonst in der Welt. Deswegen es ist schwer zu begreifen, dass – ich probierte es aus – die Touristenwege kaum komfortabel und in guter Taktung mit ÖPNV zurückgelegt werden können. Von der Ortsmitte zu den Talstationen der Bergbahnen müssten alle fünf Minuten Busse mit Sportgeräte-Ständern pendeln – so ist es leider nicht. Im Ganzen liegen die verkehrsintensiven Straßen viel zu dicht um den Stadtkern. Garmisch-Partenkirchen wäre gut beraten, eine Verkehrswende zugunsten von Lebensqualität in der Ortsmitte einzuleiten. Ein kurzes Stück Fußgängerzone nützt nichts, um die Belastung durch Kleinstfamilien in SUVs, verflixt vielen großen Limousinen, Durchgangs- und Anlieferverkehr sowie im Sommer womöglich Horden von Motorradfahrern zu lindern.
Grundriss Hotel, Erdgeschoss
Grundriss Hotel, Erdgeschoss
Ortstypisch und schön: Holzfassade mit funktionalem Ornament (Bild: gap.Quartier GbR, Bert Heinzlmeier)
Ortstypisch und schön: Holzfassade mit funktionalem Ornament (Bild: gap.Quartier GbR, Bert Heinzlmeier)
Schön für Garmisch-Partenkirchen: Hotel- und Wohnhäuser passen in der Holzbauweise bestens in den Ort. (Bild: gap.Quartier GbR; Bert Heinzlmeier)
Schön für Garmisch-Partenkirchen: Hotel- und Wohnhäuser passen in der Holzbauweise bestens in den Ort. (Bild: gap.Quartier GbR; Bert Heinzlmeier)
Geschäftsführung: Theo Peter, Münsing; BauZeit Netzwerk
Hotel Quartier: www.quartier-gapa.de
Architekten: Beer Bembé Dellinger, Greifenberg und München; www.bbdarch.de
Mitarbeiter: Daniel Sautter, Felix Huber, Thomas Schleich
Tragwerksplaner: Merz Kley, Dornbirn
Holzbau: Schmid Holzbau GmbH, Bobingen
2011-2017