Der Innenraum der Hedwigskathedrale während eines mittäglichen, von Musik begleiteteten Gebets (Bild: Ursula Baus, 2017)
Der Innenraum der Hedwigskathedrale während eines mittäglichen, von Musik begleiteteten Gebets (Bild: Ursula Baus, 2017)
Illegaler Abbruch: Zerstörter Bodenbelag der Hedwigskathedrale (Bild: Werner J. Kohl, 6. September 2019)
Illegaler Abbruch: Zerstörter Bodenbelag der Hedwigskathedrale (Bild: Werner J. Kohl, 6. September 2019)
Die gleichermaßen zur hochwertigen künstlerischen Ausstattung des Gesamtkunstwerks gehörenden Bronzegitter des bekannten Metallbildhauers Fritz Kühn und die farbigen Fenster von Anton Wendling waren bereits zuvor teilweise mit Brachialgewalt entfernt worden – angeblich sind Relikte eingelagert. Das Bezirksamt Mitte – grundsätzlich Befürworter des radikalen Umbaus der Kathedrale – musste am 13. September 2019 gegen die "ungenehmigten bzw. denkmalrechtlich nicht abgestimmten Abbrucharbeiten“ notgedrungen einen Baustopp erlassen.
Geschichte und Gegenwart
Die Hedwigskathedrale, Blick zum Untergeschoss, 2005 (Bild: Wikicommons, Arnold Paul)
Die Hedwigskathedrale, Blick zum Untergeschoss, 2005 (Bild: Wikicommons, Arnold Paul)
Blick in das Untergeschoss (Bild: Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin)
Blick in das Untergeschoss (Bild: Wolfgang Bittner, Landesdenkmalamt Berlin)
Altarweihe in der Hedwigskathedrale durch Kardinal Bengsch, 1963 (Bild: Landesdenkmalamt, Berlin)
Altarweihe in der Hedwigskathedrale durch Kardinal Bengsch, 1963 (Bild: Landesdenkmalamt, Berlin)
Die Hedwigskathedrale, zwischen Bebelplatz und Französischer Straße gelegen (Bild: Landesdenkmalamt 2001)
Die Hedwigskathedrale, zwischen Bebelplatz und Französischer Straße gelegen (Bild: Landesdenkmalamt 2001)
Wem gehört die Hedwigskathedrale?
Ohnehin besitzt die Kathedrale einen außerordentlichen künstlerischen Wert, der nicht zuletzt in der Transformation der herkömmlichen friderizianischen Raum- und Bauformen bis hin zur Ornamentik, Belichtung und liturgischen Ausstattung in eine zeitgenössische, aber keineswegs radikale Sprache liegt, die als Fortschreibung von Tradition zurückhaltende Würde und Festlichkeit ausstrahlt: „Nicht nur die herausragende Bedeutung dieser Raumschöpfung für die Geschichte der Baukunst, sondern auch die nationale und internationale Bedeutung dieses Ausnahmebaus begründen ein Erhaltungsinteresse der Allgemeinheit“.3 2014 hatte der damalige Erzbischof Kardinal Woelki einen Realisierungswettbewerb ausgelobt, den die Architekten Sichau & Walter /Zogmayer gewonnen hatten. Mit der jetzt losbrechenden Umsetzung dieses Wettbewerbsergebnisses wird der Reichtum an theologischen, geschichtlichen und künstlerischen Denkmalwerten vorsätzlich komplett vernichtet, da die Bauherren die gebotene Bestandssanierung von vornherein ausschlossen und bestandswahrende Vorschläge im Wettbewerb unverzüglich ausmanövriert wurden.
2014 mit dem ersten Preis ausgezeichnet: Entwurf zur Neufassung der Hedwigskathedrale von Sichau & Walter, Leo Zogmayer. (Bild: diözesanarchiv.de)
2014 mit dem ersten Preis ausgezeichnet: Entwurf zur Neufassung der Hedwigskathedrale von Sichau & Walter, Leo Zogmayer. (Bild: diözesanarchiv.de)
2104 prämierter Entwurf für den Umbau durch Sichau & Walter, Leo Zogmayer (Bild: diözesanarchiv.de)
2104 prämierter Entwurf für den Umbau durch Sichau & Walter, Leo Zogmayer (Bild: diözesanarchiv.de)
Jederzeit mit jeder Zeit gehen?
Den letzten Notanker zur Rettung des Kirchenraumes von Schwippert, die Versagung der denkmalrechtlichen Genehmigung des Abrisses beziehungsweise Umbaus durch den Berliner Landeskonservator vom Oktober 2017, wurde im Februar 2018 vom Kultursenator ausgehebelt.
Die Rolle des Kultursenators
Diese pauschale Ermächtigung würde de facto bedeuten, dass die Kirche mit ihren Baudenkmalen selbst dann machen kann, was sie will, wenn die Begründung der Maßnahmen zur Erfüllung ihrer Bauwünsche zwar »plausibel« ist, letztere aber keineswegs zwingend erscheinen: Denn mehr als ein halbes Jahrhundert ist die Berliner Kathedrale mit großem Zuspruch gottesdienstlich genutzt worden, und nicht nur namhafte katholische Liturgiewissenschaftler wie Albert Gerhards und Andreas Odenthal, sondern auch die zuständige päpstliche Congregation haben in ihren Stellungnahmen 2014 und 2017 bestätigt, dass keine liturgischen Notwendigkeiten für einen rabiaten Umbau der Kathedrale bestehen. Zur juristischen Klärung des Sachverhalts wäre eine Weigerung des Senators, die Rechtmäßigkeit des Abrissersuchens anzuerkennen, hilfreich gewesen. Es wäre dann in einem Musterprozess auszuloten gewesen, wie stichhaltig die ins Feld geführten Gründe sind, zumal das Berliner Denkmalschutzgesetz keine „vorrangige“ Berücksichtigung kirchlicher Belange vorsieht. Unter diesen Umständen wäre in jedem Falle die Brüskierung des damaligen verdienstvollen Berliner Landeskonservators Jörg Haspel und damit der Berliner Denkmalpflege als Institution vermeidbar gewesen. Eine Klage der Inhaber der Urheberrechte gegen die Rechtmäßigkeit der denkmalrechtlichen Genehmigung vor dem Berliner Verwaltungsgericht blieb aus formalen Gründen (fehlende Klageberechtigung) erfolglos, wobei der zuständige Richter bei der Begründung im Januar 2019 einräumte, es handele sich bei der Genehmigung offensichtlich nicht um eine fachliche, sondern um eine politische Entscheidung.
Das außerordentlich transparente Geländer um die Öffnung zum Untergeschoss betont die Zusammengehörigkeit der Etagen. (Bild: Ursula Baus, 2017)
Das außerordentlich transparente Geländer um die Öffnung zum Untergeschoss betont die Zusammengehörigkeit der Etagen. (Bild: Ursula Baus, 2017)
Kirche und Politik
Das ist es mir wert
- 1Freunde der Hedwigskathedrale (https://www.freunde-hedwigskathedrale.de, >>>). Zur Entwicklung des Denkmalskandals vgl. zuletzt zusammenfassend: Adrian von Buttlar: Ein Pyrrhussieg des bischöflichen "Bauwurmbs"? Kirche und Staat wollen den denkmalgeschützten Innenraum der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale schleifen. In: Die Denkmalpflege, Heft 2, 2018, S. 184-186.
- 22016 hat das Erzbistum den Dom von der Gemeinde für 99 Jahre in Erbpacht übernommen.
- 3Denkmalbegründung, Sabine Schulte, LDA Berlin
- 4etwa von ICOMOS, dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz, dem Berliner Landesdenkmalrat und der Akademie der Künste, Links zu den Dokumenten unter https://www.freunde-hedwigskathedrale.de
- 5Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Entscheidung zur Um- und Neugestaltung St. Hedwigs-Kathedrale – Pressemitteilung vom 16.2.2018 | https://www.berlin.de/sen/kulteu/aktuelles/pressemitteilungen /2018/ pressemitteilung.676251.php
- 6Tanja Scheffler: 1747-morgen. Ausstellungsbesprechung in: Bauwelt 31.2015, Seite 4