Paul Schmitthenner ist eine bis heute umstrittene Person. Denn auch seine Leistungen als sehr guter Architekt lassen sich nicht davon trennen, dass er 1933 in die NSDAP eintrat und sich dem NS-Regime andiente. Doch Schmitthenner begann seine Karriere lange zuvor. Seine Bauten und Siedlungen insbesondere der 1920er Jahre verdienen es, genauer betrachtet zu werden.
„Die Forderung ist, die notwendigen Wohnungen gesundheitlich und technisch gut, dauerhaft, so billig und schnell wie möglich, mit dem geringsten Verbrauch von Kohle herzustellen. Dieser Forderung am nächsten kommt der Holz- und Lehmbau. Die Baustoffe – Holz und Lehm – sind im Lande zu beschaffen und altbewährt.“
Architektur mit regional verfügbaren Materialien. Baustelle Haus Sander, Stuttgart. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
Architektur mit regional verfügbaren Materialien. Baustelle Haus Sander, Stuttgart. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
Man kann aber die historische Position eines Architekten nicht von heutigen Wertmaßstäben ausgehend ermessen – und auch nicht aufgrund einer Fehlentwicklung, die 20 bis 25 Jahre nach Beginn seiner beruflichen Tätigkeit zum Einritt in die NSDAP führte. Auf Holz und Lehm kam Schmitthenner nicht durch den Klimawandel, sondern in der Notsituation nach Ende des Ersten Weltkriegs. Es handelt sich um einen Knotenpunkt der Architekturgeschichte, an dem Schmitthenner eine besondere Rolle spielt. Nur von hier aus lässt sich seine Position richtig verstehen.
Gartenstädte
Luftbild der Siedlung Staaken in Spandau, errichtet nach Plänen Schmitthenners 1914-17. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
Luftbild der Siedlung Staaken in Spandau, errichtet nach Plänen Schmitthenners 1914-17. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
In der Inflationszeit kam der Siedlungsbau trotz Wohnungsnot beinahe zum Erliegen. Erst die 1924 eingeführte Hauszinssteuer brachte den Wohnungsbau in großem Umfang voran. Zu erwähnen ist hier an erster Stelle das „Neue Frankfurt“ von Ernst May: einmal weil May das Konzept der Gartenstadt zur größeren Trabantenstadt erweiterte; aber auch, weil hier die Geschichte der modernen, weiß verputzten Flachdachhäuser beginnt, noch vor der Weißenhofsiedlung und bevor am Bauhaus Architektur überhaupt gelehrt wurde. Aber die Hauszinssteuer war nicht an einen Baustil gebunden. Hamburg baute unter Baudirektor Fritz Schumacher in dunklen Klinkerziegeln. In Stuttgart gab es, parallel zur Weißenhofsiedlung, genossenschaftliche und städtische Siedlungen wie den Raitelsberg oder den Friedrich-Ebert-Wohnhof, die Elemente des Neuen Bauens mit traditionellen Formen verknüpften, ebenso andere, die dem alten Gartenstadtideal folgten.
Auch für Schmitthenner eröffnete sich nun, zur selben Zeit und nicht weit entfernt von der Weißenhofsiedlung, eine neue Chance: am Kochenhof. Beide Siedlungen sollten von der im Juni 1927 gegründeten Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen gefördert werden, neben Frankfurt-Praunheim von Ernst May und Dessau-Törten von Walter Gropius. Schmitthenner setzte auf Holz. 1922 hatte er eine Fabrikhalle für die Firma Werner & Pfleiderer im damals noch selbständigen Feuerbach in Holzbauweise erbaut, um durch den schnellen, kostengünstigen Bau dem raschen Preisverfall in der Inflation zuvorzukommen. An drei privaten Wohnhäusern, für Fritz Wertheimer, den Generalsekretär des Deutschen Auslands-Instituts, den Augenarzt Emil Sander und – als einziges erhalten – den Stadtbaurat Paul Färber erprobte er nun seine neue Methode des Fabrizierten Fachwerks (Fafa). Das Haus Sander konnte er, wie er in 1929 „Wasmuths Monatsheften“ publizierte, innerhalb von sechs Tagen aus vorgefertigten, standardisierten Fachwerkrahmen errichten.
4.0.3
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Hallschlag und das Fafa-System
Schmitthenners Hallschlag-Häuser kurz nach der Fertigstellung, ca. 1930. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
Schmitthenners Hallschlag-Häuser kurz nach der Fertigstellung, ca. 1930. (Bild: Nachlass Paul Schmitthenner / TU München)
Die Schmitthenner-Häuser im Hallschlag 2021, saniert und mit Balkonen ergänzt. (Bilder: Cordelia Marsch)
Die Schmitthenner-Häuser im Hallschlag 2021, saniert und mit Balkonen ergänzt. (Bilder: Cordelia Marsch)
Leider hat sich die Debatte um Schmitthenner ganz auf seine ideologische Haltung in der NS-Zeit zugespitzt. Konservative Ästhetik wird dabei gleichgesetzt mit einer reaktionären politischen Gesinnung. Diese Diskussion ist keineswegs neu. Sie dreht Endlosschlaufen, seit Richard Döcker, der 1933 die Bauleitung der Kochenhofsiedlung an Schmitthenner abtreten musste, nach dem Krieg dessen Rückkehr auf seinen Lehrstuhl an der TH zu verhindern wusste. Auch Wolfgang Voigt hat in der Neuauflage der Monografie vor allem diesen Bereich überarbeitet. Er versucht etwa zu zeigen, dass Schmitthenner kein Antisemit war – wofür auch die mustergültige Studie der Universität zur „Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit“ eine Reihe von Belegen liefert.
Aber wenn es immer nur um die Nazi-Mitgliedschaft geht, gerät völlig aus dem Blick. was das Besondere an Schmitthenners Architektur ist, was ihn von anderen Architekten unterscheidet. Dies tritt, wie Voigt herausgearbeitet hat, insbesondere in der Gartenstadt Staaken, am ersten Kochenhof-Projekt und am Hallschlag hervor in der Verbindung von konservativen Formvorstellungen und handwerklicher Solidität mit neuen Verfahren der Standardisierung und Vorfertigung. Hier erzielte Schmitthenner seine größten Erfolge, die eigentlich eine Revision der Architekturgeschichte erfordern: Noch immer kursiert die Idee, mit Projekten wie der Weißenhofsiedlung seien wesentliche Errungenschaften des kostengünstigen sozialen Wohnungsbaus verbunden, wie dies die Propagandisten des Neuen Bauens behaupteten. Schmitthenner war da weiter. Dies zeigt der Hallschlag, der allerdings auch physisch aus dem Gedächtnis verschwindet: Der größere Teil der Bauten ist inzwischen abgerissen, der Rest wurde, so Voigt, „in einer Weise wärmegedämmt saniert, dass von der gerade im Detail aufscheinenden Qualität Schmitthenners kaum noch etwas übrig ist.“
In der Stadtbibliothek Sindelfingen gibt es vom 24. Juni bis 7. August eine Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Siedlung Schnödeneck. Der Autor dieses Beitrags ist am 13. Juli zu einem Vortrag eingeladen. Titel: „Zwischen allen Stühlen – Paul Schmitthenner“.
Norbert Becker, Katja Nagel: Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart während der NS-Zeit, Stuttgart 2017.