Nachbau der Villa Arpel aus "Mon Oncle". Bild: Jean-Christophe Benoist, CC BY-SA 3.0 (Quelle: >>>)
Nachbau der Villa Arpel aus "Mon Oncle". Bild: Jean-Christophe Benoist, CC BY-SA 3.0 (Quelle: >>>)
Das Teuflische der Technokratie
Eichmann in Jerusalem. Das Buch erschien zwei Jahre nach dem Eichmann Prozess und zeichnete ein anderes Bild Eichmanns, als es die öffentliche Inszenierung nahelegte. (Bild: Archiv des Autors)
Eichmann in Jerusalem. Das Buch erschien zwei Jahre nach dem Eichmann Prozess und zeichnete ein anderes Bild Eichmanns, als es die öffentliche Inszenierung nahelegte. (Bild: Archiv des Autors)
Hannah Arendts Text setzt allerdings nicht mit der Aufzählung von Eichmanns Vergehen gegen die Menschlichkeit ein, sondern mit einer detaillierten Beschreibung des Architektur-Medien-Komplexes im Gerichtssaal. Dabei folgt sie Schritt für Schritt der darin wirksamen Raumordnung, von den Richtern, den Gerichtsstenographen, den Übersetzern über die simultane Berichterstattung im Radio, dem gläsernen Käfig für den Angeklagten, der Box für die Zeugen bis zur Anklage und Verteidigung und deren Gefolge sowie der Anordnung des Auditoriums. Dabei lässt die Anordnung der Dinge keinerlei Zweifel daran, dass es sich bei diesem Gerichtssaal um eine streng hierarchische Raumordnung mit verteilten Rollen handelt, die sich ohne Probleme auch als bürokratische Apparatur beschreiben ließ. Die Assoziation, die Arendt indessen hatte, ging in eine ganz andere Richtung. Ihr erschien der Gerichtssaal wie ein großes Theater mit Proszenium, Bühne, Galerie, Orchestra und Seiteneingängen für die Schauspieler, wohingegen der israelische Premierminister David Ben-Gurion in seinem Selbstverständnis als Architekt und Regisseur des Staates Israel im Verborgenen die Fäden zieht.
Entgegen der Kritik an ihrer Beschreibung des Prozesses, ging es Arendt allerdings keinesfalls darum, das Gericht oder den Prozess selbst der Lächerlichkeit preis zu geben; und schon gar nicht ging es darum, die Taten der Nationalsozialisten zu verharmlosen. Was sie zugleich antrieb und irritierte, war die große Diskrepanz zwischen der architektonischen, technokratischen und theatralen Inszenierung Eichmanns als Personifikation des Bösen, der alleinverantwortlich gewesen sein soll für all die schrecklichen Morde einerseits und der tatsächlichen Wirkung, die von diesem Mann ausging andererseits. Denn im Unterschied zu vielen anderen Beobachtern und anders, als es der gläserne Käfig nahelegte, erschien ihr der Angeklagte weder als Monster noch als Irrer. Eher zeugten Verhalten und Aussagen Eichmanns in fast schon deprimierender Weise von dessen Durchschnittlichkeit und Normalität. Was sich hier zeigte, war kein Genie des Bösen, sondern ein Subjekt, das in Übereinstimmung mit dem bestehenden Recht des totalitären Regimes und mit großer Effizienz seiner Arbeit nachgegangen war – und das seine grausamen Taten auch nur aus dieser Perpektive zu betrachten imstande war. Mit anderen Worten, Eichmann personifizierte geradezu idealtypisch und in extremer Form wohin uns die neue Dominanz des Animal laborans in der Moderne geführt hatte. Dessen Alltag wird bestimmt durch geistlose Verrichtungen, deren Sinn selbst dann nicht in Frage gestellt wird, wenn sie undenkbar vielen Menschen das Leben kostet.
Die Dominanz der Ökonomie
Banalität der Ökonomie im öffentlichen Raum. Bild: Christian Holl
Banalität der Ökonomie im öffentlichen Raum. Bild: Christian Holl
Was also nun? Zurück zur Polis, zum Forum oder gar zum Klassizismus der Antike? Fantasien dieser Art gab es viele, seitdem die Moderne selbst der Geschichte überantwortet wurde. Doch dem Alltag ist die Architektur dadurch nicht näher gekommen. Es wäre vor diesem Hintergrund interessant zu erfahren, wie Hannah Arendt auf die heutige Architektur geschaut hätte. Man darf annehmen, dass sie es kritisch getan hätte. Die Homogenisierung des Raumes durch die globale Verbreitung einer kommerziellen Oberflächenästhetik, die unterschiedslos jeden Ort in die Lounge einer Konzernzentrale verwandelt, treibt die Umkehrung von Öffentlichkeit und Privatheit gleichsam auf die Spitze. Die Banalität der Ökonomie feiert ihren architektonischen Triumph über das Denken. Ja, das Denken erscheint gewissermaßen nur noch unter den Vorzeichen der Ökonomie möglich. Legitim ist es nur noch insoweit, als es sich in die neoliberale Weltordnung einfügt.
Das Subjekt für das die Architektur gebaut wird, ist nicht länger Homo faber, also der schaffende Mensch, sondern das Animal laborans. Das heißt, ein Wesen, das jede seiner Handlungen an der Ökonomie der Aufmerksamkeit ausrichtet und damit die alltäglichen Gewohnheiten, und seien sie auch noch so banal, öffentlich zur Schau stellt.
MASP – Das Museu de Arte de São Paulo, 1957–1968. Lina Bardi schafft unter dem Gebäude öffentlichen Raum mit Blick auf die Stadt. (Bild: Andre Savastano, CC BY-SA 3.0, Quelle: >>>)
MASP – Das Museu de Arte de São Paulo, 1957–1968. Lina Bardi schafft unter dem Gebäude öffentlichen Raum mit Blick auf die Stadt. (Bild: Andre Savastano, CC BY-SA 3.0, Quelle: >>>)
Die Frage, ob man an das Alltägliche die gleichen architektonischen Erwartungen stellen sollte wie an die hohe Baukunst, ließe sich vermutlich nicht besser beantworten.
Zum zweiten Teil des Beitrag: Haus am See oder im Schwarzwlad >>>
Das ist es mir wert
- 1Hannah Arendt: Vita acitva oder Vom täglichen Leben, München 2016 (Original The Human Condition, 1958), S. 53 (2) Der Filmausschnitt kann hier angesehen werden: >>>(3) Das Buch erschihttps://www.marlowes.de/wp-admin/post-new.phpen zuerst 1963 bei Viking Press, New York; die erste deutsche Ausgabe mit weitgehenden Eingriffen 1964. Zum Buch und der Editionsgeschichte siehe: >>> (4) Hannah Arendt: Vita acitva, S. 258