„Darf ich Sie an die Gestade eines Bergsees führen? Der Himmel ist blau, das Wasser grün und alles liegt in tiefem Frieden. Die Berge und Wolken spiegeln sich in ihm und die Häuser, Höfe und Kapellen tun es auch! Nicht wie von Menschenhand stehen sie da. Wie aus Gotteswerkstatt sind sie hervorgegangen, wie die Berge und Bäume, die Wolken und der blaue Himmel. Und alles atmet Schönheit und Ruhe ...
Da, was ist das! Ein Mißton in diesem Frieden. Wie ein Gekreisch, das nicht notwendig ist. Mitten unter den Häusern der Bauern, ..., steht eine Villa. Das Gebilde eines Architekten. Von einem guten oder schlechten Architekten. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Friede, Ruhe und Schönheit dahin sind. Denn vor Gott gibt es keinen guten oder schlechten Architekten. In der Nähe seines Thrones sind alle Architekten gleich. In den Städten, ... , da gibt es feine Nuancen, wie es eben in der Art des Lasters liegt. Und ich frage daher: Wie kommt es, daß ein jeder Architekt, ob schlecht oder gut, den See schändet?“ 1
Die Kluft zwischen Abstraktion und Alltag
Adolf Loos und seine Frau am Lido, 1913. (Bild: Archiv des Autors)
Adolf Loos und seine Frau am Lido, 1913. (Bild: Archiv des Autors)
Dabei hatte man doch seitens der modernen Architektur alle Mühen unternommen, die Abstraktionen der Architektur in der Natur des Menschen selbst zu verankern. Die Formgesetze der Architektur sollten nicht mehr als metaphysische Setzungen erscheinen. Der Architekt verpflanzte die dem Menschen äußere Welt idealer Formen einfach in die Wahrnehmung des Menschen selbst hinein.
Alles, was zu tun war, um die Kluft zwischen Architektur und Realität zu überbrücken, sei es – so wurde Le Corbusier nicht müde zu betonen –, erneut das Sehen zu lernen: Architektur, so heißt es, sei „das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper“. Und unsere Augen seien dazu geschaffen, „die Formen unter dem Licht zu sehen: Lichter und Schatten enthüllen die Formen; die Würfel, Kegel, Kugeln, Zylinder oder die Pyramiden sind die großen primären Formen, die das Licht klar offenbart; ihr Bild erscheint uns rein und greifbar, eindeutig. Deshalb sind sie schöne Formen, die allerschönsten. Darüber ist sich jeder einig, das Kind, der Wilde und der Metaphysiker.“
Le Corbusier: Vers une Architecture, Erstveröffentlichung 1923. Unter dem deutschen Titel "Kommende Baukunst" erschien das Buch 1926. Als Bauwelt Fundament wurde es unter dem Titel "Ausblick auf eine Architektur" 1963 veröffentlicht. (Quelle: >>>)
Le Corbusier: Vers une Architecture, Erstveröffentlichung 1923. Unter dem deutschen Titel "Kommende Baukunst" erschien das Buch 1926. Als Bauwelt Fundament wurde es unter dem Titel "Ausblick auf eine Architektur" 1963 veröffentlicht. (Quelle: >>>)
Wandel von Öffentlichkeit und Privatheit
„Denn die Polis war für die Griechen .... primär eine Garantie gegen die Vergeblichkeit und Vergänglichkeit des Lebens der Einzelnen, der Raum nämlich, der gegen alles nur Vergängliche geschützt und dem relativ Dauerhaften vorbehalten, also gerade dafür bestimmt war, sterblichen Menschen Unsterblichkeit zu gewähren.“ (3) Doch was wird hier eigentlich unter Gesellschaft verstanden? Folgt man Hannah Arendt, unterliegt dieser Begriff selbst einem historischen Wandel, der quer zu den üblichen historischen Einteilungen in Geschichtsepochen liegt. Für Arendt stellt sich die Geschichte der Gesellschaft und ihrer Architektur nicht als Entwicklung politischer Systeme dar. Es geht ihr vielmehr darum zu zeigen, wie sich die Vorstellungen von Privatheit und Öffentlichkeit seit der Antike in ihr Gegenteil verkehrt haben. Verkürzt ließe sich dies in etwa wie folgt zusammenfassen: Die Polis sah in der Öffentlichkeit noch einen Ort, der frei war von den Banalitäten alltäglicher Verrichtungen, die zur Aufrechterhaltung des Lebens notwendig sind. Derartige Dinge hatten in der Verborgenheit des Privaten zu geschehen und waren nur dort von Interesse. Der öffentliche Raum hingegen eröffnete dem Einzelnen die Möglichkeit, etwas von Bedeutung zu erschaffen, das jenseits der Unbeständigkeit des Alltäglichen lag und damit potenziell von öffentlichem Interesse und im Idealfall gar von bleibender Bedeutung für nachfolgende Generationen war. „Mit anderen Worten“, so Arendt, „der öffentliche Raum war gerade dem Nicht-Durchschnittlichen vorbehalten, in ihm sollte ein jeder zeigen können, wodurch er über das Durchschnittliche hinausragte.“
Der öffentliche Raum der Moderne ist ein grundsätzlich anderer als der der Antike – Hannah Arendt zufolge. Bild: Der Boulevard Montmartre an einem Wintermorgen. Camille Pissarro, 1897. (Bild: Creative Commons CCO 1.0 >>>)
Der öffentliche Raum der Moderne ist ein grundsätzlich anderer als der der Antike – Hannah Arendt zufolge. Bild: Der Boulevard Montmartre an einem Wintermorgen. Camille Pissarro, 1897. (Bild: Creative Commons CCO 1.0 >>>)
Der Mensch als Maschine. Darstellung vom Ende der 1930er Jahre. (Quelle: >>>)
Der Mensch als Maschine. Darstellung vom Ende der 1930er Jahre. (Quelle: >>>)
Man könnte auch sagen, Mensch und Maschine sind nicht mehr voneinander unterscheidbar, wie etwa eine populärwissenschaftliche Darstellung zur Funktionsweise des menschlichen Gehirns aus den 1930er Jahren zeigt. Einer Schaltzentrale oder einem Kontrollraum ähnlich, werden von hier alle Operationen des Maschinenmenschen mechanisch gesteuert und sind zugleich in eine Apparatur außerhalb des menschlichen Körpers eingespannt. Wir wissen, dass dies in der Moderne nicht nur metaphorisch gemeint war, sondern in einem ganz sprichwörtlichen Sinne.
Zum dritten Teil des Beitrags: Haus, Maschine und die Schönheit der Dingwelt >>>
Das ist es mir wert
- 1Adolf Loos: Architektur (1910), in: ders. Sämtliche Schriften, Band 1, Wien/München, 1962, S. 302–318, hier S. 302 (2) Le Corbusier: 1922. Ausblick auf eine Architektur, Braunschweig, Wiesbaden 1982, S. 38 (3) Hannah Arendt: Vita acitva oder Vom täglichen Leben, München 2016 (Original The Human Condition, 1958), S. 70 (4) ebd., S. 53 (5) ebd., S. 181