Stilkritik (127) | Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner sieht es zurück, so ein Karl Kraus zugeschriebener Aphorismus. Mit dem unter Architektinnen und Architekten so beliebten „zeitlos“ ist es ähnlich. Je mehr man sich fragt, was damit eigentlich bezeichnet werden soll, desto unklarer wird es, umso mehr Antworten lassen sich finden. Vielleicht ist es daher besser, „zeitlos“ nicht zu verwenden. Am Ende wird einem noch unterstellt, man habe die Hoffnung auf gute Gestaltung (und sei es die eigene) aufgegeben.
Es dauert sicher nicht mehr lange (wenn es nicht schon soweit ist), dann wird die KI die Baubeschreibungen auf den Webseiten von Architekturbüros übernehmen. Jurybewertungen bei Architekturpreisentscheidungen ebenso. Diese Texte werden sich dann vermutlich an dem orientieren, was Architektinnen und Architekten bisher noch selbst geschrieben haben, man möchte ja schließlich weiterhin die Illusion nähren, die Verfasser:innen der Entwürfe seien auch die der Texte. Deswegen werden weiterhin Eingangssituationen und Setzungen, wertige Materialien und schwebende Baukörper ihr Unwesen treiben; weiterhin werden Fassaden einladend zurückspringen, Landschaften durch Gebäude fließen und Flächen Raum für Kommunikation bieten. Schwamm drüber. Jede Disziplin hat ihre Eigenarten und ihre Gewohnheiten, die sich Außenstehenden nicht immer erschließen. Auch außerhalb von Architektenkreise lassen sich ja viele schöne Wortschöpfungen zu bestaunen, von den ZufallsbürgerInnen bis zum verlängertem Mietenstopp.
Irgendwie so wie immer schon. Weil es nie so ganz klappt wie vermeintlich immer schon, ist es eben doch nicht zeitlos. (Bild: Christian Holl)
Irgendwie so wie immer schon. Weil es nie so ganz klappt wie vermeintlich immer schon, ist es eben doch nicht zeitlos. (Bild: Christian Holl)
Herzlos?
A propos: Irgendwann musste auch dieser wunderbar modische Boden von 1984 erneuert werden. Um möglichst nahe ans nicht mehr produzierte Vorbild zu kommen, hat man sich einer Spezialanfertigung bedient. Hieße das im Umkehrschluss, dass zeitlos eine ökonomische Qualität ist? Man verwendet das Material, von dem man hofft, dass es irgendwann wieder zu bekommen sein wird, weil man es sich eben nicht immer leisten kann, dann auf eine Sonderanfertigung zurückzugreifen? Um auch verschlissene Teile eines Gebäudes wieder ersetzen zu können, ohne dass es auffällt? Wer weiß. Aber will man das denn wirklich? Will man wirklich, dass sich nirgends am Gebäude die Patina des Gebrauchs, die Kraft einer Persönlichkeit, die Schwächen des Menschlichen, die kleinen und großen Freuden des Alltags den Häusern eingeprägt haben? Wäre das nicht kalt, herzlos und unmenschlich?
Ganz und gar nicht zeitlos und steht dennoch. Und soll erhalten bleiben, weil so viel graue Energie darin gespeichert ist. (Bild: Christian Holl)
Ganz und gar nicht zeitlos und steht dennoch. Und soll erhalten bleiben, weil so viel graue Energie darin gespeichert ist. (Bild: Christian Holl)
Ambitionslos?
Modisch bis zum Anschlag. Der Noppenboden der Stuttgarter Staatsgalerie. (Bild: Christian Holl)
Modisch bis zum Anschlag. Der Noppenboden der Stuttgarter Staatsgalerie. (Bild: Christian Holl)
Gut mit dem Zeittypischen und im Sinne der Zeit zu arbeiten, das aber muss man wohl können. Es sich nicht zu trauen, sich auf das vermeintlich Zeitlose zurückzuziehen, wäre dann das Eingeständnis, sich der eigenen Grenzen schmerzlich bewusst zu sein. Solche Bescheidenheit ist durchaus anzuerkennen, sie könnte geradezu rühren. Man sollte solche Bescheidenheit aber dann doch nicht zu demonstrativ vor sich hertragen, sonst wird man zu schnell auf die Idee kommen, KI mit dem Entwerfen zu beauftragen. Sie sollte das, was immer schon gemacht worden ist, doch auch berücksichtigen können. Echte Bescheidenheit wäre es ohnehin, nicht mit ihr zu kokettieren. Wird einem aber von anderen bescheinigt, zeitlos gestaltet zu haben, darf das auch als Beleidigung interpretiert werden. Wer sich nicht mehr zutraut, einen Ausdruck für die eigene Zeit zu finden, kapituliert, wählt den sicheren Hafen des Ambitionslosen, in dem er auf das Zeitlose zurückgreift. Oder das, was dafür gehalten wird. Denn auch darüber, was zeitlos ist, macht sich jede Generation ihre eigenen Gedanken. Jede Epoche hat ihre Form, zeitlos sein zu wollen, eine an der man sie erkennen kann: Das tatsächlich Zeitlose gibt es genauso wenig wie die schwebenden Baukörper oder die zurückspringende Fassade. Es wäre besser, es nicht zu bemühen, um sich statt dessen etwas genauer damit zu befassen, was man eigentlich will oder was man unter Qualität versteht.