Ein Buch über »Unfertige Häuser« – und eine Rezension dazu, welche die Betrachtungen über das Wohnen und Hausen in alten und neuen Häusern betrifft und mit einigen persönlichen Erfahrungen des Rezensenten endet.
Mehrzweckhalle in Ingerkingen (Bild: Patrick Schneider © Atelier Kaiser Shen)
Mehrzweckhalle in Ingerkingen (Bild: Patrick Schneider © Atelier Kaiser Shen)
Florian Kaiser, Guobin Shen (Hrsg.): Unfertige Häuser 未完的建築«. 128 Seiten, 14 × 20 cm, 19,80 €. Edition Axel Menges, ISBN 978-3-86905-031-7
Florian Kaiser, Guobin Shen (Hrsg.): Unfertige Häuser 未完的建築«. 128 Seiten, 14 × 20 cm, 19,80 €. Edition Axel Menges, ISBN 978-3-86905-031-7
Allerdings zeigt schon der Weg durch eine beliebige neue Wohnstraße, dass sich fast immer die Bauherrschaften durchgesetzt haben oder ein architekturferner Planvorlagebrechtiger vulgo eine Massivbaufirma den populären Vorstellungen des Publikums gefolgt ist – bisweilen über die Studie einer Marketinganalyse. Die beiden Autoren suchen dagegen geradezu demütig danach, „welcher Spielraum [...] den Nutzer*innen überlassen“ bleibt. Sie vertrauen auf eine „starke Raumidee“, die durch „geringe Veränderungen“ nicht zerstört wird.
Wohnskulptur 02t (Bild: Patrick Schneider © Atelier Kaiser Shen); Ausstellung in der architekturgalerie am weißenhof bis zum 3. Oktober 2022
Wohnskulptur 02t (Bild: Patrick Schneider © Atelier Kaiser Shen); Ausstellung in der architekturgalerie am weißenhof bis zum 3. Oktober 2022
Nun gut. Als älterer Kollege darf ich Bedenken zu diesem Konzept äußern, gestützt auf die persönlichen Erfahrungen mit meiner Familie, gesammelt in mehreren Wohnungen beziehungsweise Häusern. Darunter waren Grundrisse mit elend langen Treppenfluren, wir wohnten auf einer oder vier Ebenen, schliefen auf Emporen hinter Bücherregalen oder in Arbeitszimmern, hatten den Essplatz in der Diele, in der Küche und im Schlafzimmer vor einem Efeu-berankten Raumteiler, es gab ein Bad oder drei Nasszellen, große oder kleine Kinderzimmer, Durchgangszimmer, herrschaftliche Salons und enge Kammern. Jede Behausung war ein Original, hatte Charakter, war ein Abenteuer, das man aushalten musste. Es stimmt: Die Wohnungen waren für uns „unfertig“, aber ihr störrischer Zuschnitt regte an und forderte heraus. Alle taugten schließlich. Nichts schlimmer als Räume ohne Eigenschaften. Legebatterien, die die Bewohner selbst vollräumen müssen, damit man ihre Bestimmung erkennt.
Otto Steidle (1943-2004) hatte mir einst in einem Gespräch auf die Frage, warum er keine Einfamilienhäuser baue, geantwortet: "weil ich nicht am Samstag mit der Gattin des Hauses Badezimmer-Fliesen aussuchen will". Kann ich gut verstehen. Mitbestimmung und Partizipation haben beim Bauen ihre Grenzen. Da bin ich furzautoritär. Der Bauherr geht zum Arzt und in die Autowerkstatt und hofft ergeben auf einen guten Rat. Nur beim eigenen Haus will er alles besser können. So erwarte ich von einem Architekten ein fertiges Haus, das mich mit Räumen, Dimensionen, Wegen, Materialien und Details konfrontiert, die ich mir nie vorgestellt hätte. Und wenn ich alles genossen habe und richtig zuhause bin, ziehe ich weiter und freue mich auf die nächste Erfahrung. Unfertig bin ich selber.
Die Ausstellung in der architekturgalerie am weißenhof ist bis zum 3. Oktober 2022 zu sehen.