Wiedergelesen – Günther Moewes: »Weder Hütten noch Paläste« und Otl Aicher: »Die Welt als Entwurf«
Wenn Bücher nicht an Aktualität eingebüßt haben, kann das tröstlich sein. Es kann heißen, dass manche Dinge richtig bleiben, auch wenn sich sonst viel ändert. Manchmal ist es aber gerade umgekehrt: dann ist es erschreckend, dass sich so wenig geändert hat. So ist es bei den beiden Bücher, um die es hier geht. Einen Trost gibt es aber dennoch.
Günther Moewes: Weder Hütten noch Paläste. Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft. Eine Streitschrift. 264 Seiten, 20 Euro Nomen Verlag, Frankfurt am Main, 1995 / 2021
Günther Moewes: Weder Hütten noch Paläste. Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft. Eine Streitschrift. 264 Seiten, 20 Euro Nomen Verlag, Frankfurt am Main, 1995 / 2021
Schon hier zeigt sich, was die besondere Qualität des Buches ausmacht. Da ist zum einen der pointierte, direkte, hin und wieder polemisierende Stil. Zum anderen wird die Frage der Architektur und des Städtebaus nicht als abgelöst von Wirtschaftssystem behandelt, sondern als eine von ihm abhängige Entwicklung verstanden. Und so kommt Moewes auch früh auf die Problematik eines Wirtschaftens zu sprechen, das den Wachstum als zentrale Prämisse gesetzt hat. Zuvor führt er den Begriff der Entropie ein – ein »Maß für den Anteil zerstreuter, nie wieder nutzbarer Energie« (S. 17) und reflektiert den Zusammenhang zwischen Bauen und Energieverbrauch.
Gilt Moewes als Fingerzeig für eine Architektur der Zukunft: Produktionsgebäude der Firma Wilkhahn in Bad Münder, 1993 (Thomas Herzog mit Bernd Steigerwald). Die Fassade ist zwar nicht aus wiederverwendeten, wiederaufbereiteten Teilen, »ihre additive Ästhetik ließe sich jedoch durchaus mit gebrauchten Teilen verwirklichen. (...) Die Verwendung gebrauchter Teile ist aber Zukunftsmusik, solange es keine firmenübergreifende Standardisierung gibt.« (Bild: Christian Holl)
Gilt Moewes als Fingerzeig für eine Architektur der Zukunft: Produktionsgebäude der Firma Wilkhahn in Bad Münder, 1993 (Thomas Herzog mit Bernd Steigerwald). Die Fassade ist zwar nicht aus wiederverwendeten, wiederaufbereiteten Teilen, »ihre additive Ästhetik ließe sich jedoch durchaus mit gebrauchten Teilen verwirklichen. (...) Die Verwendung gebrauchter Teile ist aber Zukunftsmusik, solange es keine firmenübergreifende Standardisierung gibt.« (Bild: Christian Holl)
Otl Aicher: Die Welt als Entwurf. Mit einer Einführung von Wolfgang Jean Stock. 194 Seiten, 24,90 Euro Verlag Ernst und Sohn, Berlin 1991/ 2015
Otl Aicher: Die Welt als Entwurf. Mit einer Einführung von Wolfgang Jean Stock. 194 Seiten, 24,90 Euro Verlag Ernst und Sohn, Berlin 1991/ 2015
»jede sachliche darstellung des autos, des autoverkehrs, und seiner Folgen würde einer verteufelung gleichkommen.« (S. 32; Bild: pxhere)
»jede sachliche darstellung des autos, des autoverkehrs, und seiner Folgen würde einer verteufelung gleichkommen.« (S. 32; Bild: pxhere)
Seine Analyse geht insofern tiefer, als sie die philosophische Basis einbezieht, die nach dem großen Ganzen gesucht hat, die die Sehnsucht nach einer überwölbende Wahrheit entstehen ließ – mit Folgen: »man hat nach der entdeckung der übergeschichte und ihren verschiedenen architekturen nach dem überstaat gerufen, nach dem übermenschen, nach der überrasse. wir haben das alles bekommen uns gesehen wohin das besondere große führt.« (S. 106) Dem Zustand als Zielhorizont des Denken und Handelns setzt er die Qualität des Schöpferischen – des Entwerfens – entgegen: »man hat in der philosophie, im verstehen der welt immer wieder die große einheit, das sein gesucht. aber die welt aus einheiten ist eine monumentale welt, sie ist gefroren zu einem einzigen zustand. erst mit der verflechtung, mit der auflösung von einheiten, auch durch den tod, wird die welt kreativ, schöpferisch.« (S.186) Konsequent leitet Aicher daraus ab: »das ziel der politik kann nur die entfaltung des individuums sein, und zwar die entfaltung jedes individuums, auch des kleinsten und vergessensten.« (S. 113).
Die Hoffnung spendende These Aichers ist, dass es bei dieser Entfaltung nicht auf eine künstlerische oder sonstwie herausragende Produktion von Ergebnissen ankommt – ganz im Gegenteil. Er ermutigt uns, wieder selbst etwas zu machen, zu singen, zu schreinern, zu gärtnern, Spielzeug zu basteln – oder zu kochen. In dieser Kultur gebe es keinen Professor, keinen Doktor, keinen Ordensträger, »die großmutter ist keine geringere autorität als der gourmetpabst aus lyon.« Es gibt nicht die eine Wahrheit, »die wahrheit des essens kommt aus der küche, das heißt, sie kommt aus dem vollzug, aus dem tun aus dem machen, aus dem gebrauch, so wie das künftige individuum aus dem entschluss kommt, das eigene leben zu leben, was zunächst einmal heißt, nicht das leben der anderen. das andere ist indessen keine häresie. es kann so legitim sein wie das eigene.« (S. 193) Im April 2022 klingt das nach Utopie. Aber es ist eine, die uns nicht ohnmächtig zurücklässt.