Das Büro BIG hat Erfahrung mit Kulturbauten, die für den Wettbewerb qualifizieren. Links: Prag, Philharmonie; Entwurf von BIG, 2021; rechts: Musée Atelier Audemars Piguet, Le Brassus, Schweiz, 2020 (Copyright: BIG)
Das Büro BIG hat Erfahrung mit Kulturbauten, die für den Wettbewerb qualifizieren. Links: Prag, Philharmonie; Entwurf von BIG, 2021; rechts: Musée Atelier Audemars Piguet, Le Brassus, Schweiz, 2020 (Copyright: BIG)
Aufs Dach steigen
BIG hat ganz offensichtlich die meisten Erwartungen der Auslober und der Stadt Hamburg erfüllt. Schließlich hatten sich Kultursenator Carsten Brosda und der geschäftsführende Stiftungsrat der Kühne Stiftung Jörg Dräger schon vor der Ausschreibung des Verfahrens ein begehbares, in einen Park eingebundenes Opernhaus gewünscht, das gleichzeitig markant und zurückhaltend sein sollte. Wie letzteres umgesetzt werden kann, muss angesichts des BIG-Entwurfs weiter offenbleiben. Denn ein unscheinbares Gebäude hat BIG nicht entworfen; und auch wenn man ihm aufs Dach steigen kann und es dadurch bezwingbar erscheint, bleibt es eine Landmarke. Damit setzte sich BIG auch deutlich von seinen Mitbewerbern ab, die die Dächer ihrer Gebäude zwar irgendwie dem Publikum geöffnet haben, aber nicht so konsequent wie BIG. Selbst Snøhetta, die nach ihrem – durch sein begehbares Dach richtungweisendes – Opernhaus in Oslo als Favoriten gehandelt worden waren, hatten bei ihrem Vorschlag für Hamburg der Signifikanz den Vorzug gegeben. BIG schafft eine Einbettung, nutzt dabei aber durchaus Architekturkonzepte beziehungsweise -formen, die aus anderen Entwürfen bekannt sind, beispielsweise der Philharmonie in Prag. Nur sind die Gebäudekonturen dieses Mal abgerundet.
In der Grundkonzeption sind sich beide Entwürfe aber so ähnlich, dass man die Designverwandtschaft deutlich sieht und vordergründig den individuellen Ausdruck des Hamburger Entwurfs vermissen kann. Der BIG-Büroformenkanon ist an dem Gebäude prägnant zu erkennen. Im Detail unterscheiden sich die beide Ansätze. Sie sind jeweils an den örtlichen Bedingungen orientiert, und auch die auf den Dächern angelegten Landschaften tragen ein lokales Kolorit. Im Detail wird ikonische Architektur aber in der Regel nicht betrachtet. Es zählt die oberflächliche, ikonische Wahrnehmung, der erste Eindruck. Auf dieser Ebene der flüchtigen Bilder ist die Einzigartigkeit des Entwurfes also nicht gegeben. Einzigartig sollte der Entwurf in der Vorstellung von Kultursenator Carsten Brosda und Stiftungsrat Jörg Dräger sowie des Mäzens aber doch schon sein.
Fußgängerperspektive am Baakenhöft, Visualisierung (Copyright: BIG)
Fußgängerperspektive am Baakenhöft, Visualisierung (Copyright: BIG)
Alle Kritiken widerlegt?
Eine für den Opernbau innovative Architektur war durch die engen Vorgaben der theaterfachlichen Vorplanung und dem engen Kostenrahmen ohnehin nicht zu erwarten. Die beteiligten Architekturbüros hatten im Vorfeld schon entsprechende Erwartungen gedämpft. Entsprechend ist die „Opern-Maschine“, wie Carsten Brosda das Herzstück der neuen Oper gerne bezeichnet, in allen fünf Entwürfen annähernd gleich ausgestaltet worden. Das Publikum sitzt in allen Fällen mit dem Rücken zum Wasser und schaut auf eine Guckkastenbühne, die anders als im alten Haus nicht nur eine Hinterbühne, sondern auch Seitenbühnen hat. Dahinter sind die Probenräume und die Werkstätten angelegt. Variationen gab es lediglich in der Art, in der diese „Maschine“ eingehüllt wird. Auch das war erwartet worden. Der Entwurf für die neue Oper ist bestimmt. Er soll jetzt zwei Jahre auf seine vor allem finanzielle Realisierbarkeit geprüft werden.
BIG, Visualisierung des Aufführungssaals in der Hamburger Oper, für die übrigens keine Drehbühne vorgesehen zu sein scheint (Copyright: BIG)
BIG, Visualisierung des Aufführungssaals in der Hamburger Oper, für die übrigens keine Drehbühne vorgesehen zu sein scheint (Copyright: BIG)
Verzicht auf kreative Vielfalt
Matthias Alexander kommentierte in der FAZ. Der Kulturjournalist Peter Richter verwies Ende Oktober in der Süddeutschen Zeitung in einer ersten Bilanz der Opernplanungen in Hamburg darauf, dass den schrumpfenden Besucherzahlen von Opern entgegenzuwirken sei. Kultursenator Carsten Brosda und Opernintendant Tobis Kratzer setzen in den Entwurf der neuen Oper große Hoffnungen, auch um dem elitären Nimbus der Kunstform Oper entgegenzutreten. Eine hybride Nutzung des Grundstücks lehnt Kultursenator Brosda aber kategorisch ab und verzichtet dabei lieber auf synergetische Effekte, die eine Nutzungsmischung auf dem Bauplatz oder in seiner Nähe ergeben könnte.
Erweiterung der Hamburger Kunsthalle; Projekt des Büros Snøhetta (Bild: https://www.snohetta.com/projects/hamburger-kunsthalle-extension; Foto: Proloog)
Erweiterung der Hamburger Kunsthalle; Projekt des Büros Snøhetta (Bild: https://www.snohetta.com/projects/hamburger-kunsthalle-extension; Foto: Proloog)
Ein öffentlicher Park ist bekanntlich kein Bienenkorb, schon gar nicht im Winter. Ein Café soll wie im Moesgaard Museum bei Aarhus (2014 von Henning Larsen Tegenstue) als Mittlerzone zwischen Innen und Außen fungieren. Ob die Oper aber aus neugierigen Parkbesucherinnen und Parkbesuchern Laufkundschaft generieren kann, ist mehr als fraglich. Auch in diesem Fall ist ihre Kunstform anders geartet als die der Musik; ein Opernhaus unterscheidet sich von einer Philharmonie wie der "Elphi", die ihr Musikprogramm sehr breit aufstellt, um möglichst viele Menschen anzusprechen – und damit Erfolg hat. Im Umfeld der Elbphilharmonie ist es mit Gastronomie, die vor oder nach dem Konzert frequentiert werden kann, nicht sehr üppig bestellt. Wenigstens dies sollte in der neuen Oper anders sein. Wahrscheinlich müssten aber noch weitere alltägliche Nutzungskombinationen möglich sein, die die Attraktivität des Ortes steigern.
Hochschulen und Universitäten sind Kreativwerkstätten
Solche gesellschaftlichen Expertisen nicht in die Planungen am Baakenhöft einzubinden, ist fahrlässig. Schließlich kann die zukünftige Akzeptanz eines Gebäudes wie das einer neuen Oper mit der Geschichte des bürgerschaftlichen Engagements für diese Kunstform in Hamburg und ihre Erneuerung in der Stadtgesellschaft nur gelingen, wenn diese in den Planungsprozess auch wirklich eingebunden ist. Kulturprojekte haben in Frankfurt am Main, Kassel, Lübeck oder Erlangen mit effektiven partizipativen Planungsprozessen gute und konstruktive Erfahrungen gemacht, bei denen sich die Menschen ernstgenommen fühlen. In Hamburg darf ein einzelner Mäzen diesen Prozess weitgehend dominieren, nur weil er das Geld dafür gibt.
Mittlerweile fordert eine Gruppe von Wissenschaftler:innen Hamburger und auswärtiger Universitäten – darunter Lisa Kosok und Frank Schmitz von der Hamburgischen Bürgerschaft – ein Moratorium der Planung. Eine notwendige Phase Null der Planung habe es nicht gegeben, die sollte nachgeholt und dabei weiter offene wesentliche Fragen des Bedarfes an einem neuen Gebäude, der technischen Erfordernisse moderner Musiktheater, der Nachhaltigkeit, der Stadtentwicklung und der Erinnerungspolitik geklärt werden. Bekanntlich weigert sich Klaus Michael Kühne, die Vergangenheit seines Unternehmens in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich aufzuarbeiten. Die Geschichte des Baakenhafens im deutschen Kolonialismus bedarf ebenfalls der Aufklärung sowie eines Gedenkortes, der auf dem Baakenhöft auch seinen Platz finden könnte. Diesem Ansinnen hat der Kultursenator aber schon eine Absage erteilt.
Mit der Stadtgesellschaft oder gegen sie?
Hamburgs Baakenhöft; trübes Licht im November (Copyright: Olaf Bartels)
Hamburgs Baakenhöft; trübes Licht im November (Copyright: Olaf Bartels)