Komplexe Konstrukte. Auch Bauten sind Eingriffe in die Welt, die ein Eigenleben entwickekn und uns deutend gegenübertreten. Stuttgart, Oper und Landtag, während der Umbauphase des Landtags. (Bild: Christian Holl)
Komplexe Konstrukte. Auch Bauten sind Eingriffe in die Welt, die ein Eigenleben entwickekn und uns deutend gegenübertreten. Stuttgart, Oper und Landtag, während der Umbauphase des Landtags. (Bild: Christian Holl)
Häuser, materielle Objektivationen
Internalisierung wiederum bedeutet, die Aneignung dieser „Objektivationen“ durch körperliche und bewusstseinstechnische Prozesse. Routinen, Rollen, Denkschemata, Institutionen und der Umgang mit Dingen werden uns im Prozess des Hineinwachsens in eine Gesellschaft durch „signifikante Andere“, also Eltern, nahe Bezugspersonen oder auch Lehrer vermittelt. Wir übernehmen dann zu einem Großteil das, was uns vorgelebt wird.
Dieses Modell lässt sich explizit auf Aspekte der gebauten Umwelt übertragen. Hier bedeutet Externalisierung nichts anders als das Entwerfen und Bauen von Gebäuden; diese wiederum lassen sich dann als materielle Objektivationen begreifen, die uns so gegenüberstehen, als deuteten sie für uns die Welt, da sie ein Eigenleben entwickeln und damit einen bestimmten Zwang auf uns ausüben. Über Prozesse der Internalisierung, also der alltäglichen Nutzung und Handhabung werden sie angeeignet.
Meine architektursoziologische These lautet nun: Um den Sinn eines Gebäudes zu verstehen, muss man alle drei Ebenen dieses Modells berücksichtigen. Zu fragen wäre deshalb erstens: In welchem gesellschaftlich-historischen Kontext ist ein Gebäude entstanden? Wer war der Architekt oder die Architektin? Und wer der Auftraggeber oder die Auftraggeberin? Was sollte mit dem Gebäude bewirkt werden? Zweitens: Was „tut“ das Gebäude, indem es da steht, wo es steht? Wie lenkt es Blicke und Bewegungen? Wie wurde es kollektiv gedeutet? Ist es zum Symbol für etwas geworden? – Und drittens: Wie wird es aktuell genutzt? Von wem? Wofür? Wird es seiner ursprünglichen Idee gemäß genutzt? Oder wird es umgenutzt oder gar zweckentfremdet? Was passiert dadurch mit der ursprünglichen Idee? Welche Bedeutungsebenen werden dem Gebäude mit einer eventuell neuen Nutzung zugeschrieben?
Wesentlicher Teil des Sinn, den ein Gebäude darstellt und konstruiert, ist die Art, wie es genutzt und verändert wird. (Bild: Christian Holl)
Wesentlicher Teil des Sinn, den ein Gebäude darstellt und konstruiert, ist die Art, wie es genutzt und verändert wird. (Bild: Christian Holl)
Was aber passiert nun genau bei diesem „Bewohnen“? Die Internalisierung der gebauten Umwelt lässt sich nur vor dem Hintergrund eines Wechselspiels zwischen Bewusstsein und Körper verstehen. Sich ein Gebäude anzueignen, bedeutet zum einen, Körpertechniken zu entwickeln, die eine routinierte, sichere Handhabung des Gebäudes erlauben. Man kann sich dann buchstäblich blind in einem Gebäude bewegen. Aneignung bedeutet zum anderen allerdings auch, sich als Person zu einem Gebäude ins Verhältnis zu setzen. Aus dem Beispiel der Koolhaas-Villa in Bordeaux wurde deutlich, dass dies höchst variabel ist. Der Hausherr hat ein anderes Verhältnis zu seinem Haus als die Putzfrau; wieder anders schauen Architekturliebhaberinnen auf den spektakulären Bau. Die Aneignung eines Gebäudes variiert also mit Sicherheit entlang sozialstruktureller Merkmale wie etwa Geschlecht, Bildung und Klasse. Guadalupe Acedo hat vermutlich aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit irgendwann begonnen, als Putzfrau zu arbeiten. Seitdem hat sie zu Dingen, die nicht ihr selbst gehören, um die sie sich aber in ihrer Rolle als Putzfrau kümmert, ein professionelles Verhältnis: Sie interessiert sich für deren Putzbarkeit (und eben nicht oder nur sehr eingeschränkt für deren Ästhetik). Mehr noch: Die tägliche Arbeit als Putzfrau hält ihr permanent vor Augen, wer sie ist: eine Putzfrau. Würde sie beispielsweise anfangen – womöglich heimlich, wenn sonst niemand im Haus ist – hin und wieder in einer der Badewannen im Obergeschoss ein Bad zu nehmen und dabei den spektakulären Blick auf Bordeaux zu genießen – wäre sie weniger Putzfrau und mehr Architekturliebhaberin. Kurzum: Die Art, wie wir mit Dingen umgehen, macht uns ein Stück weit zu dem, wer wir sind.
Alltag als Entfremdung und Ausweg
Aneignung als essenzieller Teil einer Erfolgsgeschichte: Dessau-Törten. (Bild: Silke Steets)
Aneignung als essenzieller Teil einer Erfolgsgeschichte: Dessau-Törten. (Bild: Silke Steets)
Das Interessante an Lefebvre aber ist nun, dass er bei dieser Diagnose nicht stehen bleibt, sondern nach Auswegen aus dieser scheinbar allumfassenden Entfremdung sucht. Und auch hier findet er Anregungspotenziale im Alltagsleben, das er – und dafür ist die Praxis des Wohnens ein gutes Beispiel – geprägt sieht von „moments of presence“, von Momenten der Befreiung, der Aneignung, des radikal Subjektiven. Gemeint sind damit existenzielle, oft körperliche, schöpferische Erfahrungen, die die betäubende und monotone Welt der entfremdeten Alltäglichkeit überschreiten. Dem Gebrauch von Architektur, insbesondere dem Aspekt der Umnutzung, spricht er deshalb ein kritisches Potenzial zu. Für Lefebvre bergen diese „moments of presence“ die wichtigste Möglichkeit, eine andere, nichtentfremdete Welt überhaupt denk- und vorstellbar zu machen. In diesem Sinne gilt es, sich auch auf eigenwillige Formen des Umgangs mit Architektur – wie hier am Beispiel der Bauhaus-Siedlung Dessau-Törten zu sehen – und auf das, was sich als Sehnsucht in diesen Aneignungen abbildet, einzulassen.
Beispiel Pessac (Le Corbusier): Die Bewohner empfinden es gerade als Qualität der Architektur dass sie Veränderungen ermöglicht hat und – mehr noch – bis zu einem gewissen Grad sogar veranlasst hat. (Bild: Wikimedia Commons, .pep, CC BY-SA 2.0)
Beispiel Pessac (Le Corbusier): Die Bewohner empfinden es gerade als Qualität der Architektur dass sie Veränderungen ermöglicht hat und – mehr noch – bis zu einem gewissen Grad sogar veranlasst hat. (Bild: Wikimedia Commons, .pep, CC BY-SA 2.0)
Womit wir wieder bei der Gestaltung von Situationen angekommen wären. Wenn es darum geht, die räumliche Praxis des Alltagslebens als situative Ko-Produktion von Menschen und ihren Gebäuden beziehungsweise von Gebäuden und ihren Menschen zu betrachten, dann lohnt es sich meiner Ansicht nach, über Gebäude nachzudenken, die Eingriffe, Veränderungen, Mensch-Ding-Interaktionen nicht nur vertragen, sondern auch evozieren. Hermann Hertzberger hat dies mit dem Begriff der „einladenden Form“ umschrieben. Er versteht darunter Gestaltungsobjekte, die gewissermaßen „unfertig« sind und daher zu unterschiedlichen Arten der Nutzung auffordern. Er schreibt: „Beim Entwerfen führt übertriebene Funktionalität zu Steifheit und Mangel an Flexibilität, d.h. dem Benutzer wird zu wenig Freiheit gelassen, die Funktion so zu interpretieren, wie es ihm gefällt, als sei von vornherein beschlossen worden, was von ihm zu erwarten ist, was er zu tun oder zu unterlassen habe“. Stattdessen sollten Architekten und Designerinnen nach „aktivierenden“ und deshalb „menschenfreundlichen“ Lösungen suchen. (5) In genau diesem Sinne ist Dessau-Törten (ähnlich wie die Corbusier-Siedlung Pessac in Frankreich) eine echte Erfolgsgeschichte, auch oder gerade weil sie Raum für alltägliche Aneignung ließ. (6)
(1) Ich orientiere mich hier an Berger, Peter L./Luckmann, Thomas (1966/2004): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M.: Fischer
(3) Lefebvre, Henri (1977): Kritik des Alltagslebens. 3 Bände. Kronberg: Athenäum.
(5) Hermann Hertzberger: „Vom Bauen. Vorlesungen über Architektur“, München, 1995. S. 173
(6) Christian Holl: Die Sache mit den Eigenheimen. Beitrag vom 23. Januar 2018 >>>
Das ist es mir wert
- 1Nicolai Ouroussoff, „Inhabiting a Piece of Art: It’s Not Always So Pretty“, The New York Times vom 29.01.2010. >>>
- 2Die Aufgabenstellung gestalten. Jean-Philippe Vassal im Gespräch mit Philipp Oswalt. In: arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau. Heft 222. März 2016. S. 140. Hervorhebung von Steets