Das Haus auf der Alb im Februar 2019. Bild: Joachim E. Röttgers
Zum Bauhaus-Jubiläum steht es wieder im Rampenlicht: das Haus auf der Alb in Bad Urach. Es ist das größte Gebäude der frühen Moderne im ländlichen Raum von Baden-Württemberg. Erstaunlich ist vor allem, wie der Bau und sein Architekt scheinbar unbeschadet die nationalsozialistische Zeit überstehen konnten.
Das alte Bad vor dem Haus auf der Alb wurde zugeschüttet. Zur Erinnerung gibt es an Ort und Stelle blaue Figuren. Bild: Joachim E. Röttgers
Das alte Bad vor dem Haus auf der Alb wurde zugeschüttet. Zur Erinnerung gibt es an Ort und Stelle blaue Figuren. Bild: Joachim E. Röttgers
Lange Zeit hat dieser Bau, etwas versteckt 82 Meter oberhalb der Stadt im Wald gelegen, nur wenig Beachtung gefunden. Nun rückt er im Zuge des Bauhaus-Jubiläums als herausragendes Exemplar der frühen Moderne wieder in den Blick: konsequent modern, schmucklos weiß verputzt, Flachdächer – was man eben so Bauhaus-Architektur nennt, auch wenn es mit dem Bauhaus eigentlich nichts zu tun hat. Auf den ersten Blick ein Bau wie viele andere, bestehend aus vier Kuben: ein sechzig Meter langer Gästetrakt, leicht abgewinkelt der Wirtschaftstrakt, vorgelagert ein breiterer, flacher Bau mit Gemeinschaftsräumen und im Zentrum ein Treppenturm.
Kurz nach der Fertigstellung. Foto: Architekturmuseum der TU München
Kurz nach der Fertigstellung. Foto: Architekturmuseum der TU München
Die Historie scheint weit entfernt. Dabei hat der Bau einiges erlebt, und es ist keineswegs selbstverständlich, dass er nahezu unversehrt erhalten geblieben ist. Schließlich kamen drei Jahre nach der Eröffnung die Nationalsozialisten ans Ruder, die bekanntlich für die Moderne nicht viel übrig hatten. Wie kam Adolf Schneck überhaupt dazu, mitten in der Weltwirtschaftskrise auf der Schwäbischen Alb ein solches Gebäude zu errichten?
Das Haus hat nicht in die Zeit gepasst
Das Schwimmbad, 1954. Bild: HdG BaWü, Sammlung Holder
Das Schwimmbad, 1954. Bild: HdG BaWü, Sammlung Holder
So kam es, dass Schneck 1927 als einziger Stuttgarter Architekt neben Richard Döcker, dem lokalen Bauleiter, an der Weißenhofsiedlung beteiligt war. Während aber die beiden Häuser Döckers heute nicht mehr erhalten sind, stehen von Schneck am Weißenhof sogar vier: Sein eigenes Wohnhaus baute er außer Konkurrenz, weil er mehr Wohnraum für sich beanspruchte, als dies in einer von der Reichsforschungsanstalt für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen geförderten Siedlung möglich war. Zwei weitere Häuser baute Schneck im folgenden Jahr für private Auftraggeber.
Die Deutsche Gesellschaft für Kaufmannserholungsheime (DGK) gab es bereits seit 1910, gegründet von einem Wiesbadener Textilunternehmer. Nicht den Kaufleuten selbst, sondern deren Angestellten wollte der Verein unter "Fernhaltung von überflüssigem Luxus" einen bezahlbaren Urlaub ermöglichen. Was das heißt, lässt sich anhand der Zahlen von 1935 ermessen: 3,60 Reichsmark pro Tag musste der Kurgast im Haus auf der Alb bezahlen, bei einem durchschnittlichen Arbeitnehmer-Monatseinkommen in Deutschland von 150 Mark.
Eigentlich war das Haus schon seit 1916 geplant. Die Gesellschaft köderte die Kommunen mit dem Angebot, ein solches Heim zu errichten, wenn ihr das Grundstück kostenlos überlassen würde. 45 Gemeinden bissen an, Urach erhielt den Zuschlag.
Das Baugrundstück befand sich außer Sichtweite, über 160 Eichenstufen führt die "Himmelsleiter" in den Wald hinauf. Doch mit dem Haus auf der Alb entwickelte sich Urach zum Luftkurort. Bad Urach nennt sich die ehemalige Residenzstadt der Württemberger erst seit 1983.
Aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten infolge von Weltkrieg und Inflation kam der Bau zunächst jedoch nicht voran. Bis die Gesellschaft 1928 einen Wettbewerb ausschrieb. Den gewann Schneck mit einem höchst funktionalen Bau, der sich an den Hang anschmiegt, den Kurgästen südliche Sonne und eine herrliche Aussicht auf den Albrand beschert, mit einem Turm als Akzent im Zentrum. Wer sich länger mit dem Stuttgarter Hauptbahnhof von Paul Bonatz beschäftigt, erkennt die Verbindungen: auch dies ein höchst funktionaler Bau, nur mit Naturstein verkleidet, während das Haus auf der Alb weiß verputzt ist.
Ein Handwerker alter Schule
Blick ins Tal und auf die Alb. Bild: Architekturmuseum der TU München
Blick ins Tal und auf die Alb. Bild: Architekturmuseum der TU München
Vielleicht war es diese Gediegenheit, seine Position als angesehener Handwerksmeister und Lehrer der Kunstgewebeschule, die es ihm ermöglichte, die NS-Zeit nahezu unbeschädigt zu überstehen. Freilich: völlig unkompromittiert blieb niemand, der in dieser Zeit in Amt und Würden war. Später versuchte Schneck, sich selbst als linken Dissidenten darzustellen, in Wirklichkeit war er eher unpolitisch. Erich Schairer, der ehemalige Mitherausgeber der "Stuttgarter Zeitung", dem er bald darauf ein Haus baute, bescheinigte ihm vor der Spruchkammer eine "politisch einwandfreie Gesinnung". Dass ihm allerdings nach dem Krieg die große Anerkennung versagt blieb, hat er wohl auch ein wenig sich selbst zuzuschreiben.
Nach der Machtergreifung blieb Schneck als Professor im Amt, erhielt aber einen Aufpasser zur Seite gestellt. Er trat nicht dem NS-Dozentenbund bei, wohl aber der NS-Volkswohlfahrt und dem NS-Lehrerbund und wurde Ende 1933 in die Reichskammer der bildenden Künste aufgenommen: die Voraussetzung, um weiter künstlerisch tätig zu sein. Selbst dass er 1937 schließlich doch NSDAP-Mitglied wurde, bewertet die Spruchkammer nur als "Grenzfall".
Dass Schneck in seinen Möbelentwürfen ein wenig von der Moderne abrückte, ist ihm kaum vorzuwerfen. Auch nicht, dass er 1938 aus der Weißenhofsiedlung auszog und sich weiter oben am Killesberg ein anderes, deutlich traditionelleres Haus mit Natursteinsockel und Satteldach baute. Stuttgarts damaliger Oberbürgermeister Karl Strölin wollte den "Schandfleck" am Weißenhof weghaben und an seiner Stelle das Generalkommando V des Heeres errichten. Am Wettbewerb für das Heereskommando nahm letztlich auch Schneck teil. Als Verteidiger der Moderne konnte er sich so später kaum mehr gerieren.
Dr. Georg Goldstein. Bild: privat
Dr. Georg Goldstein. Bild: privat
Georg Goldstein, seit 1912 Leiter der DGK und als Bauherr des Hauses auf der Alb sein Auftraggeber, war zu dieser Zeit bereits tot. Als Jude war er 1933 sofort entlassen worden. Seine beiden Kinder konnten emigrieren, er und seine Frau Margarethe wurden in ein Judenhaus eingewiesen, 1943 nach Theresienstadt deportiert und bald darauf in Auschwitz ermordet. Seit 2009 erinnert ein Stolperstein vor dem Haus auf der Alb an den früheren Direktor.
Das Haus selbst wurde in der Nazizeit zum "Kraft-durch-Freude-Heim" umfunktioniert und im Krieg als Lazarett genutzt. Es wurden aber keine Fensterläden angebracht und kein Satteldach aufgesetzt. Nach dem Krieg diente das Haus kurzzeitig als Ferienheim für französische Kinder, dann als Klinik für Gesichtsverletzte und als Tuberkulosestation, bevor die DGK 1950 ihr Erholungsheim zurückerstattet bekam.
Das Haus auf der Alb wird von der Landeszentrale für politische Bildung als Tageszentrum genutzt. Hellmuth Kuby hat es 1990 saniert. Bild: Joachim E. Röttgers
Das Haus auf der Alb wird von der Landeszentrale für politische Bildung als Tageszentrum genutzt. Hellmuth Kuby hat es 1990 saniert. Bild: Joachim E. Röttgers
Zwischendrin erfuhr das Gebäude-Ensemble ein eher abgehobenes Intermezzo: Die Internationale Meditationsgesellschaft des bekannten Gurus Maharishi Mahesh Yogi mietete das Haus und richtete hier eine Akademie für Transzendentale Meditation ein. Die Gesellschaft hätte das Haus gern gekauft, doch sie wurde misstrauisch beäugt und das Vorhaben kam nicht zustande. Das Gerücht vom "yogischen Fliegen" in Schnecks Haus hat sich aber bis heute gehalten.
"Eine fast weiße Weste" erschien erstmals am 13. März bei Kontext: Wochenzeitung, einer unabhängigen Wochenzeitung mit Sitz in Stuttgart. Wir bedanken uns herzlich dafür, den Beitrag verwenden zu dürfen.