Small Planet, Ausschnitt. Irgendwo unter den Wolken: Berlin. (Bild: pxhere)
Small Planet, Ausschnitt. Irgendwo unter den Wolken: Berlin. (Bild: pxhere)
Frohe Botschaften waren in der Pause, die wir uns zwischen den Jahren gegönnt haben, leider wenige zu vernehmen. Ein Großer der Architektur hat uns verlassen, die EU-Kommission malt Gas und Atomkraft grün an, es wird stetig weiter abgerissen. Doch die Nachrichten mit dem deftigstem Vokabular kamen in Sachen Architektur und Stadt aus Berlin. Froh macht auch das leider nicht.
Richard Rogers, 2013. (Bild: Wikimedia Commons, Neveselbert, CC-BY-3.0)
Richard Rogers, 2013. (Bild: Wikimedia Commons, Neveselbert, CC-BY-3.0)
Wie im 20. Jahrhundert
Abriss beschlossen, trotz Denkmalschutz: Stadttheater Herford. (Bild: Wikimedia Commons, P6G47TG, CC-BY-SA-3.0)
Abriss beschlossen, trotz Denkmalschutz: Stadttheater Herford. (Bild: Wikimedia Commons, P6G47TG, CC-BY-SA-3.0)
In Stuttgart helfen der von Paul Schmitthenner errichteten Villa in der Eduard-Pfeiffer-Straße 89 Beschwerden nicht mehr. Der genehmigte Abriss hat hier bereits begonnen. Wie in anderen Fällen, die David Kasparek hier kürzlich vorgestellt hat, scheiterte der Denkmalschutz an den vorgenommenen Umbauten – eine fragwürdige Einschätzung. Für den Erhalt hatte sich unter anderem der ehemalige Vizedirektor des DAM, Wolfgang Voigt, und Stephan Trüby vergeblich eingesetzt.
Berlin. Der friedliche Eindruck trügt. (Bild: Wikimedia Commons, Lear 21, CC BY-SA 4.0)
Berlin. Der friedliche Eindruck trügt. (Bild: Wikimedia Commons, Lear 21, CC BY-SA 4.0)
Berliner Gereiztheiten
Die Entscheidung für Kahlfeldt kam etwas überraschend. Weniger überraschend war, dass die Berliner Gräben, wenn sie inzwischen denn wenigstens notdürftig zugeschüttet gewesen wären, sofort wieder vertieft wurden. In der Welt wird denen, die ein transparentes Verfahren gefordert hatten, Aufruf zum Gesetzesbruch vorgeworfen, von Hetze und Aufruhr und, natürlich, denn drunter machen wir es ja nicht, vom Kulturkampf ist die Rede, um dann scheinheilig nach »Abrüsten, Frieden« zu rufen. Das ist schon eher widerlich. Ebenfalls in der Welt war ein enttäuschter Matthias Sauerbruch zu Wort gekommen: »Wenn man diese Website als den Index der Tätigkeit von Petra Kahlfeldt versteht, dann denkt sie nicht im großen städtischen Maßstab, sondern eher im Maßstab einzelner Häuser. Die schwierigen Themen, die Berlin in den nächsten Dekaden beschäftigen, also den Massenwohnungsbau, die intensive Nachverdichtung, die Fragen des Klimawandels oder der Verkehrswende tauchen in ihrem Portfolio nicht auf.« Dieses Interview wiederum nahm Arno Lederer zum Anlass, seine Kollegen dazu aufzurufen, »gegen öffentliche Diffamierungen einzutreten und auf der anderen Seite zum konstruktiven Dialog aufzufordern.« Klingt gut und ist auch nicht falsch. Wenn man das allerdings wirklich ernst meint – und das sollte auch Arno Lederer wissen – dann wählt man, so verführerisch es ein mag, nicht die Tageszeitung als Podium. Es ist wie mit den offenen Briefen: Sie sind politische Statements. Keine vertrauensbildende Verhandlungsangebote. Aber was soll eigentlich verhandelt werden?
Zu vorhersehbar, um unkalkuliert zu sein
Warum hat er Petra Kahlfeldt berufen? Der Senator für Stadtenwticklung, Bauen und Wohnen, Andreas Geisel, SPD. (Bild: Wikimedie Commons, Nicola CC BY-SA 4.0)
Warum hat er Petra Kahlfeldt berufen? Der Senator für Stadtenwticklung, Bauen und Wohnen, Andreas Geisel, SPD. (Bild: Wikimedie Commons, Nicola CC BY-SA 4.0)
Es gibt die Stimmen, die fordern, Frau Kahlfeldt doch erst einmal anfangen, sie erst einmal machen zu lassen. Doch sollte nicht jede seriöse Stellenbesetzung zur Entscheidung das heranziehen, was bislang geleistet wurde? Insofern darf sie (die Entscheidung) auch genau auf dieser Grundlage kritisiert werden. Für eine so bedeutende Stelle jemanden einzustellen, um ihn oder sie erst einmal anfangen zu lassen, wäre ja auch schlicht unverantwortlich. Und es fällt sehr schwer, angesichts der Aufgaben, die sich die Koalition stellt, die Entscheidung für Frau Kahlfeldt als richtig zu bezeichnen. Eher drängt sich der Verdacht auf, dass sie nicht trotz, sondern gerade wegen der erwartbar polarisierenden Wirkung ihrer Ernennung benutzt wird. Benutzt, um zu verhindern, dass eine starke und einige Architektenschaft zu viel Mitsprache einfordert: Teile und herrsche. Diese Rechnung wäre ja schon ganz gut aufgegangen.
Und wenn es nicht so ist? Wenn dies tatsächlich eine „Kampfansage an eine soziale und ökologische Stadtpolitik“ ist, wo könnte man dann noch nach Gründen suchen? Vielleicht in der wohl doch tief verankerten Skepsis der SPD vor zu viel linkem Gedankengut, in der Ablehnung der bisher von der Linken verantworteten Baupolitik? Weil Proteste wie die gegen den windigen Investor Benko das Geschäft, auch das politische, stören? Dann wäre die Berufung Kahlfeldts ein Signal an die Koalitionspartner, um sich deutlich von den baupolitische Positionen der Linken und der Grünen zu distanzieren. Dann wäre die Berufung auch eine Reaktion auf die Befürchtungen, es könnten Investoren tatsächlich das Vertrauen in die Berliner Politik verlieren. Vielleicht im Glauben daran, dass die Person Kahlfeldt wegen ihrer architektonischen Vorlieben Vertrauen in jene Investoren schafft, die glauben, mit dem Repertoire, für das sie steht, gut vermarktbare Wohnungen, Bauten und Anlagen zu schaffen? Weil man glaubt, allein "Bauen, bauen, bauen" helfe und man müsse dafür die private Wohnungswirtschaft hofieren? Nicht unwahrscheinlich. Der Berliner SPD gilt das Hamburger Bündnis als Blaupause für eine erfolgreiche Wohnungsbaupolitik. Dort werden aber nur ein Drittel der Wohnungen in Neubauten als öffentlich gefördert, der Mietspiegel verzeichnet zuletzt den höchsten Anstieg seit 20 Jahren. In Hamburg wird das Programm dennoch recht selbstbewusst und politisch einträglich als Erfolg verkauft. In Berlin scheint man sich sagen: Das reicht doch. Nein, es wird nicht reichen. Es ist zu wenig, um Konflikte, wie sie sich im Ergebnis zur Enteignung der Deutsche Wohnen niedergeschlagen haben, zu entschärfen. Es ist vor allem dann zu wenig, wenn man gleichzeitig dem Klimawandel begegnen will. Das hat allerdings nicht nur die Berliner SPD noch nicht verstanden.