Bild: Christian Holl
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Welche Macht ausgeübt wird, welche Regeln, welches Gesetz gilt, wer dazu gehört, wer ausgeschlossen wird: Inklusion und Segregation werden darüber bestimmt, wer Grenzen zieht und wer sie übertreten darf. Deswegen gehört zur Architektur immer auch die Inszenierung der Grenze als Medium – die repräsentative Fassade ebenso wie das farbige Kirchenfenster, die Gestaltung der Schwelle und des Eingangs, die Höhe des Gebäudes ebenso wie die Tiefendimension der Grenze: Die Sicherheitszone um das Gebäude herum ist Ausdruck von Macht ebenso wie von der Unruhe, etwas könnte einem genommen werden, Ausdruck der Angst, der Respekt vor dem Eigentum könnte missachtet werden. Grenzen haben neben ihrem unmittelbaren und konkreten Wirkungsraum auch einen symbolischen, der in den anderen Raum hineinstrahlt, ihn bestimmt oder zumindest bestimmen soll.
Grenzen sind Räume
Bild: Christian Holl
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Damit die Aushandlung aber erfolgreich sein kann, müssen Regeln gelten, die von den Verhandlungspartnern anerkannt werden. Und damit sind wir beim Thema des öffentlichen Raums – er ist der Aushandlungsraum schlechthin, weil nicht von vorneherein einschränkt ist, was hier verhandelt wird, und weil die Regeln die in ihm gelten, ebenfalls nicht unhintergehbar sind. Er ist deswegen immer auch ein umkämpfter Raum. Zuletzt haben ökonomische Interessen eine Dominanz bekommen, die ihn in seiner Funktion beeinträchtigt. Wo darf man sich hinsetzen, ohne zu konsumieren? Welche Räume sind für Jugendliche und deren Bedürfnisse vorgesehen? Welche Räume haben keine festgelegte Funktion? Welche Bevölkerungsschicht wird mit den repräsentativen Räumen der Stadt angesprochen und welche nicht? Können wir uns Urbanität noch ohne Konsum vorstellen, als einen Raum, der nicht von genauen Vorstellungen geprägt ist, wie man leben soll, welche Kleidung man zu tragen hat? 1 Ist der öffentliche Raum noch ein Raum, der die das Recht auf gesellschaftliche Teilhabe artikuliert? Man darf Zweifel haben. Musealisierungen, die die tatsächlichen funktionalen und sozialen Verflechtungen ignorieren, wie es die Frankfurter Altstadt tut, zeigen dann eher eine Verfallsform der Diversität der Stadt, wie es Walter Siebel genannt hat. 2 Das sollte uns beunruhigen, wenn uns bestimmte Werte als auch im öffentlichen Raum als unhintergehbare wichtig sind: Menschenwürde, Respekt, Diversität, Freiheit.
Der öffentliche Raum ist aber nur dann in seiner Dimension erfasst, wenn nicht nur der konkrete Raum in den Blick genommen wird, sondern auch als der Raum verstanden wird, in dem sich mediale Präsenz und physischer Raum überlagern. Erst wenn beides zusammengedacht wird, versteht man, warum die Verschiebung der Grenze dessen, was gesagt werden darf, nicht harmlos für den konkreten öffentlichen Raum ist. Das macht ein Blick auf zwei Ereignisse der letzen Wochen in Kassel und in Berlin deutlich. Die Rede ist von den Diskussionen um das Projekt Dau des russischen Filmemachers Ilya Khrzhanovsky (Berlin) und das „Fremdlinge und Flüchtlinge Monument“ von Olu Oguibe (Kassel).
Zur Erinnerung an die Geschichte ist ein kleiner Teil des Zauns zum ehemaligen Freihafen in Hamburg Wilhelmsburg stehen geblieben. (Bild: Christian Holl)
Zur Erinnerung an die Geschichte ist ein kleiner Teil des Zauns zum ehemaligen Freihafen in Hamburg Wilhelmsburg stehen geblieben. (Bild: Christian Holl)
In Berlin wurde dem Kunstprojekt „Dau“ des russischen Filmemachers Ilya Khrzhanovsky die Genehmigung verweigert – das Projekt sah vor, eine temporäre Mauer um ein Areal zwischen Unter den Linden und Oberwallstraße zu errichten. 3 Abgelehnt aus Sicherheitsgründen, zudem sei der Vorlauf nicht lang genug gewesen, was von der Seite der Veranstalter (wenig überraschend) anders gesehen wird. Bis zum 9. November hätte diese Mauer stehen sollen.
Ausgebliebenes Bekenntnis
Stand bis zum 3. Oktober auf dem Königsplatz in Kassel: das "Fremdlinge und Flüchtlinge Monument" von Olu Oguibe. Bild: Rabax63, CC BY-SA 4.0 (Quelle: >>>)
Stand bis zum 3. Oktober auf dem Königsplatz in Kassel: das "Fremdlinge und Flüchtlinge Monument" von Olu Oguibe. Bild: Rabax63, CC BY-SA 4.0 (Quelle: >>>)
Lesetipp: Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Form widmet sich dem Schwerpunkt Grenzen. >>>
Das ist es mir wert
- 1Maren Harnack, Kai Vöckler im Interview, in: Michael Meier und Christoph Franz: Der Durchschnitt als Norm. Spector Books, Leipzig 2018, S. 45-72, hier S. 49
- 2Walter Siebel: Die Kultur der Stadt. Berlin 2015. S. 308–316.
- 3FAZ vom 21. September 2018 >>>
- 4Catrin Lorch: Abgesondert, abgeschoben. Süddeutsche Zeitung vom 5. Oktober 2018. Online >>>
- 5Walter Siebel: Die Kultur der Stadt. Berlin 2015. S. 316.