Matthias Megyeri: R. Bunnit, Peter Pin & Didoo, Hanging # 01. (Foto: Matthias Megyeri)
Matthias Megyeri: R. Bunnit, Peter Pin & Didoo, Hanging # 01. (Foto: Matthias Megyeri)
Am 18. Oktober 2023 wurde in der Architekturgalerie am Weißenhof in Stuttgart eine Ausstellung von Matthias Megyeri eröffnet. Megyeri thematisiert in seiner Arbeit Sicherheits- und Abwehreinrichtungen an Gebäuden und im öffentlichen Raum: Zäune, Schutzdrähte, Ketten, Gitter, Sicherheitspersonal. Anlässlich dieser Ausstellung macht Stephan Trüby auf die architektonische Dimension des Zauns aufmerksam.
Das Verhältnis von Einzelgebäuden zu ihrer Umgrenzung – abstrakter: von Architektur zu Grund – gehört zu den missachtetsten Aspekten der Architekturtheorie. Während Leon Battista Alberti in seinem Traktat De re aedificatoria (1452) das Bauwesen noch auf sechs Elementen gründete, zu denen neben regio (Gegend), partitio (Einteilung), paries (Wand), tectum (Dach), apertio (Öffnung) auch area, also das Grundstück, gehörte, sollte dieser Aspekt der Architektur – dass sie auf einem bestimmten Grundstück zu stehen kommt, das oftmals auch umgrenzt ist –, in den Folgejahrhunderten zunehmend in Vergessenheit geraten. In diese Zone der Missachtung hinein evolvierte der Grundstückszaun als ein von der Architektur weitgehend entkoppeltes Artefakt des Kunstgewerbes. Ausnahmen wie die Arts-and-Crafts-Bewegung oder der Jugendstil, die vielerorts Gebäude und Grundstückseinfriedungen „aus einem Guss“ hinterlassen haben, bestätigen dabei nur die Regel. Im Folgenden seien daher – ausgehend von Gottfried Semper, der sich intensiv mit dem Verhältnis von Kunstgewerbe und Architektur befasste – Prolegomena zu einer Architekturtheorie des Zaunes präsentiert.Semper und der Zaun als Ursprung der Architektur
Gottfried Semper stellt im ersten Band seines 1860 erschienen Hauptwerks Der Stil den Zaun als Ausgangspunkt architektonischer Evolution vor. (Karibische Hütte, Abbildung in: Gottfried Semper, Der Stil, II, 1863, S. 276.)
Gottfried Semper stellt im ersten Band seines 1860 erschienen Hauptwerks Der Stil den Zaun als Ausgangspunkt architektonischer Evolution vor. (Karibische Hütte, Abbildung in: Gottfried Semper, Der Stil, II, 1863, S. 276.)
Jean Tijous Prachtgitter des Hampton Court Palace, 17. Jahrhundet. (Bild: Wikimedia Commons, Man vyi)
Jean Tijous Prachtgitter des Hampton Court Palace, 17. Jahrhundet. (Bild: Wikimedia Commons, Man vyi)
Abbildung aus einem der Kataloge des des Glasgower Unternehmens MacFarlane für Produkte aus Gusseisen. (Bild: gemeinfrei)
Abbildung aus einem der Kataloge des des Glasgower Unternehmens MacFarlane für Produkte aus Gusseisen. (Bild: gemeinfrei)
Stacheldraht-Dispositive
Hirschjagd von Native Americans (Bild aus Samuel de Champlain: Voyages et descouvertures faites en la Nouvelle France, depuis l'année 1615; 1619)
Hirschjagd von Native Americans (Bild aus Samuel de Champlain: Voyages et descouvertures faites en la Nouvelle France, depuis l'année 1615; 1619)
Das territorialisierende Prinzip von Zäunen, die die Agrarwirtschaft vor offener Viehhaltung schützen, erreichte um 1870, mit der Erfindung des Stacheldrahts, ein neues Perfektionslevel. Mit ihm geriet auch die nur rund zwanzigjährige, aber bis heute stark mythisierte Periode nomadisierender Cowboys, die in den „open ranges“ unwirtlicher Great Plains zwischen Missouri und den Rocky Mountains riesige Rinderherden in Richtung der im Norden des Landes gelegenen Schlachthöfe zu treiben versuchten, an ihr relatives Ende.13 Nun, mit der Patentierung von Stacheldraht durch Joseph Glidden im Jahre 1874, dem Betrieb großmaßstäblich umzäunter Felder und dem Bau von Bahngleisen, konnten die Rinder vor Ort bleiben, um von dort für den Transport auf Züge verladen zu werden. Ranches konnten nun näher beieinander stehen, Cowboys wurden seltener benötigt,14 und die Great Plains öffneten sich auch für kleinere Farmen. (15 Der Stacheldraht, schreibt Olivier Razac in seiner Politischen Geschichte des Stacheldrahts, verwandele den geografischen und sozialen Raum der Native Americans „in eine feindliche Umgebung, in der sowohl das Nomadentum (…) als auch ihre Art zu jagen unmöglich geworden ist.“ 16 Damit, so Razac weiter, entspreche er „einem Rückzug der Macht von der materiellen Dichte des Steins und anderen massiven Teilungsvorrichtungen“. 17 Es folgten „Dispositive, die immaterielle Grenzen ziehen, welche weder aus Holz noch aus Stein noch aus Metall, sondern aus Licht, Wellen und unsichtbaren Vibrationen bestehen.“ 18
Zerstörung von Stacheldraht mit Mörsergranaten, Vimy, Frankreich. (Bild: Wikimedia Commons, Library and Archives Canada)
Zerstörung von Stacheldraht mit Mörsergranaten, Vimy, Frankreich. (Bild: Wikimedia Commons, Library and Archives Canada)
Stacheldrahtzaun und Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, Aufnahme von 1983. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1983-0825-303 / Jürgen Ludwig / CC-BY-SA 3.0)
Stacheldrahtzaun und Wachturm des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald, Aufnahme von 1983. (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1983-0825-303 / Jürgen Ludwig / CC-BY-SA 3.0)
Rätselcharakter der Kunst
Herzog & de Meuron, Bond Street 40, New York, 2007, Detail. (Bild: Detlef Schober via flickr.com, CC BY-ND 2.0 Deed)
Herzog & de Meuron, Bond Street 40, New York, 2007, Detail. (Bild: Detlef Schober via flickr.com, CC BY-ND 2.0 Deed)
Ein Jägerzaun wird zum einladenden Tor: Florian Graf, Folly of De-Fence, 2010 (Bild: Florian Graf)
Ein Jägerzaun wird zum einladenden Tor: Florian Graf, Folly of De-Fence, 2010 (Bild: Florian Graf)
Die Tragödie der „sogenannten ursprünglichen Akkumulation“ wiederholt sich als Farce – nämlich der des kunstfertigen, unterhaltsamen Zaunes. Auch im 21. Jahrhundert. Man denke etwa an Herzog & de Meurons Zaun für das 2004 bis 2007 entstandene Gebäude Bond Street 40, der aussieht, „als habe Jackson Pollock ihn mit flüssigem, schnell härtendem Blei in die Luft gemalt.“ 28 Niklas Maak hat die Paradoxien dieses 39 Meter langen und bis zu sieben Meter hohen Zauns herausgearbeitet: „Er macht Werbung mit dem Flair der Subkultur und hält sie sich gleichzeitig vom Leib. Er verwandelt die anarchische Energie der Punk-Bohème in ein Kunstwerk – und dieses Kunstwerk ist gleichzeitig der beste denkbare Schutz vor dem realen Unmut jener Kultur, die er zitiert.“ 29 Man denke auch an Florian Grafs Folly of De-Fence für die Art Basel 2010, bei der ein trennender Jägerzaun zum einladenden Tor wird und sich damit in die lange, vor allem seit dem 18. Jahrhundert sich verbreitender Geschichte so genannter „Follies“ (wörtlich „Torheiten“) gebauter Verrücktheiten einreiht. Und man denke an Ai Weiweis New Yorker Kunstausstellung, die 2018 unter dem Titel Good Fences Make Good Neighbors an mehr als 300 öffentlichen Orten der Millionenmetropole zu sehen war. Mit der Ausstellung und insbesondere der wohl auffälligsten Skulptur der Schau, nämlich Gilded Cage direkt am Südende des Central Parks, formulierte Weiwei unweit des drei Straßenblöcke weiter südlich gelegenen Trump Tower auch direkt Kritik an der Einwanderungspolitik des damaligen US-Präsidenten Donald Trump.
Gußeisenzaun R. Bunnit, Peter Pin & Didoo #12, aus der Serie Sweet Dreams Security®; Permanente Installation im öffentlichen Raum, 80803 München (© Matthias Megyeri, Foto: Olaf Becker)
Gußeisenzaun R. Bunnit, Peter Pin & Didoo #12, aus der Serie Sweet Dreams Security®; Permanente Installation im öffentlichen Raum, 80803 München (© Matthias Megyeri, Foto: Olaf Becker)
Der Text ist eine gekürzte Version des in der Begleitbroschüre zur Ausstellung veröffentlichten Textes.
Ausstellung »Sweet Dreams Security®. Angst hat Zukunft. Matthias Megyeri« in der Architekturgalerie am Weißenhof. Bis zum 21. Januar 2024. Weitere Information >>>
Das ist es mir wert
- 1Gottfried Semper: „Die vier Elemente der Baukunst“ (1851), in: Heinz Quitzsch: Gottfried Semper – Praktische Ästhetik und politischer Kampf, Bauwelt Fundamente 58, Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg, 1981, S. 179f.
- 2Vgl. Semper, „Die vier Elemente der Baukunst“, a. a. O., S. 180.
- 3Semper, „Die vier Elemente der Baukunst“, a. a. O., S. 181.
- 4Vgl. Joseph Rykwert: Adams Haus im Paradies: Die Urhütte von der Antike bis Le Corbusier, Berlin 2005, S. 31.
- 5Vgl. Richard Hayman: Wrought Iron, Oxford: Shire, 2011, S. 4.
- 6Vgl. Hayman, Wrought Iron, a. a. O., S. 23.
- 7Vgl. Harry Francis Mallgrave: Gottfried Semper: Ein Architekt des 19. Jahrhunderts, Zürich: gta Verlag, 2001, S. 305.
- 8Zit. nach Mallgrave, Gottfried Semper, a. a. O., S. 306.
- 9Mallgrave, Gottfried Semper, a. a. O., S. 305.
- 10Semper, „Die vier Elemente der Baukunst“, a. a. O., S. 225.
- 11Vgl. Anne Stillman: „Fences and the Settlement of New England“, in: Gregory K. Dreicer: (Hrsg.): Between Fences, New York: Princeton Architectural Press, 1996, S. 13.
- 12Vgl. Stillman, „Fences and the Settlement of New England“, a. a. O., S. 12.
- 13Olivier Razac: Politische Geschichte des Stacheldrahts. Prärie – Schützengraben – Lager, Zürich/Berlin: Diaphanes, 2003 (2000), S. 13.
- 14Vgl. John B. Jackson: „Barbed Wire and the American West“, in: Gregory K. Dreicer: (Hrsg.): Between Fences, New York: Princeton Architectural Press, 1996, S. 64.
- 15Vgl. Jackson, „Barbed Wire and the American West“, a. a. O., S. 66.
- 16Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 21.
- 17Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 8
- 18Ebd.
- 19Vgl. Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 38.
- 20Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 40.
- 21Vgl. Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 45.
- 22Vgl. Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 47.
- 23Vgl. Razac, Politische Geschichte des Stacheldrahts, a. a. O., S. 60.
- 24Vgl. Michel Foucault: „Andere Räume“ (1967), in: Karlheinz Barck, Peter Gente, Heidi Paris, Stefan Richter (Hrsg.): Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer neuen Ästhetik, Leipzig: Reclam 1990, S. 38ff.
- 25Jean‐Jacques Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit, Stuttgart: UTB, 2008 (1755), S. 173.
- 26Karl Marx: Das Kapital, Berlin/DDR: Dietz, 1968 (1867), S. 742.
- 27Marx, Das Kapital, a. a. O., S. 741.
- 28Niklas Maak: Wohnkomplex. Warum wir andere Häuser brauchen, München: Hanser, 2014, S. 50.
- 29Ebd.