Dogmen in Frage stellen, nach neuen Wege suchen, Widersprüche herausfordern, die Neugier für das Unbekannte bewahren: Drei Bücher zeigen, warum dies alles so wichtig ist.
Christoph Thun-Hohenstein, Hermann Czech und Sebastian Hackenschmidt (Hg.): Josef Frank – Against Design Das anti-formalistische Werk des Architekten. 368 Seiten, 590 Abbildungen, 54 Euro Birkhäuser, Basel, 2021
Christoph Thun-Hohenstein, Hermann Czech und Sebastian Hackenschmidt (Hg.): Josef Frank – Against Design Das anti-formalistische Werk des Architekten. 368 Seiten, 590 Abbildungen, 54 Euro Birkhäuser, Basel, 2021
Das opulent ausgestattete Buch bietet einen profunden Überblick über die wichtigen Stationen und Arbeiten Franks – und das sind einige. Als Architekt, Stadtplaner, Möbel- und Stoffdesigner war Frank unermüdlich kreativ. Mit einer profunden Bildung und beachtlichem historischen Wissen ausgestattet, war Franks Gestaltungswillen bis zu seinem Tod 1967 ungebrochen. Seine Bedeutung für das schwedische Design, seine Planung für eine Siedlungsentwicklung von unten, sein Verständnis der Verbindung von Haus und Garten, seine Rezeption von Zeitgenossen und der Kritik – all das wird im zweisprachigen Band in vielen Aufsätzen beachtet und untersucht. Frank hatte wohl auch seine Freude daran, wider den Stachel zu löcken, die Ausstattung mit Sofas, Kissen, Diwanen, gemusterten Teppichen und mit floralen Mustern bedruckten Vorhängen im Doppelhaus der Weißenhofsiedlung wurde von der avantgardistischen Architektenschaft als „aufreizend konservativ“ empfunden, wie Iris Meder beschreibt. Und doch ging es Frank nie darum, einen unverwechselbaren Stil oder eine sich in den Vordergrund spielende Gestaltung zu entwickeln, sie sollte im Gegenteil immer Hintergrund bleiben: bei ihm „standen weniger herausragende formale Qualitäten als vielmehr solche des sozialen Erlebens im Vordergrund“, so Herrmann Czech und Sebastian Hackenschmidt im einführenden Text. Frank widerstrebte eine Haltung, die vorwegnahm, was sich in der Zeit erst entwicklen konnte, er „wollte keineswegs, dass sich Entstehungs und Verfallsprozess abbilde oder dass der Architekt einen ästhetischen Ausdruck des Nutzers simuliere“, so Czech und Hackenschmidt.
Nicht nur darin lassen sich Anregungen finden, Franks Werk auch 55 Jahre nach seinem Tod genauer in Augenschein zu nehmen. Mit Adolf Loos, Margarehte Lihotzky und Otto Neurath entwickelte er „interdisziplinäre Projekte zur Selbstorganisation, zur Selbstertüchtigung und -ermächtigung breiter Bevölkerungsschichten“ (Otto Kapfinger) für eine „Stadt von unten“, die aktuell geblieben sind. Dass „nach seinen Vorstellungen das Haus mit der Übergabe an Auftraggeber und Auftraggeberinnen in eine permanente Veränderung mit wachsender Einbindung in die Vegetation entlassen“ wurde (Iris Meder), ist angesichts der Notwendigkeit, Städte für den Klimawandel zu ertüchtigen, eine bedenkenswerte Maxime. Und seine Aussagen schließlich, alles könne benutzt werden und „alle Elemente, egal woher genommen, können Gegenstände neuer Zusammenhänge werden“ lesen sich schließlich wie aus einem Manifest zur Kreislaufwirtschaft entnommen.
Michael Hirschbichler: Mythische Konstruktionen. Kult- und Geisterhäuser Papua-Neuguineas. 448 Seiten mit 69 Zeichnungen und 73 Abbildungen, 58 Euro Wasmuth & Zohlen Verlag, Berlin, 2021
Michael Hirschbichler: Mythische Konstruktionen. Kult- und Geisterhäuser Papua-Neuguineas. 448 Seiten mit 69 Zeichnungen und 73 Abbildungen, 58 Euro Wasmuth & Zohlen Verlag, Berlin, 2021
Landschaft, Zeichen-Kosmos, soziale Gefüge und rituelle Räume sind die vier großen Teile des Buches, die in eine Welt entführen, die es nicht mehr gibt. Es ist also gleichzeitig eine architektonisch-ethnografische wie ein geschichtliche Arbeit, auch wenn die zeitlichen Entwicklungen und Veränderungen des Forschungsgegenstands selbst schwer nachvollziehbar sind. Dennoch muss unterstellt werden, dass Riten und Praktiken, dass die Kult- und Geisterhäuser keine ungeschichtliche, unveränderliche Konstante waren, die erst durch den Einbruch von Kolonialismus, Moderne und Globalisierung gestört wurde: Sie waren selbst, wie es Hirschbichler nennt, Transformatoren.
Noch 2000 sind 840 unterschiedliche Sprachen in Papa-Neugiuna erfasst. Das Buch gibt einen Einblick in diese Vielfalt, selbstverständlich ohne sich ihr erschöpfend widmen zu können. Hirschbichler konzentriert sich auf die Teile des Landes, zu denen Material zugänglich wurde und die untereinander soviele Gemeinsamkeiten aufweisen, dass eine zusammenhängende Darstellung möglich ist, ohne zu oberflächlich zu bleiben. Einen gewichtigen Teil dieses Materials konnte Hirschbichler in der Zeit sammeln und ordnen, in der er in Lae an der dortigen Architekturfakultät arbeitete. Den Vorwurf der Oberflächlichkeit kann man Hirschbichler bestimmt nicht machen. Aber auch nicht den derzeit ebenso naheliegenden, dass der die Analyse bestimmenden Blick nicht selbst Teil der Analyse sei: Hirschbichler weiß, dass seine Arbeit eine westliche Konstruktion voraussetzt, die es ihm unmöglich macht, zu verstehen, was die untersuchten Häuser für die, die sie genutzt hatten, tatsächlich bedeuteten. Seine Arbeit transformiert die Häuser selbst, um sie erforschen zu können. Dennoch ist die Arbeit wichtig: Sie ist auch Teil einer respektvollen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte (Teile des Archipels waren zeitweilig deutsche Kolonie) und des demütigen Wissens um die Grenzen dessen, was Forschung leisten kann. Gleichzeitig hilft eine Arbeit wie diese, zumal wenn sie so hervorragend aufbereitet und gestalterisch angemessen und ansprechend publiziert ist, jede Form von vermeintlicher Überlegenheit zu relativieren.
Sandra Meireis: Mikro-Utopien der Architektur. Das utopische Moment architektonischer Minimaltechniken. 330 Seiten, 32 schwarz-weiße Abbildungen, 33 Euro (Print, Open Access Transcript Verlag, Bielefeld, 2020
Sandra Meireis: Mikro-Utopien der Architektur. Das utopische Moment architektonischer Minimaltechniken. 330 Seiten, 32 schwarz-weiße Abbildungen, 33 Euro (Print, Open Access Transcript Verlag, Bielefeld, 2020
Aufschlussreich und lesenswert ist das nicht nur, weil damit einer »Stadtentwicklung von unten« ein Fundament gegeben wird, das sie über den Protest hebt und ihnen als eine konstruktive Arbeit am Gesellschaftlichen einen Wert gibt, der sich aus den sozialen Anliegen, den politischen Prozessen und ihrer Ästhetik ergibt.
Architektur wird dabei in mehrfacher Hinsicht als eine Form kritischen Potenzials verstanden. Sie erlaubt es, gleichzeitig Defizite und Alternativen zu formulieren, ohne behaupten zu müssen, diese schon als eine schon endgültige Praxis einfordern zu müssen. Mikro-Utopien versprechen keine technische Problemlösung, sondern sind eine Form, die politische Aushandlung einzufordern und sie zu praktizieren. Dabei wird der Wert des Politischen auch darin gesehen, von vorherrschenden Praktiken abweichende Positionen als demokratische Qualität zu sehen, die gerade besteht, diese Abweichungen sichtbar und verhandelbar machen. So eröffnen die Mikro-Utopien Ausblicke auf eine wünschenswerte Zukunft, ohne das zu Befürchtende zu ignorieren.
Die angenehm übersichtliche Länge des Buchs ist durch eine enorme Informationsdichte erkauft, die in manchen Fällen eine hohe Kenntnis voraussetzt, aber dafür eben auch den Lesenden mit vielen neuen Erkenntnissen und Einsichten belohnt, die sich gerade auch deshalb als anregend erweisen, als es sich seit Erscheinen des Buchs zunehmend als drängend erwiesen hat, andere Formen des Zusammenlebens zu erproben und zu ermöglichen.