In den vielen »Afrikavierteln« der Bundesrepublik sind Straßen nach Persönlichkeiten benannt, die als Arfrikaforscher gelten sollten, aber Rassisten und Völkermörder waren. Carl Peters (1856-1918) wurde schon von seinen Zeitgenossen »Hänge-Peters« genannt. In diesem Schild tritt eine zynische und verlogene Umdeutung in Erscheinung: Man suchte einfach nach einem Karl Peters, der einen besseren Ruf hat. (Bild: Ursula Baus)
In den vielen »Afrikavierteln« der Bundesrepublik sind Straßen nach Persönlichkeiten benannt, die als Arfrikaforscher gelten sollten, aber Rassisten und Völkermörder waren. Carl Peters (1856-1918) wurde schon von seinen Zeitgenossen »Hänge-Peters« genannt. In diesem Schild tritt eine zynische und verlogene Umdeutung in Erscheinung: Man suchte einfach nach einem Karl Peters, der einen besseren Ruf hat. (Bild: Ursula Baus)
Name, Kontext, Wissen
Es soll hier nicht in Frage gestellt werden, dass es durchaus interessant sein könnte, etwa folgender Behauptung nachzugehen: »Olof Palme. Soll Antizionismus zum Leitmotiv schwedischer Nahostpolitik gemacht haben.« (3), obwohl die Formulierung für den Anfangsverdacht einer so ehrabschneidenden Einordnung doch etwas schwach begründet erscheint.
Was den Verfasser dieses Beitrags aber vor allem umtreibt, ist der Zweck, dem die Liste dienen soll, nämlich: Straßenumbenennungen in großem Stil vorzubereiten. Niemand bezweifelt den Antisemitismus Wagners, aber ist die logische Konsequenz dieses historischen Befundes, dass auch an den von ihm erdachten Schwanenritter Lohengrin kein Straßenschild in Marzahn-Hellersdorf mehr erinnern darf (ebd. S. 75)?
Tücken des Erinnerns
Natürlich halten die Befürworter solcher Reinigungsaktionen das für böswillige Verdrehungen ihrer ohne Zweifel edlen Absichten. Aber das schützt sie nicht vor der Frage, ob der gewählte Weg denn ihren Zwecken wirklich dient, und selbst dann, ob der Zweck die Mittel heiligt? Es entsteht vielmehr der Eindruck, das Wichtigste sei nun, die »Vogelschisse« der deutschen Geschichte endlich rückstandsfrei vom Revers zu entfernen, um »nicht nur sauber, sondern rein« zu werden, wie einst Clementine ein von ihr beworbenes Waschmittel Ariel anpries. Nicht ohne Grund wurden die entlastenden Bescheinigungen der Spruchkammerverfahren im Volksmund als »Persilscheine« bezeichnet, was darauf hinwies, dass die Weste eben erst nach intensiven Bemühungen wieder scheinbar weiß geworden war.
Dieser Wunsch nach ideologischem Hausputz ist natürlich nachvollziehbar. Matthias Jung bemerkte in Psychologie heute unter der gleichlautenden Überschrift: »Der Begriff der ‘Reinheit‘ mitsamt dem zugehörigen Wortfeld zählt zu den wichtigsten Hochwertwörtern unserer Sprache, ruft Vorstellungen eines gelingenden, auch moralisch richtigen Lebens auf den Plan.« (5)
Luther-Denkmal in Eisleben (Bild: Wilfried Dechau)
Luther-Denkmal in Eisleben (Bild: Wilfried Dechau)
Vom »richtigen« Leben
Wiesbaden, Bismarckring; darf er bleiben? (Bild: Meinrad von Engelberg)
Wiesbaden, Bismarckring; darf er bleiben? (Bild: Meinrad von Engelberg)
Wenn man konsequenterweise die Niederlegung der wahrhaft monumentalen Hamburger Statue des Eisernen Kanzlers fordert, ist es doch nur noch ein Schritt zum Vorschlag, dann auch am besten gleich das NS-Parteitagsgelände in Nürnberg oder das Olympiastadion in Berlin zu schleifen. Überzogen? Die Entfernung der ästhetisch und intentional untrennbar verbundenen Rosseführerstatuen Josef Wackerles ist ja als Akt politischer Hygiene bereits aus berufenem Mund gefordert worden. (7)
Aus den Augen, aus dem Sinn
U-Bahn-Station in Berlin – zwischen »Stadtmitte« und »Potsdamer Platz« (Bild: Wikimedia commons)
U-Bahn-Station in Berlin – zwischen »Stadtmitte« und »Potsdamer Platz« (Bild: Wikimedia commons)
Nein, wir brauchen mehr denn je eine Debattenkultur, die auch weitere Felder wie die koloniale Vergangenheit einschließen sollte. Natürlich darf und soll über den potentiellen Antisemitismus zum Beispiel Konrad Adenauers geforscht und gestritten werden. Es steht einer Gesellschaft selbstverständlich frei, den Gebrauch des N-Wortes für die eigene Gegenwart zu unterbinden; aber dass man dann gleich auch das heute völlig ungebräuchliche, einstmals aber wertfrei-objektivierende M-Wort »Mohr« aus allen historischen Kontexten tilgen muss, stellt eine Präpotenz der eigenen Zeit dar, die sich zensierend über alle vorherigen erhebt, und es immer besser weiß. Gerade das Einebnen von historischen Bedeutungsverschiebungen – das Wort Weib wäre heute als Anrede eine Beleidigung, war zu Luthers Zeiten aber der legitime Ehrentitel einer Ehefrau – durch das nachträgliche Umschreiben älterer Text ist deutlich näher an Orwell, als es den Befürwortern lieb sein kann und vermutlich auch bewusst ist.
In meiner Heimatstadt gibt es eine seit Jahrzehnten unter einem entsprechenden grafischen Signet firmierende »Mohren-Apotheke«. Vermutlich wird bald jemand empört die Forderung nach ihrer sofortigen Umbenennung stellen. Die Kosten dafür muss dann eben der unbelehrbare Inhaber tragen. Er ist übrigens gebürtiger Afrikaner.
»Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan?« Mohren Apotheke Wiesbaden, facebook-Präsenz (Bild: Mohren Apotheke)
»Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan?« Mohren Apotheke Wiesbaden, facebook-Präsenz (Bild: Mohren Apotheke)
Das ist es mir wert
- 1 (1) Senatsverwaltung für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (Hrsg.): Felix Sassmannshausen: Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin. Berlin 2021 (https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/rechtsextremismus-rassismus-antisemitismus/ansprechpartner-fuer-antisemitismus/dossier_strassennamen-barrierefrei.pdf) (2)https://www.berlin.de/sen/lads/schwerpunkte/rechtsextremismus-rassismus-antisemitismus/ansprechpartner-fuer-antisemitismus/dossier_strassennamen-barrierefrei.pdf, 06.02.22 (3) Dossier Seite 317 (4) https://www.parlament-berlin.de/ados/18/IIIPlen/vorgang/d18-1754.pdf, 06.02.22 (5) https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/39074-nicht-nur-sauber-sondern-rein.html, 06.02.22 (6) Luthers antijüdische Schmähschrift von 1543, siehe https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10195130?page=5, (7) https://www.zeit.de/2020/21/ns-architektur-propaganda-kunst-olympiagelaende, 06.02.22.