Begriff und Phänomen
Mit der modernen Denkmalschutzgesetzgebung in den frühen 1970er Jahren wurde erstmals, wenn auch noch vereinzelt, die Denkmalwürdigkeit von Bauten und Kunstzeugnissen der Zeit um 1950 diskutiert. Seither sind auch Zeugnisse der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgenommen worden. Um bewegliche Kulturdenkmale der Bau- und Kunstdenkmalpflege soll es im Folgenden ebenso wenig gehen wie um den Wandel in der Bodendenkmalpflege.
Wissenschaftliche Praxis
Beispielhaft stellt sich diese Frage der Denkmalpflege in Baden-Württemberg mit Blick auf das Denkmalschutzgesetz und die Geschichte der Gesetzesgenese in besonderer Weise. Während diverse Denkmalschutzgesetze im Deutschen Kaiserreich eine Altersgrenze für Kulturdenkmale in der einen oder anderen Form formulierten, war allein im Entwurf zum Denkmalschutzgesetz Württembergs von 1914 ein gewisser Spielraum zur Unterschutzstellung von Werken der Gegenwart vorgesehen. Auch das spätere Badische Denkmalschutzgesetz von 1949 verband den Begriff des „Kulturerbes“ nicht zwangsläufig mit Hinterlassenschaften der Vergangenheit. Vielmehr handele es sich um „Gegenstände alten oder neuen Ursprungs“, die „erhalten zu werden verdienen, insofern sie Erkenntnisquellen […] bilden, […] sei es durch künstlerische Gestaltung, meisterliche Ausführung, Eigenart oder Alter […]“ (§2 Abs. 1 Satz 1 BadDSchG).1 Die Badische Gesetzgebung wertete also nicht nur Merkmale wie „künstlerische Gestaltung“ oder „meisterliche Ausführung“, sondern bezog auch den Wert für Wissenschaft und einen spezifischen Erinnerungswert mit ein. Zwar galt die Frage ob der Denkmalbegriff auf Zeugnisse der Gegenwart auszudehnen sei bereits zu dieser Zeit durchaus als umstritten; in Baden jedoch beantwortete der Gesetzgeber deutlich und „im positiven Sinne“.2Nach wie vor ist die juristische Auseinandersetzung mit Zeitgrenzen in den Denkmalschutzgesetzen im Allgemeinen und die Frage der Denkmaleigenschaft für Bauten der jüngsten Vergangenheit im Speziellen ein Thema der Denkmalpflege – als wesentlicher Aspekt der Denkmalkunde. Verstärkt durch den aktuellen Bauboom, den hohen Veränderungsdruck und eine gewisse geringere Halbwertszeit verwendeter Materialien steht die Gesellschaft nun jedoch vor die Aufgabe, den besonders gefährdeten jüngeren Baubestand nach schützenswerten Zeugnissen zu befragen. In den meisten Bundesländern Deutschlands ist die aktuelle Rechtslage aufgrund entsprechender Gegebenheiten gefordert.3
Inventarisation und Schwellenobjekte
1970: Das erste in Baden-Württemberg erfasste Kulturdenkmal der Nachkriegsmoderne: Wohnhaus Schmitz, Biberach an der Riss, 1950 von Hugo Häring gebaut (Foto von 1970)
1970: Das erste in Baden-Württemberg erfasste Kulturdenkmal der Nachkriegsmoderne: Wohnhaus Schmitz, Biberach an der Riss, 1950 von Hugo Häring gebaut (Foto von 1970)
Geschichte der Inventarisation junger Kulturdenkmale
Grafik zur Erfassung junger Kulturdenkmale. Auf der y-Achse farblich differenziert die Baudekaden, auf der x-Achse die Zeiträume der Erfassung der entsprechenden Objekte mit Kulturdenkmaleigenschaft. Die Pfeile markieren den Zeitpunkt der Erfassung der ersten Schwellenobjekte dieser Zeitstellung. (Bild: Jörg Widmaier)
Grafik zur Erfassung junger Kulturdenkmale. Auf der y-Achse farblich differenziert die Baudekaden, auf der x-Achse die Zeiträume der Erfassung der entsprechenden Objekte mit Kulturdenkmaleigenschaft. Die Pfeile markieren den Zeitpunkt der Erfassung der ersten Schwellenobjekte dieser Zeitstellung. (Bild: Jörg Widmaier)
Wie stellt sich also die Erfassungsgeschichte dar? Werden in den 1970er Jahren die ersten Zeugnisse der 1950er Jahre in die Listen genommen, so folgen in den 1980er Jahren einzelne Kulturdenkmale der 1960er Jahre, in den 1990er Jahren dann jene der 1970er Jahre und so weiter. Diese Fälle stellen jedoch nur den "Erstkontakt" dar und sind als "Schwellenobjekte" noch eher Ausnahme als Regelfall. Regelhaft werden beispielsweise Kulturdenkmale der 1950er Jahre ab den 1980er Jahren, jene der 1960er Jahre ab den 1990er Jahren und jene der 1970er Jahre ab den 2000er Jahren in die Verzeichnisse der Bau- und Kunstdenkmalpflege aufgenommen.
Die Inventarisation seit den 1970er Jahren hat sich natürich nicht ausschließlich mit den Bau- und Kunstzeugnissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigt. Die Erfassung von Kulturdenkmalen ist eine Daueraufgabe, die sich regelhaft im Rahmen von Listenüberprüfungen, nach Maßgabe jüngerer Erkenntnisse oder anlässlich von Baumaßnahmen weiterhin Zeugnissen aller vergangenen, auch älterer Epochen zuwendet.
Roaring Fifties
Ausschlaggebend war die Bedeutung des Architekten und seiner Rolle als Theoretiker des organischen Bauens – beides wurde bereits 1965 in einer Personen- und Werkbiographie gewürdigt. Begründet wurde die Denkmaleigenschaft mit der baugeschichtlichen Rolle der Biberacher Gebäude, als Manifestationen des organischen Bauens und Spätwerk eines bedeutenden Architekten. Es handelt sich um die einzigen nach 1936 verwirklichten Bauten Härings. Bereits in der Denkmalbegründung wurden die zentralen Gedanken Härings zum Thema Wohnen betont, die auch für spätere Architekten handlungsleitend sein sollten.
Tankstelle mit Café, Autohaus und Wartungshallen der Firma Borgward, Freiburg; 1951 nach Entwürfen des Architekten Wilhelm Schelkes gebaut, 1983 als Kulturdenkmal anerkannt. (Bild: RPS-LAD, Hausner, 2011)
Tankstelle mit Café, Autohaus und Wartungshallen der Firma Borgward, Freiburg; 1951 nach Entwürfen des Architekten Wilhelm Schelkes gebaut, 1983 als Kulturdenkmal anerkannt. (Bild: RPS-LAD, Hausner, 2011)
Seit den 1980er Jahren wurden die Bauten der 1950er Jahre als Kulturdenkmale salonfähig und standen damit regelmäßig im Fokus der Denkmalpfleger – eine Entwicklung, die sich auch bundesweit feststellen lässt.6 In Baden-Württemberg nutzte man amtlicherseits die 1987 vollzogene Eintragung der Stuttgarter Liederhalle in das Denkmalbuch (Abb. 4) für eine Aufarbeitung zeitgleicher Bauten und stellte die Architektur der frühen Nachkriegsmoderne in einem Artikel des Nachrichtenblattes erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vor. Im Zuge der flächendeckenden Listenerfassung fanden nun auch Bauten der 1950er Jahre regulär eine Aufnahme, wie beispielsweise die Freiburger Tankstelle der Firma Borgward mit Café, Autohaus und Wartungshallen von 1951, der Stuttgarter Fernsehturm von 1954-56 oder der Überlinger Kursaal von 1954.
Brutalismus – die 1960er Jahre
Haus Domnick in Nürtingen. Das Wohn- und Galeriegebäude wurde 1967 nach Plänen von Paul Stohrer, 1967. gebaut. 1982 wurden Haus und Sammlung als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch eingetragen. (Bild: JSammlung Domnick, 2017)
Haus Domnick in Nürtingen. Das Wohn- und Galeriegebäude wurde 1967 nach Plänen von Paul Stohrer, 1967. gebaut. 1982 wurden Haus und Sammlung als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung in das Denkmalbuch eingetragen. (Bild: JSammlung Domnick, 2017)
Das Federseemuseum in Bad Buchau, dessen Schwerpunkt die prähistorischen Pfahlbauten sind (Bild: Federseemuseum Bad Buchau)
Das Federseemuseum in Bad Buchau, dessen Schwerpunkt die prähistorischen Pfahlbauten sind (Bild: Federseemuseum Bad Buchau)
Die spektakuläre Multihalle in Mannheim, 1974-75 zur Bundesgartenschau gebaut. Die Gewölbeschale des organisch in eine künstliche Hügellandschaft eingebetteten Hallenbaues wurde im Zuge eines innovativen Übertragungsverfahrens aus einem Hängemodell abgeleitet. Es handelt sich um die größte druckbeanspruchte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt und eine der bedeutendsten Raumschöpfungen Frei Ottos. (Bild: Ursula Baus)
Die spektakuläre Multihalle in Mannheim, 1974-75 zur Bundesgartenschau gebaut. Die Gewölbeschale des organisch in eine künstliche Hügellandschaft eingebetteten Hallenbaues wurde im Zuge eines innovativen Übertragungsverfahrens aus einem Hängemodell abgeleitet. Es handelt sich um die größte druckbeanspruchte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt und eine der bedeutendsten Raumschöpfungen Frei Ottos. (Bild: Ursula Baus)
Das entfesselte Jahrzehnt: die 70er
Regelhafter fanden Gebäude der 1960er und 1970er Jahre im Rahmen verschiedener Pilotprojekte des Landesamts für Denkmalpflege Aufnahme in die Denkmalverzeichnisse.7 2009-2012 befasste man sich für den Regierungsbezirk Stuttgart beispielsweise umfassend und erstmals systematisch mit verdichtetem Wohnungsbau (Abb. 10), 2010-2014 mit Verwaltungsbauten, aber auch mit Schulen und Universitätsbauten. 2017-2018 – nun für das gesamte Land – mit Sakralbauten.
Staatsgalerie Stuttgart, 1984 eröffnet (Bild: Wilfried Dechau, 2019)
Staatsgalerie Stuttgart, 1984 eröffnet (Bild: Wilfried Dechau, 2019)
Postmodern: die 1980er und 1990er Jahre
Staatsgalerie Stuttgart, Foyer (Bild: Wilfried Dechau, 2019)
Staatsgalerie Stuttgart, Foyer (Bild: Wilfried Dechau, 2019)
Stadthaus in Ulm, 1986-93 nach Plänen Richard Meiers gebaut und 2018 als Kulturdenkmal anerkannt. (Bild: RPS-LDA, IGM, 2018)
Stadthaus in Ulm, 1986-93 nach Plänen Richard Meiers gebaut und 2018 als Kulturdenkmal anerkannt. (Bild: RPS-LDA, IGM, 2018)
Wie weiter?
Das ist es mir wert
- 1§2 Abs. 1 Satz 1 BadDSchG
- 2Dimitrij Davydov: Zu nah an die Gegenwart? Die Zeitgrenze als Merkmal des Denkmalbegriffs. In: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalplfege als kulturelle Praxis. Zwischen Wirklichkeit und Anspruch. Hameln 2018, S. 64-68, hier Seite 64
- 3Davydiv, 2018, Seite 67
- 4Volker Osteneck: Über den inventarisatorischen Umgang mit der Architektur nach 1945. Oder: Wie alt müssen Kulturdenkmale sein, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 17/2, 1988, Seite 80-85, hier Seite 80
- 5Zitiert aus der Pressenotiz zur Informationsfahrt des Regierungspräsidiums zu den Wohnhäusern Schmitz in Biberach a.d. Riss, 8.12.1970
- 6Vgl. Kleinschulte & Knipping 2017
- 7Vgl. Meyder 2013
- 8Zitat nach Strobl/Majocco/Birn 1989, S.38 Der vorliegende Beitrag ist eine in Teilen erweitere Fassung des Aufsatzes: „Forever young? Zur Geschichte der Erfassung von jungen Kulturdenkmalen. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 48/1, 2019, S.18-24 Literatur - Andreas Beyer: Wann beginnt Geschichte? In: Marlowes – Magazin für Architektur und Stadt; 1.Mai 2018, https://www.marlowes.de/wann-beginnt-geschichte/ [Abgerufen am 30.08.2019] - Dimitrij Davydov: „Zu nah an die Gegenwart“? Die Zeitgrenze als Merkmal des Denkmalbegriffs. In: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege: Denkmalplfege als kulturelle Praxis. Zwischen Wirklichkeit und Anspruch. Hameln 2018, S. 64-68 - Eberhard Grunsky: Zur „Entdeckung" historistischer Architektur als Problem der Denkmalpflege. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 12/2,1983, S.96-104 - ders.: Zur Denkmalbedeutung der Stuttgarter Liederhalle. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 16/2,1987, S.91-111 - Martin Hahn und Clemens Kieser und Melanie Mertens: Projekt Youngtimer. Denkmalwerte der 1980er Jahre – eine Annäherung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 45/2, 2016, S.82-89 - Stefan Kleineschulte und Detlef Knipping: Deutschland. Ein Überblick zur Denkmalerfassung von Bauten des Brutalismus. In: Oliver Elser und Philip Kurz und Peter Cachola Schmal: SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme, Zürich 2017 - Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Beton, Glas und Büffelleder. Verwalten in Denkmalen der 1960er und 1970er Jahre im Regierungsbezirk Stuttgart, Arbeitsheft 30, Stuttgart 2014 - Simone Meyder: Sichtbeton, Faserzement und Glas. Kulturdenkmale der 1960er und 1970er Jahre. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 42/4, 2013, S.227-232 - Volker Osteneck: Über den inventarisatorischen Umgang mit der Architektur nach 1945. Oder: Wie alt müssen Kulturdenkmale sein. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 17/2, 1988, S.80-85 - Ulrike Plate: Denkmalkunde – eine zentrale Aufgabe für Denkmalschutz und Denkmalpflege. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 38/2, 2009, S.68-74. - Ingrid Scheurmann: Wie jung kann ein Denkmal sein? Zur Auswahl und Bewertung von Bauten der Nachkriegszeit. In: dies.: Konturen und Konjunkturen der Denkmalpflege. Zum Umgang mit baulichen Relikten der Vergangenheit, Köln 2018, S. 94-113. - Heinz Strobl, Ulrich Majocco und Helmut Birn: Denkmalschutzgesetz für Baden-Württemberg. Kommentar mit ergänzenden Rechts- und Verwaltungsvorschriften, Stuttgart 1989 - Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland: Zwischen Scheibe und Wabe. Verwaltungsbauten der Sechzigerjahre als Denkmale, Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege, Bd. 19, Wiesbaden 2012 - Jörg Widmaier: Forever young? Zur Geschichte der Erfassung von jungen Kulturdenkmalen. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 48/1, 2019, S.18-24