Sie gehört in fast jedem Architekturbüro zur Grundausstattung und leistet Studierenden gute Dienste: Die Bauentwurfslehre von Ernst Neufert. Sie steht in engem Bezug zur Bauhausgeschichte – und findet dennoch auch im großen Jubeljahr kaum Erwähnung. Das ist kein Zufall. Denn sie rüttelt am sorgfältig gepflegten Bauhaus-Image ebenso wie am Selbstbild von Architektinnen und Architekten.
Inzwischen ist die Bauentwurfslehre in der 42. Auflage erschienen. Sie erschien bisher in 22 Sprachen, unter anderem ist sie auf tükisch, chinesisch und mazedonisch publiziert. (BIld: Neufert Stiftung)
Inzwischen ist die Bauentwurfslehre in der 42. Auflage erschienen. Sie erschien bisher in 22 Sprachen, unter anderem ist sie auf tükisch, chinesisch und mazedonisch publiziert. (BIld: Neufert Stiftung)
Ein einflussreiches Denkmal
Ernst Neufert (BIld: Neufert Stiftung)
Ernst Neufert (BIld: Neufert Stiftung)
Wie kommt Bernau auf diesen Neufert-Gedanken? Was ist das für ein besonderes Bauhaus-Monument, das noch heute zur manchmal schamhaft versteckten literarischen Grundausstattung von Architekturbüros zwischen Buenos Aires, Istanbul, Shanghai und Tokyo zählt? Und: Was hat dieses Buch, das ja erst drei Jahre, nachdem das NS-Regime die Schule geschlossen hatte, auf den deutschen Büchermarkt kam und eigentlich einen Langtitel von fast barockem Format trägt, überhaupt mit dem Bauhaus zu tun? 2
Die Bibel des Funktionalismus
Die erste Auflage der BEL von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
Die erste Auflage der BEL von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
Die S. 106 zum Thema Esszimmer aus der Erstveröffentlichung von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
Die S. 106 zum Thema Esszimmer aus der Erstveröffentlichung von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
Studentenhäuser – Raumbedarf: aus der Erstveröffentlichung von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
Studentenhäuser – Raumbedarf: aus der Erstveröffentlichung von 1936. (Bild: Neufert Stiftung)
So einprägsam war das Buch offenbar, dass die Bauwelt 1960 die Anekdote kolportierte, dass man in Spanien zuerst fälschlicherweise annahm, dass „ich neufere, du neuferst usw.“ ein synonymisches Verb für Entwerfen im Deutschen sei. 8
Kein Einfluss?
Das Versandhaus der ehemaligen Quelle GmbH in Nürnberg, 2011. Bild: Janericloebe, Wikimedia CC BY 3.0 (Quelle: >>>)
Das Versandhaus der ehemaligen Quelle GmbH in Nürnberg, 2011. Bild: Janericloebe, Wikimedia CC BY 3.0 (Quelle: >>>)
Lässt sich im historischen Rückblick vielleicht ein kausaler Beweis rekonstruieren? Welche Wirkungen wären dann zu welcher Zeit beschreibbar? Diese Fragen sind durchaus jenseits der theoretischen Spezialistik relevant, denn die Reaktion auf Handbücher war schon lange vor Neuferts Bauentwurfslehre in der planenden Zunft seit dem 19. Jahrhundert – nachzulesen etwa bei Gottfried Semper – einerseits von Skepsis hinsichtlich ihrer Wirkung als nachzuahmende Vorlage auf das Bau-Kunstwerk geprägt. 9 Andererseits waren diese Handbücher aber auch willkommene Orientierungshilfen in den alltäglichen Entwurfsroutinen. So wurden die sich stetig vermehrenden Elemente eines komplexer werdenden Fachwissens seit dem 19. Jahrhundert bis heute gern mit der Metapher der „Flut“ an entwurfsrelevanten Informationen beschrieben, die zu bewältigen und zu sortieren nicht mehr von einem Einzelnen sinnvoll zu leisten sei. Wie baut man etwa einen Bahnhof? Diese Frage ließ sich selbst im spezialisierten Entwurfsbüro nicht mehr „am Zeichentisch“ in mündlicher oder bildlicher Überlieferung vom Meister zum Schüler lösen.
In Gelmeroda bei Weimar baut sich Neufert 1929 ein Wohn- und Atelierhaus unter dem Einfluss des Bauhauses als Prototyp einer geplanten Holzhausserie, das in in nur sechs Wochen errichtet wird. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
In Gelmeroda bei Weimar baut sich Neufert 1929 ein Wohn- und Atelierhaus unter dem Einfluss des Bauhauses als Prototyp einer geplanten Holzhausserie, das in in nur sechs Wochen errichtet wird. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
Neufert und das Bauhaus
Das Neufert Haus beherbergt heute die Neufert Stiftung und Transferzentrum Design der Bauhaus Universität Weimar. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
Das Neufert Haus beherbergt heute die Neufert Stiftung und Transferzentrum Design der Bauhaus Universität Weimar. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
Ernst Neufert war nach Lehre und Baugewerkeschule einer der ersten Studierenden der eben erst gegründeten Schule in Weimar. Allerdings berichtet er selbst später kritisch von einer stets sichtbaren Diskrepanz zwischen programmatischem Anspruch und Wirklichkeit in der Planung und Realisierung von Bauten in jenen frühen Bauhaus-Tagen. Einerseits klang das Bauhaus-Programm hoffnungsfroh und visionär in das materielle wie geistige Elend der Nachkriegszeit. Die radikale Reform der künstlerischen Bildung bis zu einer erhofften Vereinigung der Künste mit dem Ziel, ein großes Gesamtkunstwerk in einem Bau zu schaffen, war ja anfänglich angekündigt. Neufert schien da, wie er selbst behauptete, genau der richtige Mann zu sein, auf den der charismatische Bauhaus-Direktor wartete. Unverbildet durch akademische Umwege, war er talentierter Absolvent der Baugewerkeschule Weimar, deren Direktor Paul Klopfer in zu Gropius empfahl.
Doch fand zu Neuferts großem Bedauern am Weimarer Bauhaus zunächst kein geregelter Unterricht statt und die wenigen Kommilitonen langweilten sich bald so, dass sie entweder die Schule verließen oder, wie Neufert, gleich in das Baubüro von Gropius wechselten. Im Büroalltag hatte er erkannt, dass zwischen den vielen, von Gropius stets hart im Wind des Zeitgeistes segelnde Themen, wie Industrialisierung und Rationalisierung des Wohnungsbaus einerseits, und der tatsächlich chaotischen Büroorganisation sowie den unzureichend betreuten Baustellen andererseits eine schwer zu überwindende Diskrepanz herrschte. Während Gropius wenig später vom Architekten als „allumfassendem Organisator“ träumte, der „alle wissenschaftlichen, sozialen, technischen, wirtschaftlichen und gestalterischen Probleme in einem Kopf zu sammeln und in gemeinsamer Arbeit mit zahlreichen Spezialisten und Arbeitern planvoll zu einem einheitlichen Werk zu verschmelzen hat“ 12, dachte Neufert anders: Selbst inzwischen Hochschullehrer, definierte er die Rolle des Architekten neu, nämlich jenseits des individuellen Zusammendenkers als Organisator schon auf der Ebene der früheren künstlerischen Kernkompetenz – dem Entwurf –, und das unter Zuhilfenahme aktueller betriebswissenschaftlicher Literatur.
Zu Ehren des hundertsten Geburtstags von Ernst Neufert entstand 1999 ein Ausstellungsgebäude im Garten des Neufert Hauses: Die Neufert Box. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
Zu Ehren des hundertsten Geburtstags von Ernst Neufert entstand 1999 ein Ausstellungsgebäude im Garten des Neufert Hauses: Die Neufert Box. (Bild: Gunter Binsack / Neufert Stiftung)
Von Gernit Weckherlin erschien 2017 im Wasmuth Verlag "BEL – Zur Systematik des architektonischen Wissens am Beispiel von Ernst Neuferts Bauentwurfslehre.
Weitere Information >>>
Das ist es mir wert
- 1Nikolaus Bernau: „Das Bauhaus. Schön, schlicht und funktional. Wie eine vor 100 Jahren gegründete Kunstschule zur Marke wurde, mit der sich Ost und West identifizierten.“, in: Berliner Zeitung, 12./13.1.2019, S. 26f.
- 2Ernst Neufert: Bauentwurfslehre. Grundlagen, Normen, Vorschriften über Anlage, Bau, Gestaltung, Raumbedarf, Raumbeziehungen, Maße für Gebäude, Räume, Einrichtungen, Geräte mit dem Menschen als Maß und Ziel; Handbuch für den Baufachmann, Bauherrn, Lehrenden und Lernenden, 1. Aufl., Bauwelt-Verlag, Berlin 1936.
- 3Wolfgang Voigt: „Vitruv der Moderne: Ernst Neufert“, in: Walter Prigge (Hg.): Normierte Baukultur im 20. Jahrhundert, Campus, Frankfurt a.M. u. a. 1999, S. 20–34.
- 4Walter Prigge: Urbanität und Intellektualität im 20. Jahrhundert. Wien 1900, Frankfurt, 1930, Paris 1960. Campus, Frankfurt a.M. u. a. 1996, S. 131.
- 5Rudolf Weilbier: „‚Eine Entwurfslehre in Bilderreihen‘“. Bauwelt-Tafeln als Heft-Beilagen / Verfaßt von Prof. Ernst Neufert“, in: Bauzwelt 26 (1935), H. 14, S. 321.
- 6Ernst Neufert, Johannes Kister Mathias Brockhaus u.a.: Bauentwurfslehre. Grundlagen, Normen, Vorschriften über Anlage, Bau, Gestaltung, Raumbedarf, Raumbeziehungen, Maße für Gebäude, Räume, Einrichtungen, Geräte mit dem Menschen als Maß und Ziel ; Handbuch für den Baufachmann, Bauherrn, Lehrenden und Lernenden, 42. Aufl. Springer Vieweg, Wiesbaden 2019.
- 7Zur internationalen Verbreitung siehe: Gernot Weckherlin: BEL. Zur Systematisierung des architektonischen Wissens am Beispiel von Ernst Neuferts Bauentwurfslehre. Wasmuth, Tübingen Berlin 2017.
- 8Bauwelt-Redaktion: „Im Medaillon“, in Bauwelt 51 (1960), H. 11, S. 294.
- 9wie FN 6. S. 74–80.
- 10Adolf Loos: „Architektur“, in: ders.: Über Architektur. Ausgewählte Schriften, hg. von Adolf Opel, Prachner Wien 1995, S. 78f. Erstm. Veröffentlicht unter dem Titel „Über Architektur“, in: Der Sturm 2 (1910), H. 42, S. 334.
- 11Horst Rittel: „Der Planungsprozeß als iterativer Vorgang von Varietätserzeugung und Varietätseinschränkung“, in: Arbeitsberichte zur Planungsmethodik 4. Entwurfsmethoden in der Bauplanung hg. von Jürgen Joedicke und dem Institut für Grundlagen der modernen Architektur, IGMA, Krämer, Stuttgart u.a. 1970, S. 22.
- 12Walter Gropius: „Der Architekt als Organisator der modernen Bauwirtschaft und seine Forderungen an die Industrie“, in: Friedrich Block (Hg.): Probleme des Bauens, Müller & Kiepenheuer, Potsdam 1928, S. 206.